Was bleibt von mir? Der Blick auf unser Zukunfts-Ich ist hilfreicher als die ständige Beschäftigung mit dem inneren KindAlfred Nobel las zu Lebzeiten einen vernichtenden Nachruf auf sein Leben, der versehentlich publiziert worden war. In der Folge vermachte er sein Geld einer Stiftung, die seither den Nobelpreis verleiht. Die Kolumne «Psychologie des Alltags».Franca Cerutti26.07.2026, 05.30 Uhr3 Leseminuten«Le marchand de la mort est mort», titelte 1888 eine französische Zeitung - viel zu früh: Alfred Nobel (1833- 1896).ImagoParis, 1888. Alfred Nobel schlägt die Zeitung auf und liest – seinen eigenen Nachruf. Eine französische Redaktion hatte den Tod seines Bruders Ludvig gemeldet und dabei die Brüder verwechselt. So bekam der Erfinder des Dynamits zu Lebzeiten vorgeführt, was die Welt im Falle seines Ablebens über ihn schreiben würde. Das Urteil war vernichtend.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Le marchand de la mort est mort», titelte das Blatt: Der Kaufmann des Todes ist tot. Reich geworden sei er, indem er Wege gefunden habe, wie noch mehr Menschen noch schneller getötet werden könnten als je zuvor. Nobel war getroffen. Ob sich die Episode exakt so zugetragen hat, ist historisch nicht restlos gesichert. Verbürgt ist hingegen, dass Nobel sich fortan intensiv damit beschäftigte, wie die Nachwelt ihn dereinst sehen würde.Psychologie des AlltagsIn dieser Kolumne schreibt die Psychotherapeutin, Autorin und Podcasterin Franca Cerutti regelmässig über Alltägliches mit psychologischem Tiefgang.Die meisten von uns bleiben von solcher Lektüre verschont. Und doch steckt in der Anekdote eine Frage, die uns alle angeht: Woran wird man sich erinnern, wenn man an mich denkt? Das klingt zunächst morbid. Die Forschung legt jedoch nahe, dass der Blick vom Ende her auf die eigene Gegenwart erstaunlich lebensdienlich ist.Der Psychologe Hal Hershfield, heute an der University of California in Los Angeles tätig, untersucht seit Jahren unser Verhältnis zu der Person, die wir einmal sein werden – zum Zukunfts-Selbst. In einer frühen Hirnscan-Studie an der Universität Stanford zeigte er: Denken wir an unser Ich in einigen Jahrzehnten, reagiert das Gehirn vieler Menschen ähnlich, als dächten sie an einen Fremden.Und so kommt es, dass wir angenehmen Entscheidungen im Jetzt den Vorzug geben, die uns in einigen Jahren teuer zu stehen kommen: in Form einer angegriffenen Gesundheit, einer schmalen Rente oder von Beziehungen in Schieflage. Doch die Verbindung zu unserer Zukunft lässt sich stärken: Versuchspersonen, die per Software künstlich gealterte Bilder ihrer selbst betrachteten und sich dem künftigen Ich dadurch verbunden fühlen konnten, entschieden langfristig klüger, sorgten besser für sich und handelten ethischer.Die Psychologie unserer Tage blickt mit Vorliebe zurück: Wir graben in unserer Biografie, ergründen Prägungen und kümmern uns – durchaus zu Recht – um das vielzitierte innere Kind. Die Befunde zum zukünftigen Selbst laden dazu ein, diese Rückschau um eine Gegenrichtung zu ergänzen: um die weite Zukunft und um unseren inneren Senior. Worauf wird er zurückblicken wollen? Welche Erinnerungen wird er gerne erzählen, welche Menschen sollen darin vorkommen, worauf wird er stolz sein – und welche Sätze möchte er am Ende über sich lesen?Nobel jedenfalls änderte sein Testament und vermachte fast sein gesamtes Vermögen einer Stiftung, die seither Preise vergibt – darunter den berühmtesten Friedenspreis der Welt. Ob dahinter Imagepflege stand oder eine echte innere Wendung, wissen wir nicht. Sicher ist: Die Perspektive vom Ende her hat sein Leben verändert. Sein verfrühter Nachruf war ein Weckruf. Nobel hat dafür gesorgt, dass wir heute anders auf ihn blicken.Franca Cerutti ist Psychotherapeutin, Autorin, Podcasterin. Ihr Sehnsuchtsort ist Finnland, ohne Kaffee ist sie nicht sie selbst.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel