AnalyseEl Niño: Die nächste Bewährungsprobe für die Weltwirtschaft kommt aus dem PazifikDas Wetterphänomen könnte Dürren und Überschwemmungen bringen und bedroht wichtige Agrarregionen, während geopolitische Konflikte die Nahrungsmittelversorgung weiter gefährden. Es gibt aber auch strukturelle Gewinner in den Bereichen Infrastruktur, Wasser und Baumaterialien.Während Anleger gebannt auf die Entwicklungen am Persischen Golf und die Verhandlungen zwischen den USA und Iran blicken, baut sich im Pazifik ein Risiko auf, das in der Vergangenheit immer wieder globale Lieferketten, Agrarmärkte und Rohstoffpreise erschüttert hat: El Niño.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenThemarket.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das gefürchtete Wetterphänomen entsteht aus einer wiederkehrenden Erwärmung der Meeresoberfläche vor der südamerikanischen Pazifikküste. Der Name El Niño leitet sich aus dem Spanischen für «Christkind» ab, da die ungewöhnliche Aufheizung des Meeres oft genau um die Weihnachtszeit ihren Höhepunkt erreicht.Weltweite Wettermuster ändern sichNormalerweise dominieren im Südpazifik starke Passatwinde, die warmes Oberflächenwasser nach Westen in Richtung Indonesien und Australien treiben, während vor der Küste Südamerikas kaltes Tiefenwasser aufsteigt. Schwächen sich diese Winde ab, fliesst das warme Wasser zurück nach Osten. Die dadurch freigesetzte Wärme hat genügend Kraft, um die Wettermuster weltweit zu verändern.Wie El Niño die Niederschlagsverteilung in unterschiedlichen Teilen der Welt verändert. Orange Zonen: trockener als normal. Blaue Zonen: feuchter als normal.Quelle: Weltorganisation für MeteorologieSo kann ein einzelnes El-Niño-Ereignis gleichzeitig Dürren in Australien und Teilen Afrikas, Überschwemmungen in Südamerika, abgeschwächte Monsune in Asien und generell höhere globale Durchschnittstemperaturen auslösen. Experten der zur Uno gehörenden Weltorganisation für Meteorologie (WMO) und der US-Wetterbehörde NOAA (National Oceanic and Atmospheric Administration) gehen derzeit mit hoher Wahrscheinlichkeit davon aus, dass sich im Verlauf der zweiten Jahreshälfte 2026 ein solches El-Niño-Ereignis ausbilden wird.Für sich genommen wäre das nichts Aussergewöhnliches. El Niño tritt regelmässig in Abständen von etwa zwei bis sieben Jahren auf. Doch jeder El Niño verläuft in seiner Intensität anders. Die Klimarisikoforscher der NOAA warnen bereits, dass diesmal ein sehr starkes El-Niño-Ereignis bevorstehen könnte, vergleichbar mit den Extremen von 1997/98 oder 2015/16.Die wirtschaftlichen Folgen sind eindrücklich: Ein Forscherteam des amerikanischen Dartmouth College hat errechnet, dass das starke El-Niño-Ereignis von 1997/98 die Weltwirtschaft über einen Zeitraum von fünf Jahren rund 5700 Mrd. $ gekostet hat. Dies durch zerstörte Infrastruktur, Ernteausfälle, Produktivitätsverluste, Lieferkettenprobleme und steigende Lebensmittelpreise.Weniger Weizen aus Australien, weniger Reis aus IndienFür Anleger ist nun entscheidend, welche Folgen sich für Rohstoffe, Lieferketten und die Unternehmensgewinne daraus ergeben.Gemäss David Thomas, Portfoliomanager der Robeco-Biodiversity-Equities-Strategie, unterschätzen die Märkte die langfristigen Kosten des Klimawandels: «Extreme Wetterereignisse wie El Niño werden nach wie vor weitgehend als vorübergehende Störungen betrachtet, obwohl Klimaschwankungen immer häufiger, heftiger und wirtschaftlich bedeutender werden.» In Kombination mit geopolitischen Spannungen, erhöhten Rohstoffpreisen und bereits angespannten Agrarmärkten könnten derartige Klimaschocks schnell zu Unruhen in der Bevölkerung, Inflation, sinkenden Unternehmensmargen und Volatilität an den Aktienmärkten führen, folgert der Experte.So gehören die Agrar-und die Rohstoffmärkte zu den grössten Verlierern von Phasen eines starken El Niño. Australien beispielsweise, einer der wichtigsten Weizenexporteure der Welt, erlebt wegen Hitzewellen oft grössere Ertragseinbussen. In Indien und Teilen Südostasiens kann ein geschwächter Monsun die Reisproduktion beeinträchtigen. In Indonesien und Malaysia steigt das Risiko für Dürren und Waldbrände, die sich