Kein Charisma und ziemlich spröde: Wer hat Angst vor Gadi Eisenkot?Der unscheinbare Ex-General fordert Israels Regierungschef Benjamin Netanyahu heraus – und liegt in Umfragen bereits vorn.27.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenFührend in den Umfragen: der israelische Politiker Gadi Eisenkot.Amir Cohen / ReutersWer nach grossen Visionen und noch grösseren Worten, nach Charisma und glänzenden Auftritten sucht, der wird bei Gadi Eisenkot nicht fündig. In Interviews ist er ein trockener, bisweilen gar monotoner Gesprächspartner. Politische Grabenkämpfe meidet er. Weggefährten beschreiben den Politiker stattdessen als Arbeitstier, das selbst über Kontrahenten kein schlechtes Wort verliert.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Trotzdem stehen seine Chancen gut, Israels nächster Ministerpräsident zu werden. In den Umfragen jedenfalls überholte seine Partei Jaschar (hebräisch für «geradeaus», «aufrichtig») zuletzt erstmals Benjamin Netanyahus Likud. Auf 23 Parlamentssitze kann er zurzeit hoffen, der Likud kommt auf 22. Ein hauchdünner Vorsprung, gewiss. Dennoch, im Likud hat man Eisenkot längst als gefährlichsten Kontrahenten ausgemacht.Stellt sich die Frage: Wer ist der Mann, der «Bibi» Netanyahu zittern lässt?Kein Soldat aus LeidenschaftAufgewachsen im südlichen Eilat als Sohn marokkanischer Einwanderer, war er schon in jungen Jahren keine Plaudertasche. «Er war ein sehr ruhiger und introvertierter Junge», erinnerte sich ein ehemaliger Lehrer an ihn in der Lokalpresse. Den meisten Israeli wurde er dann vor allem als Armeechef bekannt. Von 2015 bis 2019 diente er als Generalstabschef der israelischen Streitkräfte. Ein Soldat aus Leidenschaft war er dabei nie.Nach der Schule absolvierte er den Militärdienst wie Hunderttausende andere. «Jedes Jahr dachte ich ans Aufhören, aber dann habe ich mich wieder für ein Jahr verpflichtet», so erzählte Eisenkot es einmal der Lokalzeitung von Eilat. Insgesamt verbrachte er 41 Jahre in Uniform.Anfang der 1980er Jahre übernahm Eisenkot seinen ersten Leitungsposten, wurde Kompaniechef in der Golani-Brigade. Heute zählt sie zu den renommiertesten und traditionsreichsten Infanterieverbänden Israels. Damals aber hatte die Brigade den Ruf einer rauen Truppe.Gleich am ersten Tag ordnete der junge Offizier für sechs Uhr morgens einen Dauerlauf für den gesamten Zug an. Am nächsten Morgen standen aber nur zwei vor ihm: sein Stellvertreter und ein einziger pflichtbewusster Rekrut. Der Rest der Truppe, allen voran die Altgedienten, hatte sich nicht gerührt.Also ging Eisenkot selbst ins Zelt, direkt zum Kräftigsten unter ihnen, «Popeye» genannt. Er blieb vor dessen Bett stehen und kippte es kurzerhand mitsamt dem Schläfer um. Wenn es sein muss, legt Eisenkot selbst Hand an.Loyal, aber mit Hang zum WiderspruchDoch Eisenkot ist nicht nur ein harter Brocken. Wen er führt, den schützt er auch. So beendete er seinen Dienst als Golani-Kompaniechef vorzeitig, weil er seine Soldaten aus dem Urlaub zurückholen sollte. Für eine Veranstaltung, die er für unbedeutend hielt. Nach dem Kampfeinsatz in Libanon, fand er, hätten sie sich die freien Tage verdient. Der Brigadekommandant sah es anders, doch Eisenkot blieb stur.Es sind zwei Episoden, zwei Seiten desselben Charakters. Er zeigt Härte gegenüber sich selbst und anderen, wenn es denn die Sache verlangt. Er ist gleichzeitig aber loyal gegenüber jenen, die ihm unterstehen. Auch dann, wenn es der eigenen Karriere schaden könnte.Es ist diese Kompromisslosigkeit, ob nach oben oder unten, die Wegbegleiter von ihm immer wieder erwähnen. «Eisenkot ist ein Mann, der nicht zögert, seine Meinung zu äussern, egal ob es sich um den Ministerpräsidenten oder sonst wen handelt», lobte einmal der ehemalige Mossad-Chef Meir Dagan.Geschadet hat ihm der Hang zur Aufmüpfigkeit nicht. Im Gegenteil, im Februar 2015 war Eisenkot ganz an der Spitze angelangt: Er wurde Chef der israelischen Armee, ernannt von Benjamin Netanyahu. «Gadi Eisenkot ist die richtige Person am richtigen Ort zur richtigen Zeit», lobte der Ministerpräsident damals.Ganz anders reagierte seine eigene Mutter, sie schien nicht allzu glücklich mit der Entscheidung. Denn Esther Eisenkot hatte andere Pläne für ihren Sohn. Sie hätte sich «natürlich» gewünscht, dass er Rabbiner werde, antwortete sie damals in einem Interview. «Aber wenn Gott es wollte, dann soll es so sein.»Auch Eisenkot selbst hatte sich nicht um den Posten gerissen. Es war nämlich nicht das erste Mal, dass ihm das Kommando über die israelischen Streitkräfte angeboten wurde. Schon 2011 hatte ihm der damalige Verteidigungsminister Ehud Barak das Amt angetragen.Doch Eisenkot verzichtete, aus Loyalität zum dienstälteren Benny Gantz. «Ich spüre, dass ich reif und bereit bin, Generalstabschef zu werden. Aber der Richtige, für die Armee und für den Staat Israel, ist jetzt Gantz», soll er gesagt haben.Ein Politiker mit vagem politischem ProfilVon der Armeeführung nun also an die Spitze der Regierung, das ist der Plan. Zumindest statistisch stehen die Chancen nicht schlecht. Von den bislang 24 Generalstabschefs der israelischen Armee gingen 13 später in die Politik. Zwei von ihnen wurden Ministerpräsident, Yitzhak Rabin und Ehud Barak. Vier übernahmen das Verteidigungsministerium, weitere waren als Minister oder Abgeordnete der Knesset tätig.Das Problem ist nur: Niemand weiss so recht, wo und wofür er politisch eigentlich steht, nicht einmal seine eigene Frau. «Er sagt immer, er wisse nicht, was Chana wählt, und sie wisse nicht, was er wählt», berichtete einmal ein Freund der Familie.Am ehesten lässt er sich wohl in der moderaten Linken verorten. So sprach er sich jahrelang gegen den weiteren Ausbau israelischer Siedlungen im Westjordanland aus. Erst nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 kam dann eine vorsichtige Kehrtwende.Die Gründung eines palästinensischen Staates sei zumindest unter den gegenwärtigen Umständen «irrelevant», erklärte er. Und übernahm damit eine Position, die ein breiter Teil der israelischen Öffentlichkeit teilt. Ob er mit diesem vorsichtigen Herantasten an konservative Positionen tatsächlich Wähler rechts der Mitte überzeugen wird? Fraglich.Netanyahu weiss diese Uneindeutigkeit auszunutzen. Jüngst kritisierte er Eisenkot als zu vorsichtig und zu nachgiebig im Umgang mit Israels Feinden. Wäre es nach Eisenkot und seinen Verbündeten gegangen, wäre die Hamas noch heute an der Macht, so ätzte Netanyahu. Man hätte nie den Gazastreifen kontrolliert, nie den Süden Libanons gesichert, nie Hizbullah-Chef Hassan Nasrallah eliminiert. «Aus der Perspektive von Gadi Eisenkot und seinen Kollegen hiess das im Grunde, dass wir am Ende mit nichts dastehen», sagte der Ministerpräsident.Eisenkot profitiert von ermüdeten WählernFragt sich nur, ob die Attacken wirklich verfangen. Netanyahus gesamte Karriere beruht auf dem Versprechen, der starke Mann zu sein, der dem Land Sicherheit bringt. Jahrzehntelang hat das bei den Wählern funktioniert. Seit dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 aber, den Anschlägen gegen Juden mit den meisten Todesopfern seit dem Holocaust, bröckelt dieses Bild.Selbst langjährige Likud-Wähler zweifeln inzwischen, ob Netanyahu sein Versprechen noch einlösen kann, und fragen sich, ob die Angriffe nicht auch mit seinen eigenen Fehlern zu tun haben. Im Land macht sich Ermüdung breit, über eine grell-laute «Bibi»-Show, die viel verspricht und wenig hält.Davon profitiert Eisenkot. Er ist, in gewisser Weise, die Antithese zu Netanyahu. Ein Mann des Volkes, unaufgeregt, wortkarg, ganz ohne die geschliffene Bühnenpräsenz seines Kontrahenten. Hinzu kommt etwas, was sich nicht inszenieren lässt. Eisenkot hat selbst erlebt, was dieser Krieg kostet, sein Sohn fiel als Soldat im Kampf.Ob aus dem stillen General tatsächlich ein Ministerpräsident wird, wird sich zeigen. Die Umfrageergebnisse können sich drehen. Sicher ist nur, dass Netanyahu es mit einem Gegner zu tun hat, den er sehr ernst nehmen muss.Passend zum Artikel