«Was mich nicht umbringt, macht mich stärker»: Schön wär’sNietzsches Spruch ist für Menschen, die schwere Zeiten erleben, ein Trost. Doch obwohl viele meinen, an ihren Krisen zu wachsen, ist das selten der Fall. Die Kolumne «Psychologie des Alltags».Franca Cerutti12.07.2026, 05.30 Uhr2 Leseminuten«Was mich nicht umbringt, macht mich stärker», schrieb Friedrich Nietzsche.Imago«Was mich nicht umbringt, macht mich stärker»: Nietzsches Satz ist eine verbreitete Trostformel und begegnet uns in abgewandelter Form überall dort, wo Menschen leiden. Wer eine schwere Zeit durchgestanden habe, so die Hoffnung, gehe widerstandsfähiger daraus hervor. Der Gedanke verleiht dem Sinnlosen einen Sinn und stellt in Aussicht, dass sich der Schmerz am Ende gelohnt haben könnte. Die Psychologie nennt das Phänomen «posttraumatisches Wachstum».Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Psychologie des AlltagsIn dieser Kolumne schreibt die Psychotherapeutin, Autorin und Podcasterin Franca Cerutti regelmässig über Alltägliches mit psychologischem Tiefgang.So verbreitet die Idee ist, so fragil ist ihre wissenschaftliche Grundlage. Die Wachstumsforschung stützt sich fast ausschliesslich auf Fragebögen, in denen Betroffene nach einer überstandenen Krise einschätzen sollen, wie sehr sie sich seither verändert haben. Das setzt allerdings voraus, dass sie ihren früheren Zustand valide einschätzen und mit dem heutigen verrechnen könnten – was kaum gelingt. Erfasst wird deshalb eher ein Glaube an das eigene Wachstum.Verlässlicher ist es, den tatsächlichen Zustand eines Menschen zweimal zu messen. Genau das tat ein Team um Maya Corman von der Université Clermont Auvergne bei 187 Menschen, die eine Blutstammzelltransplantation durchliefen, eine hochriskante Behandlung bei Blutkrebs. Die Wachstumsbereiche wurden einmal während des Spitalaufenthalts und ein weiteres Mal fünf Monate später erhoben. Die Frage war: Würden diese Menschen nach ihrer Krebsbehandlung dem Leben mehr Wertschätzung entgegenbringen, ihre engen Beziehungen als tiefer erleben, sich innerlich stärker fühlen oder neue Möglichkeiten für sich erkennen?Die Antwort lautet: nur bedingt. Im Schnitt überwog eher ein Abbau in den befragten Kategorien. Dennoch berichteten dieselben Menschen im Rückblick sehr wohl, gewachsen zu sein.Woher kommt also ihre Überzeugung? Zu einem guten Teil aus unserer Kultur. Die bekannte «Heldenreise», vom Schmerz zur Stärke, steckt in Märchen, Filmen und Romanen. Unsere kulturelle Erwartung formt also die Wahrnehmung der eigenen Biografie. Dazu kommt: Wer sich eingesteht, dass eine schwere Zeit ihn oder sie nicht stärker, sondern schwächer gemacht hat, muss aushalten, dass das Leid womöglich nichts «gebracht» hat. Diese Ohnmacht ist kaum zu ertragen.Doch obwohl die wenigsten so stark an ihrem Leid wachsen, wie sie meinen: Wer mit Stolz auf einen steinigen Weg zurückblickt, zieht daraus echte Kraft, egal ob eine Skala das bestätigt oder nicht. Heikel wird es aber, wenn aus der Möglichkeit des Wachstums eine unausgesprochene Erwartung wird – wenn ein subtiler Druck entsteht, aus jedem Schmerz eine Lehre zu ziehen.So verständlich der Wunsch ist, am Ende sogar von den dunkelsten Stunden zu profitieren – es sollte möglich bleiben, einen anderen Satz auszusprechen und stehen zu lassen: «Das war schwer, ich hätte darauf verzichten können, und ich bin zwar noch da, aber trotzdem keine bessere Version meiner selbst geworden.» Das klingt zwar nicht so schön wie bei Nietzsche, ist aber ebenso wahr.Franca Cerutti ist Psychotherapeutin, Autorin, Podcasterin. Ihr Sehnsuchtsort ist Finnland, ohne Kaffee ist sie nicht sie selbst.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel