PfadnavigationHomeWeltplusBackstagePopkulturWas Randphänomene über unsere Gegenwart erzählenVeröffentlicht am 25.03.2026Lesedauer: 3 MinutenQuelle: Brian Cahn/ZUMAPRESS.com/picture alliance; Katja Kuhl; Montage: Infografik WELT/cbHaben Sie schon einmal etwas von der Dritten-Tempel-Theorie gehört? Möglicherweise nicht. Zugegeben, es handelt sich hier auch bloß um ein kulturelles Randphänomen, allerdings eins, das einen größeren Einfluss auf unser Zeitgeschehen haben mag, als man glaubt.Aber der Reihe nach. Reden wir erst einmal über das Fernsehen. Jeden Freitag um 18.15 Uhr, habe ich einen kurzen Spot auf unserem Nachrichtensender WELT TV, wo ich die Aufgabe habe, die Nachrichten des Tages aufzuarbeiten. Eingeteilt in „Gewinner“ und „Verlierer“, in „Aufreger“ und „News des Tages“. Sechs bis sieben Minuten, vier Themen. Das ist die Herausforderung. MEINE WELT, MEINE MEINUNG heißt das Format. Dabei versuche ich, im Gegensatz zu den anderen Kollegen, die sonst eingeladen sind, einen etwas anderen Fokus zu finden. Weg von der sehr harten Innen- und Außenpolitik oder der rein wirtschaftlichen Analyse, hin zu den vermeintlich leichteren, popkulturellen Themen. Alles andere können meine Kollegen sehr viel besser einordnen, als ich es jemals könnte.Lesen Sie auchPopkultur. Das ist es, was mich reizt. Aber nicht auf einer oberflächlichen Ebene. Mich interessiert nicht das Offensichtliche, sondern das, was darunterliegt. Die Codes, die Brüche, die unterschwelligen Erzählungen, die sich in popkulturellen Zeitgeist-Phänomenen offenbaren. Ich nehme Randphänomene ernst. Denn gerade Dinge, die zunächst klein, absurd oder nebensächlich wirken, erzählen oft mehr über unsere Gegenwart als das, was im Zentrum steht. So wie mit der Dritten-Tempel-Theorie. Im jüdischen Glauben gilt der Wiederaufbau des größten Heiligtums als Teil des messianischen Zeitalters, das mit dem Kommen des Messias verbunden ist. Im Christentum deutet man dieses Ereignis ein wenig düsterer. Demnach würde mit dem Wiederaufbau die Endzeit beginnen, heißt es in der Eschatologie, der Lehre vom Ende der Dinge: Es wäre der Auftakt zur Apokalypse, zum Ende der Welt und zur Erhebung der wahren Gläubigen in das Reich Gottes. So weit, so randständig. Eigentlich.Doch es gibt eine Verschwörungstheorie, nach der orthodoxe Kräfte diesen Tempel wieder aufbauen wollen, um die Endzeit herbeizuführen, was einige als den wahren Auslöser für den Iran-Krieg sehen. Diese Theorie ist tief in den Glauben der MAGA-Bewegung eingedrungen. Das bekommt man schnell mit, wenn man Leuten wie Tucker Carlson genau zuhört. Sie verbreiten sie vehement. Und richten sich damit gegen Donald Trump, dem seine wahre Machtbasis auf diese Weise nach und nach wegbricht. Eine einfache Verschwörungstheorie? Ja, aber eine mit einem enormen politischen Impact. Das, was ich in meinen TV-Beiträgen als Impuls gebe, versuche ich, in meinen Artikeln tiefgründiger auszuführen.Lesen Sie auchUnd wie ich auf meine Themen komme? Nun, da wären wir bei meinem eigentlichen Job. Ich bin Online-Redaktionsleiter, das bedeutet, dass ich gemeinsam mit einem fantastischen Team dafür verantwortlich bin, wie die digitale Präsenz der WELT aussieht. Welcher Text ist so wichtig, dass er Aufmacher wird? Welche Nachricht ist von so hoher Relevanz, dass sie gepusht werden muss? Bei welchen Themen erkennen wir ein so hohes Leserinteresse, dass es sich lohnt, in den Ressorts noch einmal nachzufassen?Ich bewege mich täglich in dieser Nachrichtenflut, sehe, welche Themen groß werden, welche wieder verschwinden und was plötzlich Aufmerksamkeit bindet. Und genau dort beginne ich zu suchen: nach den kleinen Verschiebungen, den scheinbar beiläufigen Phänomenen, die mehr über unsere Gegenwart erzählen als die großen Schlagzeilen selbst. Das Austarieren von beiden Aspekten, den großen Nachrichten und den kleinen Geschichten, die etwas über unsere Gesellschaft erzählen, ist der Balanceakt, der meine tägliche Arbeit prägt.Herzliche GrüßeDennis Sand, Redaktionsleitung Online & Autor für PopkulturDieser Beitrag entstand am 25. März 2026 in unserer Reihe „Backstage“, in der wir in zweiwöchigem Rhythmus den WELTplus-Abonnenten die Arbeit in der Redaktion vorstellen. Alle 14 Tage verschaffen wir Ihnen besondere Einblicke in den Redaktionsalltag wie diesen hier.