«Das Zerschlagen der Maschinen fühlt sich zunehmend logisch an»: Künstliche Intelligenz bringt die Maschinenstürmer zurückAusgerechnet in den USA nimmt die Wut auf KI zu: Die Menschen fürchten sich vor Jobverlust, vor der Macht der Tech-Milliardäre und vor hohen Stromrechnungen. Droht gewaltsamer Widerstand wie zur Zeit der industriellen Revolution?24.05.2026, 05.30 Uhr9 LeseminutenOptimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Illustration Simon Tanner / NZZAn amerikanischen Universitäten grassiert ein neuer Volkssport: das Auspfeifen von KI-Promotoren. Als der Ex-Google-Chef Eric Schmidt den Absolventen der Universität von Arizona Anfang der Woche an der Abschlussfeier empfahl, «einen Weg zu finden, um Ja zu sagen» zur künstlichen Intelligenz, wurde er gnadenlos ausgebuht. Nur eine Woche zuvor war das Gleiche in Florida passiert. Da wurde die Abschlussrednerin so laut niedergeschrien, dass der Videoclip davon sich rasend schnell verbreitete.Von Studierenden, die ihre Angst vor einer arbeitslosen Zukunft kundtun, bis zu Aktivisten, die einen Molotowcocktail auf das Haus des Open-AI-Chefs Sam Altman werfen: Insbesondere in den USA wächst der Widerstand gegen die Umwälzungen durch KI fast täglich. Laut einem im April veröffentlichten Report der Firma Research Intelligence geben in einer Umfrage unter Wissensarbeitern aus den USA, Grossbritannien und Europa fast 30 Prozent zu, die KI-Strategie ihres Arbeitgebers zu sabotieren, bei jenen der Generation Z waren es sogar 44 Prozent.Konkret unterminierten sie gewisse neue Werkzeuge aktiv und spielten ihre Effektivität herunter, sie gaben geschützte Informationen in öffentlich zugängliche Chatbots ein oder weigerten sich, das eigene Wissen mit einer KI zu teilen. Im Bereich der Logistik macht dazu ein neues Wort die Runde: «Robomobbing». Es beschreibt, wie Mitarbeiter den neuen Robotern mit Absicht Paletten oder andere Hindernisse in den Weg legen, um zu zeigen, dass es eben doch nicht ohne den Menschen geht.Bisher waren dies hilflose, fast verzweifelte Versuche Einzelner, der KI-Revolution etwas entgegenzusetzen. Doch sie entwickeln sich zusehends zu einer flächendeckenden technologiekritischen Bewegung. In den USA nennen sie sich unter anderem Neo-Ludditen, in Anlehnung an die britischen Aufständischen zur Zeit der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert. Lange galten sie als Randgruppe, die sich damit amüsierte, über neue Gadgets wie die Kindle-Reader des Lieblingsfeinds Amazon zu Gericht zu sitzen und diese dann vor Publikum mit einem Hammer zu demolieren.Heute ist die Bewegung fast schon respektabel geworden, was sich etwa in einer Konferenz an der renommierten Columbia University vom vergangenen Herbst spiegelte: Da wurde einen Tag lang zum Thema «Neuer Luddismus: Technologie und Widerstand in der modernen Arbeitswelt» gefachsimpelt. Die Zunahme der Tech-kritischen Haltung, so sagte es der prominente Exponent und Podcaster Jathan Sadowski, habe viel mit den jüngsten Entwicklungen im Bereich der künstlichen Intelligenz zu tun: mit dem Tempo, den enormen Investitionen, den Prognosen von Massenarbeitslosigkeit, den gefälschten KI-Videos in der Schule – kein Tag vergeht ohne neue Warnung, wie die Technologie die Gesellschaft umpflügen wird.Warnungen vor der «KI-Oligarchie»Und während bei uns die disruptiven Folgen von KI noch kaum sichtbar sind, dominieren sie in den USA bereits den Alltag: vom Lieferroboter in den Strassen über Firmen, die nur noch über Chatbots mit Kunden kommunizieren, bis hin zu Massenentlassungen, die mit KI begründet werden. Eine globale Studie des Umfrageinstituts Pew Research vom vergangenen Herbst hat ergeben, dass in keinem der 25 untersuchten Länder die Skepsis gegenüber KI grösser ist als in den USA. Und laut einer neuen Umfrage des Fernsehsenders NBC sind 57 Prozent der Amerikaner der Meinung, die Technologie bringe mehr Nachteile als Chancen. Besonders pessimistisch sind die Jungen. Doch die Skepsis zieht sich