«Soziale Netzwerke und KI verdienen deutlich mehr Ablehnung, als ihnen derzeit entgegengebracht wird»Ob Roboter oder künstliche Intelligenz: Technologie provoziert Widerstand. Der Forscher Thomas Dekeyser hat darüber ein Buch geschrieben. Er erklärt, warum schon die alten Griechen ihren eigenen Erfindungen nicht trauten und Marx Laternen zerschlagen hat.Kalina Oroschakoff, Ruth Fulterer26.07.2026, 05.30 Uhr7 Leseminuten«Grenzenloser Widerstand»: Mitglieder der Gruppe Aufstände der Allmende vor dem neuen Rechenzentrum Beringen. (3.7.2026)ANDREAS BECKER / KEYSTONEIn der Schweiz ruft im Juli die Aktivistengruppe Aufstände der Allmende zum «Grenzenlosen Widerstand gegen Datenzentren» auf. Es gelte das Netzwerk der «Tech-Oligarchen» zu überwerfen, gar anzugreifen. Im Kampf gegen die digitale Herrschaft schliessen die Aktivisten auch Gewalt nicht aus.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Schweizer Aktivisten sind mit ihrer Wut nicht alleine. In offenen Warnbriefen internationaler Forscher und Buhrufen von Uniabsolventen äussert sich ein wachsendes Unwohlsein gegenüber der Künstlichen Intelligenz. Aber der Widerstand gegenüber der Technologie ist keine neue Erscheinung.Während seiner Rede vor Absolventen der University of Arizona Mitte Mai musste Eric Schmidt mehrfach wegen lauter Rufe innehalten.Quelle: University of ArizonaDer Dozent für Humangeografie Thomas Dekeyser hat über die Ablehnung der Maschine ein Buch geschrieben: über Gegner der Technik, die es schon viel länger gibt als die Maschinenstürmer des 19. Jahrhunderts. Der Forscher nennt das Techno-Negativität.Herr Dekeyser, dem Open-AI-Chef Sam Altman wurde aufgelauert, auf Social Media kursieren Videos von Menschen, die Roboter zu Boden schlagen. Was facht Widerstand gegen Technologie an?Der Widerstand kann ökonomische oder moralische Gründe haben. Aber sehr oft sind die Gründe tief philosophisch. Menschen sorgen sich darum, wie eine Technologie das Menschsein verändert: ob es nun smarte Brillen sind oder KI. Historisch gesehen ist bei KI einzigartig, dass die Verdrängung des Menschen aktiv willkommen geheissen wird. Leute wie Elon Musk feiern die Tatsache, dass wir nur ein Zwischenschritt auf dem Weg zu einer digitalen Superintelligenz sind.Dieser Wunsch, uns selbst überflüssig zu machen, ist historisch neu?Ich sehe es als einzigartig für den Diskurs um künstliche Intelligenz ab 1950. Vielleicht beginnt es etwas früher, mit der Kybernetik. Aber diese Prämisse, es gebe eine Form der Intelligenz, die dem menschlichen Leben, der menschlichen Intelligenz und den menschlichen Fähigkeiten nicht nur in nichts nachsteht, sondern diese sogar übertrifft, das ist nach ausserordentlich.Zur PersonPDThomas DekeyserDer belgische Forscher ist Dozent für Humangeografie an der britischen University of Southampton. Im März dieses Jahres kam sein erstes Buch «Techno-Negative: A Long History of Refusing the Machine» im Verlag Minnesota University Press heraus.Ist auch einzigartig, dass die politischen und wirtschaftlichen Eliten diese Idee begrüssen?Seit den Ursprüngen des Kapitalismus sind die Verknüpfungen zwischen Technologie, dem Staat und dem Kapital enger geworden. Das bedeutet mehr Enthusiasmus für neue Technologien, denn die steigern die Renditen. Die jetzige Begeisterung für KI passt in dieses Raster. Vor dem Kapitalismus gab es eine zynischere Sicht, vor allem vonseiten des Staates. Automatisierung war den Mächtigen suspekt, weil man sich darum sorgte, dass die Arbeiter arbeitslos würden und hungrig auf die Strassen gehen würden, um sich zu erheben.Die meisten Menschen erleben Technologie als Bereicherung und spüren zugleich negative Seiten, etwa bei KI oder Smartphones. Wäre der vernünftige Umgang damit nicht einfach, sich Regeln zu überlegen, um die Vorteile zu nutzen und die Nachteile zu verringern?In der heutigen Zeit gibt es zwei Imperative bei Technologie. Entweder man findet das Neue aufregend und nimmt es so schnell wie möglich an. Oder den reformistischen Umgang: Wir nehmen das Neue an, aber wir müssen es besser managen. Mein Problem mit dieser Sicht ist, dass sie den Status quo stark akzeptiert und nur ein bisschen mehr Spielraum erkämpfen will, damit