unter anderem auf die Produktion von Palmöl auswirken können.Bestehende Belastungen werden verstärktBesonders aufmerksam verfolgen Agrarökonomen die Entwicklung in Mittelamerika. Der sogenannte Trockenkorridor (Dry Corridor), der sich durch Guatemala, Honduras, El Salvador, Nicaragua und Panama zieht, gehört zu den Regionen, die sehr empfindlich auf El Niño reagieren. Dort leben Millionen Menschen direkt von kleinbäuerlicher Landwirtschaft. Fallen Mais- und Bohnenernten aus, entstehen nicht nur lokale Versorgungsprobleme. Die wirtschaftlichen Folgen reichen häufig bis zu verstärkten Migrationsbewegungen in Richtung Nordamerika, was dort wiederum für soziale Unruhen sorgen kann.In Panama könnte die Trockenheit zudem dazu führen, dass der wichtige Panama-Kanal nicht mehr passierbar ist. Der Wasserstand, der vom Regen im Einzugsgebiet abhängig ist, ist gegenwärtig bereits sehr niedrig, da Regenfälle schon seit längerem ausgefallen sind.In Peru und Ecuador dagegen steigt die Gefahr von Starkregen und Überschwemmungen. Auch Teile Ostafrikas, Zentralasiens und Nordamerikas können von ungewöhnlich starken Niederschlägen betroffen sein. Die Folge sind beschädigte Infrastruktur, unterbrochene Transportwege und Wiederaufbaukosten.Hinzu kommt, dass ein starker El Niño jetzt bereits bestehende Belastungen verstärken wird, wie David Thomas argumentiert: Die Spannungen im Nahen Osten haben bereits Auswirkungen auf Energie- und Düngemittelmärkte. Seit die Meerenge von Hormuz blockiert ist, sind die Preise für Düngemittel drastisch in die Höhe geschossen. Fallen dann noch Ernten aus, nimmt die Belastung für Hersteller und Verbraucher zu.Die Schäden nehmen zuTrotz aller Risiken wäre ein starker El Niño heute kaum mit den Katastrophen des 19. Jahrhunderts vergleichbar. Frühwarnsysteme, modernere Infrastruktur, globale Handelsnetze und verbesserte Bauvorschriften haben die Widerstandsfähigkeit vieler Volkswirtschaften erhöht.Verbesserte Baupraktiken in den USA etwa konnten die zuvor erwarteten Schäden durch Hurrikane um 60 bis 65% reduzieren, wie Berechnungen von Swiss Re ergeben haben. «Gleichzeitig sehen wir aber, dass durch höhere Wertekonzentrationen in exponierten Gebieten die versicherten Schäden seit Jahren um 5 bis 7% steigen. Deshalb sind Anpassung und Prävention entscheidend, um betroffene Regionen widerstandsfähiger zu machen. Zu den wirksamsten Massnahmen zählen strengere Bauvorschriften, risikobasierte Raumplanung, Investitionen in resiliente Infrastruktur, Hochwasserschutzsysteme sowie verbesserte Frühwarnsysteme», erklärt die Medienstelle des Rückversicherers auf Anfrage.Anleger müssen sich nun fragen, welche Unternehmen von diesen milliardenschweren Investitionen profitieren, die notwendig sind, um die betroffenen Regionen widerstandsfähiger zu machen.Was Schweizer Unternehmen leisten könnenGemäss Portfoliomanager David Thomas sind El-Niño-Gewinner in den Bereichen Wasserinfrastruktur, Kühlsysteme, Hochwasserschutz sowie Abfallwirtschaft und Recycling zu finden, da hier die Investitionen zunehmen müssen, angetrieben durch steigende wirtschaftliche Auswirkungen und wachsende politische Unterstützung. «Dies schafft eine strukturell attraktive Anlagechance, die durch langfristige Nachfrage gestützt wird», so Thomas.Aus der Schweiz ist Georg Fischer (GF) besonders gut positioniert. Die Division GF Piping Systems liefert Rohrleitungssysteme für Wassertransport und Infrastrukturprojekte und ist damit direkt in einem Markt positioniert, der durch staatliche Klimaanpassungsmassnahmen langfristig wachsen dürfte.Gemäss Thomas sind auch Anbieter von Stromnetzausrüstung und Spezialisten für Elektrifizierung gefragt, da extreme Wetterereignisse die Nachfrage nach widerstandsfähigeren, dezentralen und flexiblen Energiesystemen ankurbeln. Hier könnten ABB und auch die kleine Landis+Gyr zu den indirekten Gewinnern gehören. Stromnetze müssen modernisiert werden, um Ausfälle zu vermeiden. Genau hier liegen die Kernkompetenzen der beiden Konzerne.Ein weiterer möglicher Profiteur dürfte Belimo sein. Der Hersteller von Heizungs-, Lüftungs- und Klimakomponenten profitiert langfristig von steigenden