durch die unterschiedlichsten Lager. So sind sich Trumps früherer Stratege Steve Bannon und der demokratische Senator Bernie Sanders zwar selten einig, aber beide sprechen von der «KI-Oligarchie», die eine Katastrophe für die einfachen Leute sei.Die Proteste reichen vom progressiven Gliedstaat Maine bis ins konservative Tennessee: Doch da es wenig bringt, seinen Chat-GPT-Bot anzuschreien, hat der Widerstand ein effektiveres Ziel ausgemacht: die riesigen Datenzentren, die derzeit im grossen Stil gebaut werden. Ohne sie gibt es keine KI-Revolution. Und: Der Bau dieser Zentren ist von lokalen Bewilligungen abhängig. Wenn Facebook in Louisiana ein solches Zentrum in der Grösse von halb Manhattan plant, ist das, unabhängig vom politischen Lager, inzwischen hoch umstritten. Ausser um Gigantismus geht es darum, dass die Datenzentren sehr viel Wasser brauchen und die Energiepreise für die Bevölkerung in die Höhe treiben.Inzwischen denken zwölf Gliedstaaten sogar über ein Moratorium für den Bau von Datenzentren nach. In Maine konnte der Gouverneur nur mit seinem Veto einen entsprechenden Parlamentsentscheid rückgängig machen. «Der Widerstand gegen KI mobilisiert die Leute, er wird auch bei den Zwischenwahlen im Herbst eine Rolle spielen», sagt Bruno Giussani, langjähriger Kurator bei der globalen TED-Konferenz, die unter anderem mit Vorträgen über die Folgen technologischer Neuheiten gross wurde.In der Schweiz gibt es die «Aufstände der Allmende»Der Tessiner hat ein neues Buch geschrieben über die Folgen von KI für den Menschen und den wachsenden Widerstand dagegen: «Die Leute beginnen zu hinterfragen, dass hier eine Technologie ihr Leben umpflügt, ohne dass sie etwas dazu sagen können», erklärt er. Inzwischen beginnen sich Basisaktivisten auch in Europa zu organisieren. Im April fand in Berlin die Konferenz Cables of Resistance statt, an der antikapitalistische Gruppen den Widerstand gegen Big Tech diskutierten.Mit dabei auch eine kleine Schweizer Gruppe, die sich Aufstände der Allmende nennt und den Bau neuer Datenzentren ins Visier nimmt. Im schaffhausischen Beringen etwa, wo gleich zwei neue geplant sind. «Die künstliche Intelligenz muss sofort gestoppt werden. Sie nützt nur wenigen Tech-Oligarchen und schadet Mensch und Umwelt. Die Datenzentren machen die Zerstörung sichtbar», sagt die Aktivistin Lotta. Was sie nicht sagt: KI wird dadurch besser bekämpfbar. Vergangenes Wochenende lancierte die Gruppe mit Infoständen und grossen Transparenten beim Rheinfall die Kampagne gegen die Bauprojekte, Anfang Juli ist ein einwöchiges Widerstandscamp geplant, unter dem Motto «KI kurzschliessen».«Was wir hier schaffen, ist die kognitive industrielle Revolution – die Dampfmaschine des Geistes», sagte einmal der Linkedin-Gründer Reid Hoffman. Entsprechend ist auch der Widerstand dagegen von den Maschinenstürmern aus der Zeit der industriellen Revolution inspiriert. Schon im 16. Jahrhundert soll Königin Elizabeth das Patent eines Erfinders einer neuartigen Webmaschine abgelehnt haben mit den Worten: «Bedenken Sie, was diese Erfindung den armen Untertanen antun könnte. Es würde sie sicher in den Ruin treiben.»Als zweihundert Jahre später James Hargreaves seine «Spinning Jenny» vorstellte, die erste mechanische Spinnmaschine, brachen Baumwollspinner in seine Werkstatt ein und zerstörten sie. Doch wie Brian Merchant in seiner Geschichte über den ersten Widerstand gegen «Big Tech» schreibt, eskalierte die Gewalt erst später, als sich Maschinen im ganzen Textilgewerbe immer stärker durchsetzten.In Uster brannte eine TextilfabrikAb 1811 rotteten sich in England insbesondere spezialisierte Facharbeiter zusammen, die sich Ludditen nannten, nach ihrem legendenumwobenen, fiktiven Anführer Ned Ludd. Mit schwarzen Masken drangen sie Nacht für Nacht in Fabriken ein und zerschlugen mechanische Webstühle. Die Bewegung verbreitete sich im ganzen Land, später auch in Deutschland oder in der Schweiz, 1832 zerstörten Arbeiter und Kleinfabrikanten mit dem