Die 23-jährige Danish Ali ist Teil der Kakerlakenbewegung in Indien. Auch nach dem Rücktritt des Bildungsministers geht ihr Kampf weiter.Die Gen Z demonstriert für ein gerechteres Bildungssystem.Ahmer Khan, Delhi26.07.2026, 15.59 Uhr5 LeseminutenDie 23-jährige Danish Ali gehört zu den Gesichtern der Gen-Z-Proteste in Indien.Ahmer Khan für NZZaSAls Danish Ali zum ersten Mal zum Jantar Mantar in Delhi kam, hätte sie sich nie vorstellen können, dass die Proteste zu einer der grössten Studentenbewegungen werden würden, die Indien seit Jahren erlebt hat. Ali ist 23, Doktorandin an der Jawaharlal-Nehru-Universität und Organisatorin bei einer linksgerichteten Studentenvereinigung. Sie gehörte zu den ersten Demonstranten auf dem Platz.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Vor einigen Tagen ist sie zusammen mit anderen sogar in einen Hungerstreik getreten und ernährt sich seither von kaum mehr als Wasser und Salz. Über ihren Entscheid, nichts mehr zu essen, sagt Ali: «Wir haben einen Hungerstreik begonnen, um zu zeigen, dass die Studierenden selbst bereit waren, für ihre Rechte zu kämpfen.»Die Bewegung, der sie angehört, entstand fast zufällig. Im Juni bezeichnete ein hochrangiger Richter in einer Äusserung vor Gericht einige junge Menschen als «Kakerlaken und Parasiten». Der Ausdruck, der abwertend gemeint war, bewirkte das Gegenteil. Die Studierenden machten ihn zu einem Namen und einem Slogan: «Cockroach Janata Party». Sie hat aber kein Parteibüro und kein Wahlprogramm.Eine WitzparteiDie «Partei» ist ein Witz, und der Witz ist der springende Punkt – die Gen Z in Indien hat sich eine Beleidigung zu eigen gemacht. Sie trägt sie zur Schau. Erst kursierten Memes auf Social Media. Doch angeheizt durch den Aktivisten Abhijit Dipke wurde daraus echter Protest und eine Besetzung von Jantar Mantar, dem einstigen astronomischen Observatorium und symbolträchtigsten Protestplatz Delhis. Seit mehr als 45 Tagen campieren hier Tausende von Studierenden, Lehrenden, Eltern und Aktivisten.Die Kakerlakenbewegung gibt nicht auf: Die jungen Menschen in Indien harren auf den Strassen aus.Elke Scholiers / GettyDie Forderung der jungen Menschen war von Anfang an: der Rücktritt des Bildungsministers Dharmendra Pradhan. Doch ihre Kritik ist umfassender. Das öffentliche Bildungssystem, so sagen sie, habe eine ganze Generation im Stich gelassen.Prüfungslecks sind in den vergangenen zehn Jahren zu einem der prägenden Skandale des indischen Bildungswesens geworden: Fast neunzig dokumentierte Lecks und Schummeleien gab es zwischen 2014 und 2024, sowohl auf nationaler als auch auf bundesstaatlicher Ebene.Der schwerwiegendste Fall ereignete sich in diesem Jahr. Am 3. Mai legten rund 2,3 Millionen junge Menschen die medizinische Aufnahmeprüfung NEET-UG ab, um sich um einen der knapp 130 000 Studienplätze zu bewerben. Neun Tage später annullierte die Nationale Prüfungsagentur den Test, nachdem Ermittler festgestellt hatten, dass eine vorab in Umlauf gebrachte Probeprüfung sich stark mit den tatsächlichen Fragen deckte. Es folgten Berichte über Selbstmorde von Studierenden.Zweiter Anlauf für die Zulassungsprüfung fürs Medizinstudium. Die erste wurde wegen Betrugsverdachts annulliert.ANI News / ImagoAli selbst hat auch schlechte Erfahrungen gemacht mit dem indischen Prüfungssystem. Im Jahr 2024 reiste sie vier Stunden, nur um am sogenannten UGC-NET teilzunehmen, dem Test, der über Stipendien, Lehrstellen und die Zulassung zur Promotion entscheidet. Doch auch dieser wurde nach einer Indiskretion abgesagt. «Das war kein Einzelfall», sagt sie, «und dennoch hat kein Minister die Verantwortung übernommen.»Fragt man die Studierenden, warum sie auf dem Protestplatz seien, dreht sich die Antwort schnell nicht mehr um Prüfungen, sondern um Arbeit und um die Zukunft. Indien ist das bevölkerungsreichste Land der Welt und eine der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften, doch seine jungen Menschen finden keine Arbeitsplätze.Laut einem Bericht der Internationalen Arbeitsorganisation und des Instituts für menschliche Entwicklung aus dem Jahr 2024 machen junge Menschen rund 83 Prozent der Arbeitslosen des Landes aus. Je besser die Ausbildung, desto schlechter ist jedoch ihre berufliche Ausgangslage: Die Arbeitslosigkeit unter jungen Hochschulabsolventen lag bei fast 29 Prozent – und damit viel höher als bei jenen, die weder lesen noch schreiben können. Für viele Familien ist der einzige Ausweg aus dem Prekariat, eine Stelle im öffentlichen Dienst zu ergattern.Staat versagtDanish Ali stammt aus Khargone, einem Dorf in Zentral-Madhya-Pradesh. Hier sah sie, was sie letztlich an die Demonstrationen auf dem Jantar Mantar trieb. Ihre beiden Eltern unterrichteten im Dorf an einer staatlichen Schule, und als Kind begleitete sie diese oft zur Arbeit. Was sie dort erlebte, blieb ihr im Gedächtnis: karge Klassenzimmer und die Kinder von Arbeitern und Bauern, die ohne die Grundausstattung kamen, die andere Schüler für selbstverständlich hielten. «Ich erlebte aus nächster Nähe die Zustände und sah, wie der Staat darin versagt, auch den ärmsten Bürgern eine öffentliche Bildung zu gewährleisten. Deshalb bin ich so frustriert.»Ihren Hungerstreik beschreibt sie in unverblümten körperlichen Begriffen. Die Hitze eines Sommers in Delhi habe den Streik fast unerträglich gemacht. Sie habe sechs Kilogramm abgenommen. Schliesslich sank ihr Blutzucker, ihr Körper konnte keine Flüssigkeit mehr speichern. Sie wurde ins Krankenhaus gebracht, wo sie intravenös Flüssigkeit erhielt. Andere führen den Hungerstreik ohne sie fort.Am vergangenen Montag, als die Monsunsitzung des Parlaments begann, erreichte der Protest einen Wendepunkt. Tausende versuchten in Richtung des Parlamentsgebäudes zu marschieren; die Polizei reagierte mit Absperrungen, Tränengas und Schlagstöcken. Mehrere Demonstranten wurden verletzt, mindestens zwei Schüler wurden von Kugeln aus Schrotflinten getroffen, einer von ihnen verlor sein Augenlicht. Bilder von rauchgefüllten Strassen verbreiteten sich innerhalb weniger Minuten im Internet. Das harte Durchgreifen bewirkte allerdings, dass die Bewegung noch grösser wurde. Solidaritätsmärsche und Mahnwachen breiteten sich weit über die Hauptstadt hinaus aus, alle mit derselben Forderung: Bildungsminister Pradhan muss gehen.Das harte Durchgreifen der Sicherheitskräfte am vergangenen Montag stärkte den Widerstand der jungen Menschen. Sie organisierten Solidaritätsmärsche und Mahnwachen.Vipin / APAngesichts des Drucks brach der Regierungschef Narendra Modi am späten Freitagabend sein Schweigen – nicht mit einer Ansprache, sondern mit einem Video im Selfie-Stil, das er auf Social Media veröffentlichte. Er erklärte, seine Regierung sei dem Schutz der Studenten verpflichtet. Er betonte, der Dialog sei äusserst wichtig, und kündigte in einem zweiten Clip einen Gesetzesentwurf mit strengeren Strafen für das Leaken von Prüfungsfragen an. Auf die zentrale Forderung nach dem Rücktritt des Ministers ging er nicht ein. Die «Cockroach Janata Party» fand die Reaktion unzureichend. Die Proteste gingen weiter.Der ehemalige Bildungsminister Dharmendra Pradhan.Hindustan Times / ImagoAuch Ali zeigte sich zunächst enttäuscht. «Pradhans Rücktritt würde zeigen, dass gewöhnliche Studierende die Machthaber zur Rechenschaft ziehen können», sagt sie am Telefon. «Aber auch ohne diesen Rücktritt würde ich die Bewegung nicht als Misserfolg bezeichnen. Sie hat bereits die Sicht der Menschen auf Proteste verändert. Viele, die solche Bewegungen einst kritisiert haben, erkennen nun die Bedeutung von Meinungsverschiedenheiten in einer Demokratie an.»Am Samstag musste Modi einlenken, Pradhan trat zurück. Die Studierenden reagierten euphorisch. «Die Demokratie lebt!», hiess es auf den Strassen Delhis. «Modi kann sich nun nicht mehr verstecken!»Wir erreichen auch Ali noch einmal. Sie ist glücklich und sagt kämpferisch: «Die Regierung hat sich mit der falschen Generation angelegt!» Ihre Stimme tönt fester als noch vor einem Tag. Sie weiss: Der grössere Kampf für öffentliche Bildung und die Rechte der Jugend wird weitergehen.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
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Die Gen Z demonstriert für ein gerechteres Bildungssystem.















