Vielleicht singt Bob Dylan ja absichtlich so?Bob Dylan ist für sein Nuscheln berüchtigt. Warum ich ihm trotzdem zuhöre. Die Zugabe.Manfred Papst26.07.2026, 05.30 Uhr2 LeseminutenBob Dylan nuschelt - auch das KI-Spracherkennungsprogramm versteht ihn nicht versteht. Der Sänger 2025 bei einem Konzert in Minneapolis.Gary Miller / GettyAm 1. November 2026 tritt Bob Dylan im Zürcher Hallenstadion auf, und ich weiss gar nicht so recht, ob ich mich freuen soll. Wenn ich mir die Handyvideos seiner Konzerte im laufenden Jahr ansehe, die dem strikten Filmverbot zum Trotz im Netz kursieren, wird mir wind und weh. Die öde, karge Setlist, die stoisch agierende, an der kurzen Leine gehaltene Band (die beiden Gitarristen sind gerade mitten in der US-Tournee davongelaufen und wurden kommentarlos ersetzt), die griesgrämige Attitüde des mittlerweile 85-Jährigen, der sich neuerdings nicht mehr nur hinter dem Keyboard, sondern auch noch unter einem Hoodie versteckt: Das stimmt mich alles nicht wirklich euphorisch.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Soll Bob Dylan denn im Ernst «Hello Zurich, do you feel alright?!» ins Stadion brüllen?Natürlich muss ich trotzdem hin. Schliesslich hat mich Dylans Schaffen mit all seinen Wandlungen, Wendungen und Brüchen über ein halbes Jahrhundert begleitet, es trifft mich immer wieder ins Herz und spricht mir aus der Seele. Deshalb habe ich den Mann stets standhaft gegen seine Verächter verteidigt: zum Beispiel gegen diejenigen, die fanden, er wende sich zu wenig ans Publikum: Soll er denn im Ernst «Hello Zurich, do you feel alright?!» ins Stadion brüllen oder uns zum Mitsingen des Refrains animieren? Und denen, die da behaupten, er nuschle dermassen, dass man kein Wort verstehe, sage ich: Ihr müsst nur richtig hinhören (und vielleicht mal vorher die Texte lesen)! Dylan artikuliert sich derzeit übrigens entschieden deutlicher als beispielsweise Mitte der 1980er Jahre.Für diese Aussage ernte ich allerdings Widerspruch von unerwarteter Seite. Auf Youtube findet sich ein (natürlich inoffizieller) Mitschnitt des Konzerts, das Dylan am 8. Juli 2026 in Chicago gab. Ein Spracherkennungsprogramm setzt jeden Vers, den der greise Meister belfert, sofort in Schrift um – und meist versteht es kein Wort. Deshalb lässt es ganze Zeilen einfach weg. Noch öfter aber schreibt es einfach irgendeinen Unsinn. Aus dem Anfang des berühmten Anti-Liebeslieds «It Ain’t Me, Babe» («Go ’way from my window, leave at your own chosen speed») macht es «Oh close my window at your chosen me», in «When I Paint My Masterpiece» wird aus der Spanischen Treppe in Rom, den «Spanish stairs», flugs «fantast stay», und «Oh the hours I spent inside the Coliseum» heisst nun «Are they our suspect [music]».Natürlich verschluckt Dylan gern mal eine Silbe oder zwei. Ein Logopäde ist er nicht. Aber so, wie er singt, reden wir selbst andauernd. Trotzdem verstehen wir einander. Damit beweisen wir eine Empathie, die der Maschine offensichtlich fehlt, und ich denke mir: Vielleicht singt Dylan ja absichtlich so, dass Menschen merken können, was er meint, Automaten aber nicht. Wäre das nicht cool?Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
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Bob Dylan ist für sein Nuscheln berüchtigt. Warum ich ihm trotzdem zuhöre: Die Zugabe von Manfred Papst







