Für sie: Vom Markt zur ModeFrüher landeten Ideen vom Laufsteg irgendwann auf Touristenmärkten, heute ist es umgekehrt. Nehmen wir den Kreuzstich. Der ist in diesem Sommer überall und wird auf weißen Kleidern, Hosen und Tops getragen. Die Handsticktechnik, bei der sich zwei diagonale Stiche zu einem kleinen x überkreuzen, suchte man in den letzten Jahren auf italienischen und französischen Vintage-Märkten – aber eher auf Tischdecken. Was dann passierte, ist reine Spekulation. Es scheint, als sei jemand auf die Idee gekommen, aus dem alten Stoff Kleidungsstücke zu machen. Farm RioJetzt hat sich das Konzept, Omas blumig-verpixelte Tischtextilien aufzutragen, vollends durchgesetzt, und überall, auch bei eher konservativen Modelabels wie Weekend Max Mara werden florale Motive gestickt, was das Zeug hält (hier zu sehen ein Look von Farm Rio auf mytheresa.com). Dass Märkte mittlerweile ein so großes Inspirationsfeld für Einkäufer und Designteams sind, muss daran liegen, dass der Gen Z in den Städten wegen Digitalnormierung langsam die Vibes ausgehen, die Modekonzerne klauen könnten. Außerdem wird einem gleich kulturelle Aneignung vorgeworfen, wenn man mal auf Inspirationsreise nach Marokko geht. Aber dass in diesem Sommer ausgerechnet der bieder-naive Kreuzstich zu einem Hit werden würde, konnte wirklich niemand ahnen. Die Sehnsucht nach etwas, das nicht so aussieht, als käme es aus einer Fabrik, scheint riesengroß zu sein, die nach einem neuen, ordentlichen Boho-Look auch. Schade, dass es am Ende wieder Modeketten wie Zara sein werden, die auch diese Sehnsüchte befriedigen.Für ihn: Von Eton bis EthnoAuch die Herrenmode erlaubte sich in den vergangenen Jahren einige, äh, Sentimentalitäten, die aber nur auf den ersten Blick Spielereien waren – die sichtbare Naht etwa, die es mittlerweile auch wieder ins Möbeldesign und sogar als abgesetzte Randverstärkung vermehrt auf Autositze von Mittelklassewagen geschafft hat. Dann gab es auf den Laufstegen allerlei grob gehäkelte oder auch geflickte Elemente zu bestaunen, die so aussahen, als ob Oma noch mal Leistung gezeigt hätte – tatsächlich aber Ausweis von High Fashion waren. Und jetzt also der Kreuzstich und andere auffällige Stickereien, hier beispielhaft beim Berliner Edel-Ethno-Label Panos Gotsis vorgemacht (und schon ausverkauft). Panos GotsisNicht immer sind Stickmuster bei Herrenkleidung derart ornamental, aber egal, ob klein oder großartig – die Botschaft ist jedes Mal klar: made by humans! Wer so was trägt, setzt ein kulturelles Statement, das für Handwerk, Identität und eben die Rückkehr dekorativer Textilkunst steht. Wenn etwas aussieht wie handgemacht – sei es nun eher DIY oder historisch überliefert oder aus einer luxuriösen Manufaktur –, setzt es der standardisierten Massenproduktion etwas entgegen. Ein Kreuzstich gegen die Vampire der Fast Fashion. Dieses Bedürfnis ist nicht ganz neu, seit jeher machen Gentlemen durch feine Stickerei die Qualität ihrer Garderobe (und ihrer selbst) deutlich – ein dezent eingesticktes Monogramm auf der Ärmelmanschette, Initialen im Sakkofutter oder das bestickte Taschentuch, das in ungefähr jedem viktorianischen Roman eine Rolle spielt – schon immer war Gesticktes Ausweis von Maßanfertigung und individueller Schneiderkunst. Heute reichen versteckte Hinweise aber nicht mehr, heute muss das Ganze bold sein. Sehr gerne, wenn es so gut aussieht wie bei diesem Stück.
Kreuzstich und Stickerei - der Mustertrend der Mode
Überall prägt der Kreuzstich diesen Sommer die Mode auf Kleidern und Herrenbekleidung. Handarbeit und florale Motive ersetzen Fabrikware und symbolisieren Individualität.