die Dinge erträglicher werden. Das Techno-Negative erweitert den Horizont. Da fragen wir uns: Welche Art der technologischen Zukunft wollen wir eigentlich?Ist Technologie an sich etwas Schlechtes?Nein. Und ich finde es sehr verdächtig, wenn jemand so etwas sagt. Menschliches Leben ist schon immer mit Technologie verknüpft – und die ist an sich nicht böse. Diese Sicht, dass nur ein natürliches, technikbefreites Leben gut ist, das führt schnell zu diesem Bild einer Gemeinschaft auf dem Land: Man nutzt nur traditionelle Werkzeuge, alle sind weiss, und die Frauen sind «Trad-Wives». Eine Art Ökofaschismus also.Diese Idee, dass Technologie schlecht sei wird aber von Aktivisten für ihre Agenda instrumentalisiert. Unterstützen Sie das?Wir müssen uns gegen die Vorstellung wehren, dass Technologie an sich etwas Schlechtes ist. Wir müssen uns stattdessen anschauen: welche Wertesysteme, welche Idee des Menschen und der Welt spiegelt eine Technologie wider. Der Widerstand gegenüber Technologie kann emanzipativ, aber auch sehr reaktionär sein. Wir müssen Wege finden, hierbei zu unterscheiden.Dennoch schreiben Sie, es gebe «nicht genug Hass auf diese technologische Welt». Warum hassen wir Ihrer Meinung nach nicht genug?Die negativen Gefühle, diese Leidenschaft, die Menschen empfinden, werden meiner Meinung nach oft sehr schnell in eine gewisse Richtung gelenkt: «Ach, wir brauchen einfach nur etwas bessere Regulierung.» Doch gerade wenn man bei diesen negativen Gefühlen bleibt, wenn man sich auf diese Negativität einlässt, entsteht Raum für eine radikalere Vorstellungskraft.Welche Technologien verdienen Ihrer Meinung nach mehr Ablehnung?Soziale Netzwerke als Überwachungs- und Aufmerksamkeitsmaschinen verdienen deutlich mehr Ablehnung, als ihnen derzeit entgegengebracht wird. Ähnlich verhält es sich mit der KI. Ihre Befürworter zielen ganz offen darauf ab, Menschen zu ersetzen – mit möglichen Folgen wie struktureller Arbeitslosigkeit. Auch das ist eine Form von Gewalt, die ein gewisses Mass an Ablehnung verdient.Wirklich? Damit legitimieren Sie ja nur den gewalttätigen Widerstand.Ich plädiere keineswegs für irgendeine Form von Gewalt angesichts dieser Technologien. Ich bin nicht Ted Kaczynski und behaupte nicht, dass wir Briefbomben an Wissenschafter verschicken müssen. In meinem Buch zeichne ich nach, was zu diesen reaktionären oder wirklich ziemlich problematischen Formen des Widerstands gegen Technologie führt. Und für mich geht es dabei immer darum, welche Vorstellung vom Menschen im Kern all dessen steht.Sind es die jüngsten Ausschreitungen, die Sie dazu veranlasst haben, die Geschichte des Widerstands nachzuzeichnen?Nein, der Auslöser war ziemlich nerdig: Ich bin auf die französische Gruppe Clodo gestossen. Das steht für «Comité Liquidant ou Détournant les Ordinateurs», also Komitee zur Stilllegung oder Zweckentfremdung der Computer. Die haben in Südfrankreich in den 1980ern Anschläge auf IT-Firmen verübt. Ich fand das ungeheuerlich und zugleich interessant. Und ich begann zu recherchieren, seit wann es Widerstand gegen technischen Fortschritt gibt. Seit es Technologie gibt, besteht Widerstand dagegen. Das kommt in der Geschichtsschreibung aber kaum vor.Welche Kämpfe um Technologie haben Sie überrascht?Jene im antiken Griechenland zum Beispiel. Archimedes hat seine eigenen Maschinen zerstört, nachdem sie genutzt worden waren. Und gewisse Kriegsmaschinen, die er und andere erfunden haben, hat man nie gebaut. Der Widerstand kam aus der Überzeugung, dass Maschinen nicht an Stelle von Menschen kämpfen sollten.Was genau befürchteten die Griechen?Die Maschinen bedrohten eine Idee des Menschlichen. Ich rede nicht von den Einstellungen der ganzen Bevölkerung. Aber Platon, Aristoteles und andere dachten darüber nach. Sie fanden, dass Menschen einzigartig sind in ihrer Fähigkeit, sich zu bewegen, zu denken, eine Seele zu haben. Maschinen, die sich selbst bewegen, sahen sie als Bedrohung dieser beinahe heiligen Grenze zwischen dem Menschlichen und dem Rest der Welt.Und was sind neuere Beispiele für Techno-Negativität?Etwa die «Google Glasses», die smarten Brillen, die Google vor etwa 15 Jahren herausbrachte. Es gab grosse Kampagnen, CEO verkündeten, dass das die Zukunft sein wird. Doch der Gegenwind war so stark, dass sie verschwunden sind. Jetzt kommen sie langsam wieder. Aber es ist doch beeindruckend, dass man sehr lange nichts davon gehört hat.Wann hat zuletzt eine politische Bewegung oder Partei die Ablehnung gegenüber der Technik kanalisiert?Die Ludditen im 19. Jahrhundert. Es ist wohl das bekannteste Beispiel in der Geschichte des technologischen Widerstands. Anfangs waren es vor allem Weber und Arbeiter, die einen tiefen Hass auf jene Maschinen entwickelten, von denen sie sich verdrängt fühlten. Doch daraus entstand eine breitere Bewegung. Nicht mehr nur Weber gingen auf die Strasse, um ihrer Wut auf die neuen Technologien Ausdruck zu verleihen. Der Widerstand erstarkte, gewann Unterstützung in der Bevölkerung und eskalierte schliesslich so stark, dass die britische Armee entsandt wurde. Menschen wurden getötet.Das ist ein dramatisches Beispiel aus der Geschichte. Gibt es auch Beispiele des Widerstands, die Sie zum Lachen bringen?Mitte des 19. Jahrhunderts lief Karl Marx betrunken im nächtlichen London durch die Strassen und zerschlug aus Wut Laternen. Er war mit deutschen Bekannten ausgegangen, hatte getrunken und geriet schliesslich mit einigen Engländern aneinander. Erhitzte Gemüter müssen beruhigt werden, Gaslaternen zu zerstören, war damals eine ziemlich gängige Praxis. Es war Unterhaltung. Das ist uns heute natürlich fremd, wir halten den Widerstand gegen Technologie für eine ernste Angelegenheit. Aber es gab Zeiten, in denen die Leute dachten: ‹Das gefällt mir nicht, es wäre doch lustig, wenn ich einen Stein darauf werfen würde.›Und heute?Die französische Clodo-Gruppe hat buchstäblich Computerfirmen in Brand gesteckt. Aber die Art und Weise, wie sie über ihre eigenen Aktionen sprachen, drehte sich vor allem um Streiche. Die Gruppe kam aus der französischen Anarchistenszene der 1970er Jahre, in der Schabernack ein sehr wichtiger Bestandteil des politischen Handelns war.Sabotageakte können etwas Infantiles haben, gleichzeitig ist Sachbeschädigung kein Witz. Was treibt die Gewalt?Sabotage spielt in der Geschichte der letzten rund 100 Jahre eine grosse Rolle. Die Allgegenwart technologischer Objekte hat dazu geführt, dass die Menschen oft das Gefühl haben, kaum Einfluss darauf zu haben, wie sich diese Dinge auf ihr Leben auswirken. Das sehen wir besonders bei KI, da gibt es eindeutig ein Demokratiedefizit. Diese Werkzeuge werden mit rasantem Tempo eingeführt, und wir haben das Gefühl, dass wir kaum etwas dagegen tun können.Ist die Sabotage eine politische Reaktion auf die empfundene Ohnmacht?Sabotage ist oft kein Ausgangspunkt für Politik. Oft landen Menschen und Gruppen dort, wenn sie das Gefühl haben, dass alles andere, was sie bisher versucht haben, nicht funktioniert. Dass sie trotz allem ungehört bleiben. Das konnte man in der Umweltbewegung beobachten, die in den 1970er und 1980er Jahren militanter wurde. Ich halte es aber für falsch, zu sagen: «Nur Sabotage ist eine Form von Gewalt.» Auch die Technologie, die sie angreift, kann eine Form von Gewalt darstellen.Wurde die Geschichte der Technologie bislang also falsch erzählt?Nicht vonseiten der Forscher. Die zeichnen ein komplexes Bild. Aber im allgemeinen, populärwissenschaftlichen Verständnis geht die Geschichte so: Es gab eine wilde Bevölkerung, und die wurde schrittweise zivilisierter, unter anderem durch Technologie. Widerstände waren nur kleine Unebenheiten auf diesem eindeutigen Weg. Dabei ist die Technologiegeschichte ein Schlachtfeld.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
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Ob Roboter oder künstliche Intelligenz: Technologie provoziert Widerstand. Der Forscher Thomas Dekeyser hat darüber ein Buch geschrieben. Er erklärt, warum schon die alten Griechen ihren eigenen Erfindungen nicht trauten und Marx Laternen zerschlagen hat.
Dekeyser zeigt in «Techno-Negativität» wachsendes Unbehagen gegen KI und Social Media; unterscheidet philosophische von ökonomischen Widerständen. IT-Manager sollten wissen: Regulierung genügt nicht – Kapitalismus treibt KI nur für Renditen, ohne Zukunftsstrategie zu hinterfragen.









