Um 22 Uhr bringt ein Islamist den Tod zum Christopher Street Day. Bericht aus einer Stadt, die ihre Leichtigkeit verloren hatHunderttausende feiern am Samstag in Berlin beim Christopher Street Day auf den Strassen. Doch am Abend findet die Party ein brutales Ende, als ein junger Mann ein Auto in die Menge steuert. Unter den Besuchern macht sich Entsetzen breit.26.07.2026, 12.56 Uhr3 LeseminutenPolizisten am Tatauto im Berliner Tiergarten.Christian Mang / REUTERSAm späten Samstagabend ist das Zentrum Berlins in blaues Licht getaucht. Krankenwagen und Mannschaftswagen der Polizei rasen durch die Strassen, die zu diesem Zeitpunkt für Autofahrer schon weiträumig abgesperrt sind. Am Potsdamer Platz stehen Polizisten mit Maschinenpistolen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Kurz zuvor hatte hier der Christopher Street Day ein brutales Ende gefunden. Hunderttausende feierten dieses Hochamt der queeren Community, das zugleich Party und Demonstration für Toleranz und Weltoffenheit ist. Doch dann brachte ein Attentäter Gewalt und den Tod über das friedliche Fest.Ein junger Mann raste gegen 22 Uhr mit einem gemieteten weissen Minivan in eine Menschenmenge im Tiergarten, Berlins zentralem Park. In unmittelbarer Nähe, am Brandenburger Tor, lief zu diesem Zeitpunkt die Abschlussveranstaltung. Eine Frau starb noch vor Ort, sechzehn weitere Menschen wurden verletzt. Der Täter floh. Sein Name soll Abdoul B. lauten, er ist 21 Jahre alt, seine Familie kommt aus dem Libanon. Die Polizei rechnet ihn dem islamistischen Milieu zu. Erst im Mai wurde er aus dem Jugendarrest entlassen.Die Polizei reagierte schnell und räumte in kaum mehr als einer Stunde den gesamten Tiergarten und begann die Suche nach dem Täter. Am Kemperplatz nahe des Tatorts versorgen nach der Tat Rettungskräfte die Verletzten. Hier informiert auch Polizeisprecher Florian Nath in regelmässigen Abständen die zahlreichen Journalisten. Wer Zugang zum Platz möchte, muss sich erklären. Rotes Flatterband umgrenzt die Szene.Polizei und Rettungskräfte versorgen Verletzte.dts Nachrichtenagentur / ImagoBeschwörende Worte vom BürgermeisterGegen Mitternacht kommt Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner zum Tatort. Der Christlichdemokrat blickt ernst und wirkt angespannt. Er sagt die inzwischen bei Politikern nach solchen Taten üblichen beschwörenden Worte: «Wir lassen uns unsere Art des Lebens und Zusammenlebens nicht nehmen.»Ein Mann und eine Frau mit Glitzer im Gesicht stehen am Rand des Geschehens. Der Mann sagt, er sei als DJ tätig. Wenn er bei grossen Veranstaltungen auflege, habe er schon seit langer Zeit kein gutes Gefühl mehr. Bei Menschenmengen fühle er sich nicht mehr sicher.Berlin, Leipzig, Magdeburg, München, Trier: Dass jemand ein Auto in eine Menschenmenge steuert, geschieht seit Jahren immer wieder. Es ist ein Muster, und es hat den Alltag der Deutschen verändert. In vielen Fällen sind es Männer, die dem Islamismus anhängen und aus migrantischem Milieu stammen.Weihnachtsmärkte oder eben der Christopher Street Day müssen mit Sperren und teils massivem Polizeiaufgebot gesichert werden. Der Schatten einer diffusen Bedrohung hängt über dem öffentlichen Raum.Nirgendwo ist das so deutlich zu spüren wie im Berliner Tiergarten. In den neunziger Jahren tanzten auf der durch den Park führenden Strasse des 17. Juni Millionen von Menschen ausgelassen bei der Loveparade, dem legendären Technorave. Nach dem Mauerfall war die Stadt in Aufbruchsstimmung, alles schien möglich. Doch das unbeschwerte Berlin hat seine Leichtigkeit verloren.Der Regierende Bürgermeister sorgt in dieser Nacht einen Moment lang für Stirnrunzeln: «Ich glaube, dass der Christopher Street Day sehr gut geschützt war», sagt er. «So traurig es ist, aber hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht.» Wegner will offenbar Polizei und Veranstalter loben, doch lenkt er den Blick so auf die Frage: Wie konnte es geschehen, dass jemand in unmittelbarer Nähe der Abschlussveranstaltung mit dem Auto in den Tiergarten und in eine Menge rast?Am frühen Morgen zieht eine Masse junger Menschen ziellos durch die Stadt. Einige wirken, als kämen sie von der Fastnacht: Junge Männer mit nacktem Oberkörper, einer mit Korsage, ein anderer in römischer Toga. Aus einem Kiosk in der Stresemannstrasse unweit des Potsdamer Platzes erschallt laute Musik, davor tanzen Partylustige – ob sie vom Anschlag nur noch nicht gehört haben oder Abdul B. zum Trotz tanzen, ist nicht klar. Die Polizei sucht ihn zu diesem Zeitpunkt immer noch.Passend zum Artikel