Brand von Uster eine mechanische Spinnerei, nachdem die Obrigkeit ein Verbot der neuen Maschinen abgelehnt hatte.Englische Arbeiter zerstören während der Aufstände zwischen 1811 und 1816 mit Hämmern eine mechanische Spinnmaschine.Sarin Images / Granger / ImagoWie radikal die neuen Maschinen damals die Arbeitsbedingungen veränderten und dass die Betroffenen darauf heftig reagierten, zeigen auch andere Beispiele, etwa die Captain-Swing-Revolte, die ein paar Jahre später, nach der Einführung mechanischer Dreschmaschinen, die Landwirtschaft erfasste. Joachim Voth und Bruno Caprettini vom UBS Center for Economics an der Universität Zürich haben die Revolte untersucht.Plötzlich erledigte eine Maschine das Dreschen von Weizen in zwei bis drei Wochen, wofür zuvor fünf bis sechs Männer sechs bis acht Monate gebraucht hatten. Mit entsprechenden Folgen für die Beschäftigung. In bestimmten ländlichen Gegenden war die Hälfte der männlichen Bevölkerung zwischen 20 und 45 arbeitslos. Die Aufständischen wehrten sich, indem sie den Bauern in Erpresserbriefen unter dem Namen Captain Swing nahelegten, die neuen Maschinen zu zerstören.So gelang es ihnen, die Einführung der Technologie zu verzögern. Doch bekanntlich hat der gewaltsame Widerstand weder die Mechanisierung der Landwirtschaft noch die industrielle Revolution gestoppt. Die britische Obrigkeit schlug die Aufstände schliesslich mit Gewalt nieder, viele Ludditen wurden gehängt oder deportiert.Gleichzeitig veränderte sich die Sicht auf die Folgen von technologischen Umbrüchen, etwa die des einflussreichen Freihandelsökonomen David Ricardo. Er galt damals als Technologie-Enthusiast und war in der ersten Fassung seiner berühmten Theorie überzeugt, dass alle Klassen von den Maschinen profitieren würden. Erst unter dem Eindruck der Ludditen-Aufstände und der stagnierenden Lebensbedingungen weiterer Schichten räumte er nach einem Disput mit dem Schweizer Ökonomen Jean-Charles-Léonard Simonde de Sismondi ein, dass die Arbeitslosigkeit länger anhalten könnte.Zerstört KI das, was den Menschen ausmacht?«Heute ist die Veränderung noch tiefgreifender. Noch nie hatten wir eine neue Technologie, die nicht nur die Produktion rationalisiert, sondern das Denken ersetzt und in einem solch horrenden Tempo Fortschritte macht», sagt Bruno Giussani warnend und spiegelt damit die dystopischen Ängste der Neo-Ludditen. «Das Zerschlagen der Maschinen fühlt sich zunehmend wie die logische Antwort an», sagte etwa in der «Zeit» Thomas Dekeyser, ein Filmemacher und Dozent an der Universität Southampton. Der vehemente KI-Gegner plädiert für einen Techno-Abolitionismus, eine Haltung der Verweigerung, und begründet diese damit, dass die neue Technologie alles angreife und infrage stelle, was das Menschsein ausmache: «KI wird uns als Werkzeug verkauft, das alles revolutionieren wird, bis irgendwann menschliche Intelligenz nur noch ein Anhängsel von Maschinenintelligenz ist.»«Gewalt erzeugt Gewalt», fügt er hinzu und spricht aus, was im wachsenden, vom Maschinensturm des 19. Jahrhunderts inspirierten Widerstand angelegt ist. Laut der unabhängigen Forschungsorganisation Soufan Center ist die Zahl der «direkten Drohungen» gegen Leute oder Firmen, die sich für die KI-Revolution einsetzen, in den letzten Monaten gestiegen. Nach dem Angriff auf Sam Altmans Haus mit einem Molotowcocktail sorgte auf Social Media der Post «Ich hoffe, dieser Molotow ist okay» für Tausende von Likes. Aber auch in der Schweiz will sich die kleine Gruppe Aufstände der Allmende, die den Fokus zwar auf die Organisation der Bevölkerung legt, ausdrücklich nicht von militanten Formen des Protestes distanzieren.Der Widerstand in den USA blockiert inzwischen Projekte für neue Datenzentren im Umfang von 64 Milliarden Dollar. Dennoch zweifelt Joachim Voth, der Zürcher Ökonom, der die Aufstände im 19. Jahrhundert untersucht hat, daran, dass die Bedingungen für eine grosse Revolte gegeben sind: «Der Arbeitsplatzabbau muss auf breiter Front geschehen, und