Nichts auf der Welt ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist, schrieb Victor Hugo im 19. Jahrhundert. Noch mächtiger, muss man heute ergänzen, ist eine Technologie, deren Zeit gekommen ist. Künstliche Intelligenz (KI) zieht Multi-Milliarden-Investitionen auf sich, wird Monat für Monat besser und durchdringt die Arbeitswelt in Rekordgeschwindigkeit.Aufgaben, die stundenlange Konzentration erforderten, sind auf Knopfdruck erledigt. Zwei Stunden Arbeit pro Woche spart ein Arbeitnehmer, der KI nutzt, schon jetzt im Schnitt. Das sorgt für Begeisterung – und macht Angst: Jeder vierte Jugendliche sieht seine beruflichen Pläne durch KI gefährdet. Jeder dritte Deutsche ist besorgt, die Technik könne ihn seinen Job kosten.Und selbst wenn die Jobs bleiben, der Arzt aber bald nicht mehr selbst diagnostiziert und der Architekt nicht mehr selbst entwirft, was bleibt da von der beruflichen Identität? Neben der ökonomischen Krise droht eine Sinnkrise, eine psychologische Disruption.„Wenig wertvolles Humankapital“ wird ersetztDie Sorgen sind berechtigt. Denn es wird keinen Artenschutz für natürliche Intelligenz geben. Der Mensch könnte, wie einst das Pferd im Autozeitalter, unwirtschaftlich werden, schreibt der sonst so technikoptimistsche „Economist“. Die Transformation hat längst begonnen. Sie trifft Steuerberater, Anwälte, Banker. „Wenig wertvolles Humankapital“ werde ersetzt, sagte der Chef einer britischen Bank vergangene Woche verblüffend ehrlich, nachdem er fast 8000 Stellen mit Verweis auf KI gestrichen hatte. Andere Banken, Versicherer und Tech-Unternehmen wollen noch mehr Stellen ersetzen. Kein Mensch (und keine KI) weiß heute, ob deswegen Massenarbeitslosigkeit droht – oder wie in anderen technischen Revolutionen unzählige neue Jobs und größerer Wohlstand entstehen.Sicher ist, dass die KI-Revolution für Deutschland eine riesige Chance sein kann. Die deutsche Volkswirtschaft leidet unter hohen Lohnkosten, abwandernder Wertschöpfung und einem Fachkräftemangel, der von Jahr zu Jahr größer wird. Richtig eingesetzt, kann Künstliche Intelligenz das Land wieder wettbewerbsfähiger machen. Das geschieht nicht von allein, KI ist aber auch keine Naturgewalt, der man einfach so ausgesetzt ist. Sie kann gesteuert und in die bestmöglichen Bahnen gelenkt werden. Dabei sind Unternehmen, Mitarbeiter und Politiker gleichermaßen gefragt.Es mag paradox klingen, aber trotz der aktuellen Kündigungswellen ist der strikte deutsche Kündigungsschutz das falsche Rezept auf dem Arbeitsmarkt. In Phasen der Disruption brauchen Unternehmen die Freiheit, sich schnell zu wandeln. Nur so entstehen Innovationen und neue Arbeitsplätze. Das Paradebeispiel sind die Vereinigten Staaten. Ihr flexibler Arbeitsmarkt gilt als Voraussetzung dafür, dass sie seit den 1990er-Jahren mit Beginn der IT-Revolution Deutschland und Europa in Sachen Produktivität enteilt sind. Das kann sich Deutschland kein zweites Mal leisten. Den Kündigungsschutz für gut ausgebildete und gut verdienende Mitarbeiter zu lockern, ist deshalb ein Gebot der Stunde.Das heißt aber nicht, dass die Transformation im Kern daraus bestehen darf, Menschen durch Maschinen zu ersetzen. Entscheidend ist, hoch qualifizierten Mitarbeitern Unterstützung an die Hand zu geben, damit sie noch besser werden. Nur so ist ein höheres Wohlstandsniveau zu erreichen. Erfolgreich sein werden Betriebe, die ihren Mitarbeiten die neuen Tools zum „Herumspielen“ zur Verfügung stellen und das Wissen ihrer Angestellten nutzen. Deutschland mit seinem hohen Anteil hochqualifizierter Beschäftigten, seiner großen Diversifizierung und seiner eingeübten Mitarbeiterbeteiligung ist wie gemacht dafür.Von der Dampfmaschine lernenTempo ist entscheidend. Es lässt sich nachweisen, dass Regionen in Deutschland, die frühzeitig die Dampfmaschine eingesetzt haben, noch heute stärker prosperieren, weil in diesen Regionen Wissen und Fähigkeiten entstanden, auf die sich aufbauen ließ. Es ist deshalb besorgniserregend, dass Deutschland, was die KI-Nutzung in Unternehmen angeht, nur europäischer Durchschnitt ist und die Vereinigten Staaten abermals enteilen. Die Politik kann Forschungsförderung auf den KI-Einsatz ausrichten, verordnen kann sie ihn nicht. Das müssen die Unternehmen schon selbst in die Hand nehmen.Nichts ist mächtiger als eine Technologie, deren Zeit gekommen ist. Sie kommt mit Risiken und Nebenwirkungen, und ja, es wird Verlierer geben. Aber wer diese Chance nicht nutzt, bekommt keine zweite.
So gewinnt Deutschland die KI-Revolution
Es gibt keinen Artenschutz für natürliche Intelligenz. Die Arbeitswelt wird sich deshalb radikal wandeln. Deutschland hat alles, um der große Gewinner zu werden.











