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Proteste in Indien: Narendra Modi verliert die Mittelschicht In Indien weiten sich die Proteste der Kakerlaken-Partei gegen die Regierung aus. Vordergründig geht es um Skandale im Bildungssystem. Dahinter steht der Frust über geringe Aufstiegschancen.

Anhänger der Cockroach Janta Party protestieren in Kolkata: Sie fordern den Rücktritt des indischen Bildungsministers. Foto: AFPBangkok. Während sich in Indiens Hauptstadt Tausende versammeln, um gegen die Bildungspolitik und schlechte Jobchancen zu demonstrieren, macht Indiens Premierminister Narendra Modi einen einsamen Eindruck. Es ist die Nacht auf Freitag in Neu-Delhi, wenige Minuten vor Mitternacht, als sich der 75 Jahre alte Politiker per Videobotschaft an die revoltierende Jugend richtet.Statt – wie ansonsten üblich – eine seiner aufwendig produzierten TV-Ansprachen zu halten, spricht Modi in die Selfie-Kamera eines Smartphones. Er filmt sich leicht von unten. Seine Nase erscheint dadurch etwas größer, die Augen etwas müder als sonst. Die Berater, die normalerweise für die perfekte Inszenierung des Regierungschefs zuständig sind, haben womöglich schon Feierabend. Was bleibt, ist ein alter Mann und sein Telefon.In der zwei Minuten und 56 Sekunden langen Aufnahme versucht Modi, die Wut gegen seine Regierung einzufangen, die sich bei jungen Inderinnen und Indern in den vergangenen Monaten aufgestaut hat. Sie richtet sich gegen Skandale im Bildungssystem und entlädt sich nun in einer Reihe von Großkundgebungen. „Nichts ist wichtiger als das Wohlergehen und die Zukunft unserer Jugend“, sagt Modi in dem Video. „Diejenigen, die versuchen, die Zukunft unserer Jugend zu schädigen, werden nicht verschont bleiben“, fügt er hinzu.Demonstranten fordern Rücktritt des BildungsministersDoch bereits am Morgen ist klar, dass Modis Selfie-Statement an der aufgeladenen Stimmung in dem bevölkerungsreichsten Land der Welt wenig ändert. Die Regierungsgegner, die sich bisher vor allem auf Kundgebungen in der Hauptstadt konzentriert haben, riefen für Freitag zu landesweiten Protesten auf. „Nichts anderes als der Rücktritt von Bildungsminister Dharmendra Pradhan ist für uns akzeptabel“, sagte Abhijeet Dipke, der Anführer der Jugendbewegung. „Unser Protest wird nicht abgesagt.“Abhijeet Dipke: Der Gründer der „Cockroach Janta Party“ (Kakerlaken-Partei) spricht während einer Protestaktion. Foto: Shekhar Yadav/AP/dpaDipke ist Gründer der ursprünglich als Satireaktion gegründeten Cockroach Janata Party (CJP) – übersetzt: Kakerlakenvolkspartei. Der Name der Aktivistengruppe spielt auf eine abfällige Äußerung eines indischen Verfassungsrichters an, der arbeitslose Jugendliche als Kakerlaken bezeichnet hatte.Dipke setzte sich daraufhin zum Ziel, die CJP zur „Stimme der ausgebrannten Jugend“ zu machen. Er traf damit einen Nerv, wie sich am öffentlichen Interesse an seiner Aktion in sozialen Medien ablesen lässt. Allein auf Instagram knackte die Kakerlakenpartei innerhalb weniger Tage die Marke von 20 Millionen Followern.Inzwischen ist die CJP zu einer der größten innenpolitischen Herausforderungen für Regierungschef Modi seit seinem Amtsantritt vor zwölf Jahren angewachsen. Am Montag organisierte sie trotz des Verbots der Behörden einen Protestmarsch Richtung Parlament. Es kam zu Zusammenstößen mit der Polizei, die die Protestierenden mit Tränengas zurückdrängte und mit Schlagstöcken auf sie einschlug.Proteste der Kakerlaken-Partei in Neu-Delhi am 22. Juli. Foto: Getty ImagesVordergründig ist es ein sehr spezifisches Thema, das Dipke und seine Mitstreiter auf die Straße treibt: Die Aktivisten machen die Regierung – und