Investitionen in energieeffiziente Kühlsysteme. Wenn Hitzewellen häufiger und intensiver werden, steigt weltweit die Nachfrage nach moderner Gebäudetechnik, wie Belimo sie liefert. Die Aktien notieren diese Woche auf neuem Allzeithoch, was auch die Bewertung nach oben getrieben hat.Bausektor ist mit Lösungen gefragtIm Bausektor dürften gemäss Thomas Baumaterialunternehmen profitieren, die auf kohlenstoffarmen Zement und Sanierungslösungen setzen.Die Produkte des Bauzulieferers Sika etwa kommen bei Sanierungen, Wasserabdichtungen, Dächern und Infrastrukturprojekten zum Einsatz. Genau diese Bereiche gewinnen an Bedeutung, wenn Extremwetterereignisse häufiger auftreten. Wie kein anderer Schweizer Konzern ist Sika weltweit mit Produktion und Niederlassungen präsent und erlangt durch die Übernahme kleinerer Anbieter Marktzugang auch in entlegenen Regionen. Peru, ein El-Niño-Hotspot, gilt derzeit als einer der am schnellsten wachsenden Märkte des Konzerns, wie ein Sprecher gegenüber The Market erläutert. Sika ist in Peru stark im Bauchemiegeschäft verankert und betreibt in Lima einen Produktions- und Entwicklungsstandort für Betonzusatzmittel, Mörtel, Abdichtungslösungen und weitere Bauprodukte. 2024 hat sie zudem eine neue Produktionsstätte für synthetische Makrofasern zur Betonverstärkung eröffnet, die vor allem im Tunnel- und im Bergbau eingesetzt werden, beliefert werden Kunden in ganz Lateinamerika. Mit der Übernahme des peruanischen Baustoffherstellers Chema, der über vier Werke und ein landesweites Vertriebsnetz verfügt, hat Sika die Marktposition in Peru zusätzlich ausgebaut.Nach der Abspaltung von Amrize konzentriert sich Holcim verstärkt auf Lateinamerika, das der Baustoffkonzern als einen seiner attraktivsten Wachstumsmärkte einstuft, wie Verwaltungsratspräsident Kim Fausing kürzlich im Gespräch mit The Market ausführte. Auch hat sich Holcim im Bereich der kohlenstoffärmeren Zemente und Baustoffe mit ihren Ecocycle-Produkten aussichtsreich positioniert.In Südamerika baut das Unternehmen das Geschäft mit höherwertigen Baulösungen aus und profitiert von Urbanisierung, Industrialisierung und staatlichen Infrastrukturinvestitionen. Ähnlich wie bei Sika unterstreicht die Übernahme des peruanischen Baustoffherstellers Cementos Pacasmayo, der über mehrere Zementwerke sowie ein landesweites Vertriebsnetz verfügt, die strategische Bedeutung des umsatzmässig noch kleinen, aber profitablen Marktes.ABB, Holcim, Belimo und Sika gehören ins DepotEl Niño ist insgesamt ein globaler Stresstest für die Rohstoffmärkte, die Lieferketten und die politische Stabilität. Er bringt aber auch eine Reihe struktureller Gewinner hervor. Dazu zählen «Unternehmen, die dazu beitragen, dass Volkswirtschaften unter zunehmendem Klimastress funktionieren können», wie David Thomas es formuliert.Aus Sicht von The Market sind ABB, Holcim, Belimo und Sika diesbezüglich am besten positioniert und gehören ins Depot von langfristig orientierten Anlegern. Bei Georg Fischer gibt es Aufholpotenzial, das Unternehmen befindet sich nach einer umfangreichen Restrukturierung im zweiten Übergangsjahr. Hier ist Geduld gefragt.Die derzeitige Hitzewelle in der SchweizDer Einfluss von El Niño auf das Wetter in Europa ist in der Regel klein und führt in der Schweiz wenn überhaupt eher zu tendenziell kühlerem und feuchterem Wetter, wie Alexander Giordano, Meteorologe beim Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie, MeteoSchweiz, erklärt. «Die Hitzewelle der kommenden Tage ist auf ein umfangreiches und relativ unbewegliches Hochdruckgebiet zurückzuführen, das über einen längeren Zeitraum hinweg heisse Luft subtropischen Ursprungs zu uns führt.» Zusammen mit der langen Sonneneinstrahlung und dem hohen Luftdruck bewirkt das die derzeit in der Schweiz aussergewöhnlich hohen Temperaturen.
El Niño: Die nächste Bewährungsprobe für die Weltwirtschaft
Das Wetterphänomen könnte Dürren und Überschwemmungen bringen und bedroht wichtige Agrarregionen, während geopolitische Konflikte die Nahrungsmittelversorgung weiter gefährden. Es gibt aber auch strukturelle Gewinner in den Bereichen Infrastruktur, Wasser und Baumaterialien.












