«Grösser als die industrielle Revolution»: 200 Ökonomen und Tech-Bosse warnen vor KI. Selbst frühere Skeptiker sind nun alarmiert Führende Wissenschafter äussern sich besorgt über die möglichen wirtschaftlichen Folgen der künstlichen Intelligenz. Bemerkenswert ist, wer den Aufruf unterschrieben hat – und was die Daten zum Arbeitsmarkt tatsächlich zeigen.14.07.2026, 14.53 Uhr3 LeseminutenChance oder Gefahr? KI stellt das Arbeitsleben um.Illustration Simon Tanner / NZZ«Wir müssen jetzt handeln»: Unter diesem Titel haben mehr als zweihundert Ökonomen und Technologieführer eine Erklärung unterzeichnet, die vor den Folgen der künstlichen Intelligenz warnt. KI könnte in den nächsten zehn Jahren «radikal leistungsfähiger» werden, heisst es in dem nur vier Sätze umfassenden Text. Dies könne einen wirtschaftlichen Wandel auslösen, der «die industrielle Revolution übertreffen, sich aber in einem wesentlich kürzeren Zeitraum vollziehen würde».Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Bemerkenswerter als der Inhalt ist die Liste der Unterzeichnenden. Unter ihnen sind fünfzehn Nobelpreisträger, der Wirtschaftshistoriker Niall Ferguson, der frühere Fed-Präsident Ben Bernanke oder der Anthropic-Mitgründer Jack Clark.Vor allem aber finden sich unter ihnen auch Ökonomen, die den KI-Hype bisher eher skeptisch beurteilt hatten. So veröffentlichte der MIT-Professor und Nobelpreisträger Daron Acemoglu erst vor zwei Jahren ein Arbeitspapier mit dem Titel «Glaubt nicht an den KI-Hype!». Nun steht auch sein Name auf der Liste.Ebenfalls unterschrieben hat Beatrice Weder di Mauro, die schweizerisch-italienische Ökonomin und Präsidentin des Centre for Economic Policy Research (CEPR). «Es findet eine Entwicklung statt, die wir nicht verstehen und nicht mehr wirklich kontrollieren können», sagt sie und spricht von «einer ganzen Serie von Risiken». Als Beispiel nennt Weder di Mauro besonders leistungsfähige KI-Modelle, die von ihren Entwicklern nur eingeschränkt freigegeben werden. Wer keinen Zugang zu den fortschrittlichsten Systeme habe, könne rasch abgehängt werden.Studien sind widersprüchlichDoch was sagen die Daten? Verschwinden wegen KI tatsächlich grossflächig Arbeitsplätze? Michael Siegenthaler, Leiter des Forschungsbereichs Schweizer Arbeitsmarkt an der Konjunkturforschungsstelle (KOF), ist vorsichtig. Ob KI zu Massenarbeitslosigkeit führen werde, sei «sehr umstritten».Die bisherige Evidenz sei widersprüchlich. «Was relativ viele Studien in unterschiedlichen Ländern zeigen, ist, dass gewisse Berufe mit einer hohen KI-Exposition bereits unter Druck geraten sind», sagt Siegenthaler. Das gelte etwa für Teile der IT-Branche sowie für Stellen im Marketing und in der Kommunikation. In diesen Berufen ist die Arbeitslosigkeit in der Schweiz bereits deutlich gestiegen.Gleichzeitig gebe es viele weitere Tätigkeiten – in Büroberufen, im Rechtsbereich oder in Callcentern –, die als besonders anfällig für KI gelten. «Dort sehen viele Studien noch relativ wenige Auswirkungen», sagt Siegenthaler. Von einem flächendeckenden Beschäftigungsabbau könne deshalb keine Rede sein.«Potenzial für Disruption ist hoch»Das bedeutet jedoch nicht, dass die KI kein Risiko darstellt. Siegenthaler hält sie für mächtiger als frühere Technologien, weil sie potenziell einen grossen Teil der Arbeitswelt betreffe. Generative KI könne nicht nur einzelne Tätigkeiten ausführen, sondern zunehmend selbständig komplexe Computeranwendungen bedienen. In manchen Bereichen erreiche oder übertreffe sie die menschlichen kognitiven Fähigkeiten bereits. «Deshalb ist das Potenzial für Disruption höher als bei anderen Technologien.»Hinzu kommt die Geschwindigkeit: Während es Jahrzehnte dauerte, bis sich der Computer verbreitet hat, ist KI innert weniger Jahre in den Unternehmen angekommen. Datenschutz, Cybersicherheit und die hohen Kosten bremsen den Einsatz jedoch noch.Die am Montag veröffentlichte Erklärung beschränkt sich denn auch nicht nur auf das Negative. Sie spricht neben «Risiken wie massiven Arbeitsplatzverlusten» auch von der Chance auf einen deutlich höheren Lebensstandard. Konkrete politische Forderungen enthält sie nicht. Stattdessen appelliert sie an Regierungen, Ökonomen und Technologieunternehmen, gemeinsame «Anreize, Leitplanken und Institutionen» zu schaffen, damit KI die menschliche Arbeitskraft unterstützt, statt sie zu ersetzen. Wie diese genau aussehen sollen, bleibt unbeantwortet.Für Beatrice Weder di Mauro ist klar, dass dies nicht im Alleingang geschehen kann. «Die Schweiz kann das nicht selber lösen, Europa im Grunde auch nicht», sagt sie. Nötig sei eine multilaterale Governance. Dass inzwischen selbst führende KI-Unternehmen internationale Regeln forderten, stimmt sie vorsichtig optimistisch. «Im Moment bewegt sich die Welt zwar nicht in diese Richtung», sagt sie. «Aber ich hoffe, dass sich die Vernunft durchsetzt.»Passend zum Artikel