allen voran den Bildungsminister – verantwortlich für eine gescheiterte Zulassungsprüfung zu Medizinstudiengängen. Mehr als zwei Millionen junge Menschen hatten daran teilgenommen. Die Ergebnisse wurden jedoch für ungültig erklärt, weil Prüfungsfragen zuvor geleakt worden waren. Die Teilnehmer mussten daraufhin zu einer Wiederholungsprüfung antreten – angesichts des hohen Vorbereitungsdrucks, der auf den Studienanwärtern lastet, löste das Empörung aus.Modi will nach Skandalprüfung hart durchgreifenModi verspricht nun, gegen korrupte Behördenmitarbeiter, die sich Prüfungsfragen entlocken lassen, hart vorzugehen. Das Durchsickern der Fragen sei „keine Kleinigkeit“ und „äußerst schmerzhaft“ für Hunderttausende Studenten. Er fügte hinzu, dass die Täter bereits gefasst seien und seine Regierung „Schnellgerichte und strenge Strafen“ durchsetzen werde, um ähnliche Vorfälle in Zukunft zu verhindern.Die tieferliegenden Probleme bleiben von den Maßnahmen jedoch unberührt. Die geleakten Prüfungsunterlagen seien nur ein Symptom von Indiens Schwierigkeiten, kommentiert Parikshit Ghosh, Ökonomieprofessor an der Delhi School of Economics. Das Land leidet aus seiner Sicht darunter, dass es nur wenige gut bezahlte Jobs gibt, um die Millionen Menschen ringen. „Die CJP-Bewegung protestiert gegen Korruption innerhalb dieses Systems“, stellt er fest. „Das grundlegende Problem ist das System selbst.“Premierminister Narendra Modi: Hartes Vorgehen gegen korrupte Behördenmitarbeiter. Foto: REUTERSBesonders gut ausgebildete junge Inderinnen und Inder bekommen zu spüren, dass Indiens Wirtschaftswachstum für sie nicht automatisch mit sozialem Aufstieg einhergeht – im Gegenteil. Laut dem „State of Working India 2026“-Report der Azim-Premji-Universität in Bangalore waren zuletzt elf Millionen der 63 Millionen Hochschulabsolventen zwischen 20 und 29 Jahren arbeitslos – fast jeder Fünfte. Das Problem hat sich in den vergangenen Jahren verschärft. 2011, wenige Jahre vor Modis Amtsantritt, war nur jeder achte Absolvent ohne Job.Proteste könnten für Modi gefährlich werdenDer wachsende Frust über die Jobmisere könnte Modi und seiner Partei BJP aus Sicht von Beobachtern politisch gefährlich werden. „Die Kakerlaken-Bewegung findet Unterstützung bei Wählern der städtischen Mittelschicht, einer der größten Wählergruppen der BJP, und könnte einen politischen Umschwung einläuten“, heißt es in einer Analyse des Hamburger GIGA Institute for Asian Studies. „Für die Oppositionsparteien bietet sich in diesem Moment die Chance, eine geeinte Front zu bilden.“ Verwandte Themen IndienUnterstützer der Cockroach Janata Party in Dhaka: „Stimme der ausgebrannten Jugend“. Foto: AFPDie nächsten landesweiten Parlamentswahlen stehen in Indien zwar erst 2029 an. Bereits im kommenden Jahr ist jedoch eine Reihe bedeutsamer Regionalwahlen geplant, unter anderem in Indiens bevölkerungsreichstem Bundesstaat Uttar Pradesh.Modi dürfte darauf hoffen, dass der Aufstand der Jugend schon deutlich früher endet. Verhandlungen zwischen den Aktivisten und Regierungsvertretern brachten am Freitag aber keinen Durchbruch. Einigen konnten sich beide Seiten lediglich darauf, am Samstag zu neuen Gesprächen zusammenzukommen. Veröffentlicht nach den redaktionellen Standards des Handelsblatts. Mehr Informationen finden Sie in unseren Richtlinien. Mehr zum Thema Unsere Partner Anzeige remind.me Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen Anzeige ImmoScout Jetzt kostenlos den Wert deiner Immobilie ermitteln Anzeige IT BOLTWISE Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik Anzeige Presseportal Direkt hier lesen! 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