Schock folgt auf Schock: Jetzt bedroht ein Super-El-Niño die WeltwirtschaftDas Klimaphänomen soll 2026 besonders stark ausfallen. Nach dem Energieschock durch den Iran-Krieg drohen nun noch höhere Preise für Lebensmittel und mehr Logistikprobleme.27.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenHitze und Dürre sind ein Problem für die Landwirtschaft: ein Traktor auf einem Feld in Frankreich im Juli 2026.Stéphane Mahé / ReutersDie Wirtschaft kommt 2026 nicht zur Ruhe, eine Krise folgt auf die andere. Zuerst hat der Krieg am Persischen Golf die Preise für Erdöl und daraus hergestellte Produkte wie Diesel und Dünger weltweit in die Höhe getrieben. Dann folgte eine Hitzewelle und Dürre in Europa. Dadurch dürfte beispielsweise in Frankreich die Weizenernte schwach ausfallen. Wegen der tiefen Pegelstände am Rhein und an anderen wichtigen Wasserstrassen können Schiffe immer weniger Fracht aufnehmen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Jetzt droht der Wirtschaft der nächste Schlag: das Wetterphänomen El Niño. Laut Forschern soll es 2026 besonders stark ausfallen. Die seit Jahrhunderten beobachtete klimatische Erscheinung baut sich alle paar Jahre über dem Pazifik auf, erreicht meistens zur Weihnachtszeit ihren Höhepunkt und bringt Luftströmungen und Niederschläge weltweit durcheinander. Als Folge können Dürre, Hitze, Unwetter und Überschwemmungen in vielen Teilen der Welt die Infrastruktur beschädigen, Lieferketten erheblich stören und zu Ernteausfällen von Südamerika über Afrika bis nach Asien führen.Von Preisschocks bis zu sozialen UnruhenWirtschaftlich steht viel auf dem Spiel: Ein Super-El-Niño, wie er derzeit mit einer Wahrscheinlichkeit von 81 Prozent von Experten vorausgesagt wird, träfe die Wirtschaft in einem Moment, in dem sie kaum Puffer hat, um einen Schock abzufedern, wie ein Analyst der Deutschen Bank jüngst festhielt.Die Effekte würden über mehrere Kanäle wirken: höhere Lebensmittelpreise, anziehende Energiepreise und mehr Lieferkettenstörungen. Verwundbar seien vor allem Schwellenländer, in denen es sogar soziale Unruhen geben könnte.Gemäss Forschern des amerikanischen Dartmouth College verursacht ein El Niño weltweite Einkommensverluste von mehreren Billionen Dollar. Zwar sind derlei Hochrechnungen mit Vorsicht zu geniessen, sie zeigen jedoch die potenzielle Dimension der Schäden.Hitzebedingte Ernteverluste und von heftigen Unwettern verursachte Logistikprobleme würden die Teuerung anheizen. Der Internationale Währungsfonds (IWF) geht davon aus, dass das Klimaphänomen die Preise für Rohstoffe (ausgenommen Energieträger) um etwa 5,5 Prozent innerhalb eines Jahres steigen lässt.Mit der Trockenheit steigt auch das Risiko von Waldbränden: ein Feuer in Frankreich im Juli 2026.Manon Cruz / ReutersIn den USA sind die Preise für Agrarprodukte an den Terminmärkten seit Jahresbeginn bereits kräftig gestiegen: für Reis um gut 40 Prozent, für Weizen um mehr als 30 Prozent und für Baumwolle um über 25 Prozent. Dabei waren die herrschende und die erwartete Witterung jedoch nur ein Faktor unter mehreren.Auch beim Kakaopreis macht sich das extreme Wetter bereits bemerkbar: Seit Meteorologen im vergangenen Monat vor dem Super-El-Niño gewarnt haben, hat der Preis für Kakao um 50 Prozent zugelegt. Das sind schlechte Nachrichten für Schweizer Schokoladenfabrikanten wie Lindt & Sprüngli und Barry Callebaut, weil die Kosten steigen.Zugleich verzeichnete auch der Reispreis einen Schub. Die weissen Körner sind in vielen Ländern Asiens das Hauptnahrungsmittel und entsprechend wichtig für die Versorgung der Bevölkerung. Mit Blick auf den drohenden El Niño haben laut der britischen Bank HSBC die Länder Indonesien und Malaysia bereits mit Zukäufen von Reis begonnen.Erschwerend hinzu kommt ein bislang schwacher Monsunregen dieses Jahr in Indien, der zu Wasserknappheit führen könnte und den Ernteertrag im bevölkerungsreichsten Land der Welt zu schmälern droht. Das kann auch Folgen für andere Länder haben, da Indien ebenfalls ein grosser Exporteur von Reis ist.Grosse Risiken neben der Reisernte bestehen laut Allianz Research aufgrund von Dürre, geringen Lagerbeständen und möglichen Exportrestriktionen auch für Zucker und Palmöl. Für Kakao und Kaffee der Sorte Robusta könnte das Angebot sinken, während es für Sojabohnen, Mais und Arabica-Kaffee aufgrund günstiger Wetterbedingungen in anderen Regionen zu fallenden Preisen kommen könnte.El Niño wirkt nicht überall schädlich, in manchen Weltgegenden kann er die Ernte auch begünstigen. Ein Beispiel dafür ist die jüngste Hitzeperiode in Europa. «Die Hitzewelle fiel genau in die Pflanzsaison, besonders in Teilen Südeuropas, während Teile Nordeuropas von der Hitze profitierten, da die Wärme für die dortige Pflanzsaison vorteilhaft war», sagt Nikhil da Victoria Lobo, Leiter der Sach- und Unfallversicherung beim Rückversicherer Swiss Re in Zürich. Es sei also schwierig vorherzusagen, wie sich Wettereinflüsse genau auf die Produktion in der Landwirtschaft auswirkten, da dies vom Zeitpunkt des Auftretens abhänge. Das gelte auch für die Folgen eines starken El Niño.Düngerknappheit als zusätzliches ProblemBesonders für Schwellenländer rund um den Globus wäre ein Super-El-Niño ein zweiter schwerer Schlag: Zuerst hatte die Sperre der Strasse von Hormuz gravierende Folgen für Rohstoffexporte und den Preis für Dünger, der in der Golfregion aus Erdgas hergestellt wird.In Entwicklungsländern schränkten Bauern deshalb den Anbau ein. Durch den Super-El-Niño drohen ihnen nun weitere Verluste bei der Produktion. Darüber hinaus könnte das jüngste Aufflammen der Kämpfe zwischen den USA und Iran die globale Versorgung mit Düngemitteln erneut einschränken. Etwa ein Drittel des globalen Angebots an Harnstoff, einem wichtigen Dünger-Bestandteil, stammt vom Persischen Golf.Hinzu kommen die Auswirkungen protektionistischer Massnahmen. Gerade bei Lebensmitteln sind Regierungen oft bereit, Preiskontrollen einzuführen, strategische Reserven aufzubauen oder Exporte zu beschränken, um die Versorgung der eigenen Bevölkerung zu sichern. Auf dem Weltmarkt erzeugt das jedoch schlimmstenfalls Knappheiten für importabhängige Länder und führt zu einem weiteren Teuerungsschub. Gemäss der Wall-Street-Bank Goldman Sachs wurden bei Agrarrohstoffen in den vergangenen Jahren besonders viele protektionistische Handelsbarrieren errichtet.Extremes Wetter kommt öfter vor: Eine Frau watet durch ein Hochwasser in Assam. Der indische Gliedstaat ist für den Teeanbau bekannt.Hafiz Ahmed / ReutersAuch die Taifun-Saison in Asien dürfte stärker ausfallen, da El Niño die Entstehung von Wirbelstürmen auf dem Meer begünstigt. So wütete beispielsweise der Taifun «Doksuri» im Juli 2023 in China, Taiwan, Vietnam und den Philippinen. Die daraus entstandenen Schäden beziffert der deutsche Rückversicherer Munich Re auf rund 25 Milliarden Dollar.In Kombination mit dem laufenden Klimawandel dürfte ein starker El Niño auch für Mitteleuropa zur Herausforderung werden. Die Versicherungsbranche bereitet sich schon auf eine Welle von Schadensmeldungen vor. Zugleich drohen die steigenden Preise für Agrarprodukte die ohnehin schon erhöhte Inflation anzuheizen.Die Ökonomen von Oxford Economics schätzen sogar, dass die Sommerhitze der letzten Wochen im kommenden Jahr die Lebensmittelpreise stärker erhöhen werde als der Krieg in der Ukraine, die ein wichtiger Weizenproduzent ist. El Niño könnte den Trend noch verstärken, so dass sich die Teuerung bei Lebensmitteln um einen Prozentpunkt erhöhe, schreibt das Beratungsunternehmen.Kein Reisanbau möglich: Wegen der Dürre verbuchen Landwirte in Aceh Besar, Indonesien, im Jahr 2026 Verluste.Hotli Simanjuntak / EPADarüber hinaus dürften die Schäden durch Naturkatastrophen weiter zunehmen. Bereits in den vergangenen sechs Jahren beliefen sich die versicherten Schäden gemäss Swiss Re auf über 100 Milliarden Dollar pro Jahr. Ein Teil des Anstiegs ist auf den Klimawandel zurückzuführen. Doch auch andere Faktoren spielen eine Rolle, etwa die Demografie.Das beflügelt die Geschäfte von Rückversicherern. Das Abdecken von Risiken durch Hurrikane und Überschwemmungen ist nach wie vor die Hauptaufgabe für Konzerne wie Swiss Re. Extreme Hitze stelle dagegen eine unsichtbare Gefahr dar, die das Leben selbst, die Produktivität und die Gesundheit der Menschen beeinträchtige, sagt Victoria Lobo. Oft träten die Effekte erst mit zeitlicher Verzögerung ein. Eine Hitzewelle, die durch El Niño verstärkt werden kann, verschärft zudem Naturphänomene wie Waldbrände oder Hochwasser und verursacht Schäden an der Infrastruktur.Sie können Michael Rasch auf den Plattformen X, Linkedin und Xing folgen.Passend zum Artikel
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