die Betroffenen müssen zur gleichen Zeit am gleichen Ort ähnliche und starke Interessen haben, damit sie sich so schlagkräftig organisieren. Doch was hat heute der Bürolist bei der Swiss Re mit einem gut qualifizierten Programmierer zu tun, der sich zum Prompt-Ingenieur umschulen kann?», sagt er.Glaubt man Voth, gibt es bis jetzt auch wenige Gründe, mit dem Schlimmsten zu rechnen: «Zum Jobabbau im grossen Stil ist es nicht gekommen, kommt es vielleicht auch nicht», meint er. Und zweifelt am Narrativ, dass die KI zu einem Wirtschaftswachstum ohne Jobs führe. Bisher hat sie trotz den Entlassungen in den USA vor allem den Boom angetrieben, von dem nicht nur die Aktienbesitzer, sondern auch die Realwirtschaft profitiert hat.Umso paradoxer wirkt es, dass es die Chefs der KI-Firmen selber sind, die mit apokalyptischen Prognosen zur Arbeitslosigkeit die heute grassierenden Ängste und das technologiefeindliche Klima befeuern. Gleichzeitig drücken sie aufs Gas und wehren sich gegen jede Regulierung.«Ihre Warnungen sind scheinheilig, sie wollen sich absichern, falls etwas schiefgeht», sagt Giussani, der die Dinge dramatischer sieht als Voth und kritischen Widerstand für Pflicht hält. «Im Moment erscheint es unmöglich, die Entwicklungen zu verlangsamen; aber es würde uns die Zeit geben, zu verstehen, wie KI wirklich funktioniert und wie wir uns anpassen können, ohne die Kontrolle zu verlieren.»Von einer Totalverweigerung hält er nichts, mit gutem Grund: Sie hat noch kaum je technologische Fortschritte verhindert, welche die Produktivität der Wirtschaft deutlich erhöhen. Auch wenn es Jahrzehnte dauern kann – so wie nach der industriellen Revolution –, bis sich nicht nur das Leben von wenigen, sondern der breiten Bevölkerung verbessert. Die Textilarbeiter damals standen auf genauso verlorenem Posten wie die Mönche im Mittelalter, welche im Kloster die Uhr verboten, oder wie die Bündner, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Kutscher mit einem Autofahrverbot schützen wollten. Eine seltene Ausnahme ist der bisher erfolgreiche Widerstand der Schweizer Konsumenten gegen den Einsatz von Gentechnologie in der Landwirtschaft.Im besten Fall kann Widerstand den technologischen Umbruch moderieren und die Exzesse zähmen. Ohne politische Gegenmacht wäre die Marktwirtschaft heute nicht sozial – und wird es nicht bleiben. Auch im Fall der KI hat der Unmut schon Wirkung: Trumps Regierung denkt darüber nach, neue KI-Modelle bewilligungspflichtig zu machen. Und in China hat ein Gericht die Entlassung eines Mitarbeiters wegen KI für unrechtmässig erklärt. Die Rechtfertigung für die Kündigung falle nicht unter die Gründe, die eine Weiterbeschäftigung unmöglich machten, zitiert die Nachrichtenagentur Bloomberg aus dem Entscheid.Welche Druckmittel heute wirken könnten, hat kürzlich auch Rutger Bregman aufzuzeigen versucht, der Mitgründer der Schule für moralische Ambition. Er rief im März dazu auf, Chat-GPT zu canceln, wegen der Nähe und der Zusammenarbeit von Open AI mit der umstrittenen amerikanischen Immigrationsbehörde ICE und dem Pentagon. «Ein Boykott muss eng gefasst und einfach sein», schrieb er. Das heisst: Die Kosten für den Konsumenten sollten tief bleiben, es braucht gleichwertige Alternativen, und das Opfer muss so angreifbar sein wie Open AI, das trotz Milliardenverlusten an die Börse will. Laut Bregman sind umfassendere Kampagnen wie #Deletefacebook oder Amazon-Boykotte zum Scheitern verurteilt: Da hätten die Nutzer zu viel zu verlieren: die Konversation mit Freunden oder die Möglichkeit, schnell einzukaufen.Das ist am Ende die andere bittere Wahrheit für Maschinenstürmer: Irgendwann werden erfolgreiche Technologien «too big to boycott».Literatur zum ThemaBruno Giussani: Our Minds Under Siege, How to Avoid Being Manipulated in the Age of Artificial Intelligence. Scheidegger & Spiess, 2026.Brian Merchant: Blood in the Machine. Little, Brown and Company, 2023.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel