KommentarJetzt sind sogar schon die Jungen dem Longevity-Wahn verfallen. Da ist dringend ein Umdenken gefordertDenn Longevity ist nichts als eine fitte Form des Nihilismus.14.06.2026, 06.30 Uhr2 Leseminuten«Würde und Wahn»In dieser Kolumne schreiben Schriftsteller Nelio Biedermann, 22, bekannt durch seinen Roman «Lázár», die «Magazin»-Reporterin Rafaela Roth und Christoph Zürcher, 60, Mitglied der Chefredaktion, im Wechsel über das Zeitgeschehen, den alltäglichen Wahnsinn und die Schwierigkeit, Würde zu bewahren.Alle ArtikelOptimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ein Vater erzählte, sein Sohn, 23, führe sein Leben nun im Geiste der Longevity. Er trinkt keinen Alkohol, isst viel Nüsse, geht um 21 Uhr ins Bett und beginnt den Tag mit einem Eisbad. Seine Freunde sind auch so drauf. In einer Chatgruppe tauschen sie sich über Bio-Hacks aus. Es ist das Ziel der jungen Männer die Hundert-Jahre-Marke zu knacken oder gar ewig zu leben.Es deprimiert mich, wenn ich so etwas höre. Ich sehe ein, warum Menschen im Alter auf die Gesundheit achten. Ich sterbe auch lieber an systemischer Altersschwäche oder überwältigender Lebensmüdigkeit als an einer fiesen Krankheit, die durch vernünftigere Angewohnheiten hätte vermieden werden können. Ausserdem habe ich eine anerzogene Aufgeschlossenheit gegenüber Ess-Strebern. Ich bin in Küchen aufgewachsen, in denen es statt Kochbüchern Ernährungsratgeber gab und Vitamin-Dragées die einzige Form von Schokolade waren. Meine Mutter war schon in den 1970ern Gesundheitsfreak.Doch die ganze Lebensführung auf die Langlebigkeit auszurichten, besonders in der Jugend, kann unmöglich der Zweck der Übung sein. Die vitalsten Jahre mit Schonung zu verplempern, nur um sich am Ende allenfalls noch ein paar Sommer mehr am Rollator durchs Dasein zu schieben, das ist doch ein Witz. Die jungen Longevity-Fans kommen mir vor wie jemand, der einen Lear-Jet geerbt hat, aber ihn dann nur wartet und im Hangar stehen lässt, damit ihm ja nichts passiert.Ich bin für Badevity statt Longevity, die Philosophie, die Schaden nicht aus dem Weg zu gehen versucht, sondern sich frühzeitig auf Beschädigung einstellt. Davon wusste die Jugend, bevor sie offenbar komplett auf Irrwege geriet, früher ja intuitiv. Dass sich ihr Verhalten traditionellerweise durch Risikofreudigkeit und Leichtsinn auszeichnete, darf als lebenskluges Einüben des Verschleisses verstanden werden.Mit seiner Idee des Übermenschen darf man Friedrich Nietzsche zweifellos als Pionier der Selbstoptimierung bezeichnen. Nützlichkeitsdenken in Bezug auf die Gesundheit verspottete er aber als zutiefst kleinbürgerlich. Stattdessen pries er den Schaden und die Niederlagen als das Werkzeug, mit dem wir uns «Flügel hämmern». Und Shakespeare sah es mit seiner Lebensmaxime «Fröhlich den Schaden wiedergutmachen» ja sehr ähnlich.Wenn man so will, kann man in der Schadensbilanz vielleicht sogar den eigentlichen Sinn und das identitätsstiftende Element des Lebens sehen. Er gibt dem Handeln ein Warum und uns zumindest eine Vorstellung von unseren Grenzen und so auch von uns selbst. Die Longevity-Idee ist nicht nur lebensfremd, sondern ein fitter Nihilismus und eine Form von Egozentrik, der man sich vernünftigerweise nicht hingibt. Besser ein bisschen hinduistisch werden. Dann trägt einen vielleicht das Wissen: Tod und Vergänglichkeit fürchtet nur, wer glaubt, sie handelten von einem selbst.Christoph Zürcher, 60, Mitglied der Chefredaktion, nomadisiert durch die Welt, früher auf der Suche nach Gefahr, heute nach Ruhe. Er schreibt hier im Wechsel mit Rafaela Roth, 38, «Magazin»-Reporterin, und Nelio Biedermann, 22, Romanautor.Joël HunnPassend zum Artikel