Bob Dylans Liedkunst: zu wahr, um schön zu seinVor fünfzig Jahren sorgte der amerikanische Singer-Songwriter, der am 24. Mai seinen 85. Geburtstag feiert, für Aufsehen mit seiner «Rolling Thunder Revue», die ihn durch die USA führte.Jean-Martin Büttner23.05.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenEr könne sich an die «Rolling Thunder Revue» von 1975 nicht mehr erinnern, sagt Bob Dylan in einer Scorsese-Dokumentation über seine legendäre Tour.NetflixSollte er neunzig Jahre alt werden, hat er einmal geschrieben, würden wir ihn wohl auf einer Bühne antreffen. Am Sonntag feiert Bob Dylan seinen 85. Geburtstag, und er ist tatsächlich wieder auf Tournee. Oder immer noch, könnte man sagen angesichts seines unablässigen Konzertengagements, das ihn seit Jahrzehnten durch die ganze Welt führt. Allein für die nächsten Wochen sind zwölf Auftritte in den USA angekündigt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. 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Ob der Alte sich und seinem Publikum damit heute noch einen Dienst erweist, ist eine andere Frage. Zwar reisen ihm seine Fans weiter überallhin nach und stammeln ihre klebrigen Konzerterlebnisse ins Internet. «Get a life!», zischte Dylan ihnen in einem Interview zu, der nichts so sehr hasst wie Bewunderung – wie seine reflexartig ignorierende Reaktion auf den Literaturnobelpreis störrisch bestätigte.Dabei besteht zur Bewunderung des Performing Artist Bob Dylan schon lange kein Anlass mehr, im Gegenteil: Seine Konzerte sind zur Qual verkommen. Selbst ihm muss klargeworden sein auf seinen endlosen Tourneen, dass seine Stimme komplett hinüber ist.Sie ist zu einem Japsen, Keuchen, Knurren und asthmatischen Bellen verröchelt, zu einem sägenden Kettensägen-Massaker-Sound, bei dem Übereinstimmungen mit den Originalaufnahmen auf Zufall beruhen. Dabei muss stets offenbleiben, ob Dylan gerade singt oder seine Mundharmonika foltert. Was sein erster Biograf Anthony Scaduto formulierte, dass hier nämlich einer töne «wie ein Kojote im Stacheldraht» – es bleibt als Karikatur dessen, was Dylan von sich gibt, auf deprimierende Weise gültig.Das wird einem schockartig bewusst, wenn man sich ein anderes Jubiläum in der Biografie von Bob Dylan vornimmt. Denn vor fünfzig Jahren führte der Sänger eine Tournee auf, deren Atmosphäre einem singenden Wanderzirkus glich. Was insofern zu Dylan passte, als ihn der Zirkus mit seinen schrillen Figuren, ihren Verkleidungen, Geheimnissen und Zaubereien schon als Kind fasziniert hatte.Kraftvoll und auf der Höhe seines Könnens: Bob Dylan während der «Rolling Thunder Revue».NetflixVon Kokain und Rotwein befeuertFür die Tournee versammelte Dylan im Oktober 1975 über ein Dutzend Kolleginnen und Kollegen in einem New Yorker Aufnahmestudio. Und absolvierte mit ihnen eine spontane, oft chaotische, von Kokain und Rotwein befeuerte Serie von Konzerten entlang der nordamerikanischen Nordwestküste bis hin nach Kanada. Manchmal entschied die Truppe am einen Tag, wo sie am nächsten Abend spielen werde. «Rolling Thunder Revue» nannte Dylan das ambulante Spektakel, bei dem ihn Leute begleiteten wie Roger McGuinn, Joni Mitchell, T-Bone Burnett, Joan Baez, Allen Ginsberg, Mick Ronson und weitere mehr.Wie die Dokumentation von Martin Scorsese von 2019 zeigen sollte, sang der Bandleader an diesen Konzerten so frei wie nie zuvor in seiner Karriere und nie mehr danach. Schon damals intonierte er seine Lieder anders als im Studio, weil für ihn eine Aufnahme nur die jeweilige Version eines Songs festhalte, wie er immer wieder beteuerte, darin Miles Davis ähnlich.Aber im Unterschied zu späteren Auftritten sang Dylan eigenwillig, kraftvoll und leidenschaftlich. Er dehnte die Silben aus und schleuderte Konsonanten ins Mikrofon, sein Gespür für Timing und Phrasierung als dramatische Elemente seines Vortrags zeigten ihn auf der Höhe seines Könnens. Lieblich klang seine Stimme nicht, das tat sie ja nie, aber wild, echt, zerrissen und gefühlvoll: zu wahr, um schön zu sein.Und weil er seine Person so gerne hinter wechselnden Identitäten verbarg – das hatte er von Arthur Rimbaud und Walt Whitman gelernt –, schminkte Dylan sein Gesicht auf der Tournee weiss; gelegentlich trug er auch eine Plastikmaske. Seine Auftritte erinnerten an ein frühes New Yorker Konzert. Als sei er bereits eine Instanz, sagte damals der 23-Jährige von der Bühne herunter: «Tonight is Halloween, and I got my Bob Dylan mask on.»Es scheint, als wolle er nochmals dieses Rollenspiel in Erinnerung rufen, wenn er auf seiner jetzigen Tournee den Song «Man In the Long Black Coat» interpretiert – mit der Zeile, die so gut zu ihm, dem Jokerman, Trickster und Täuscher passt: «He had a face like a mask.»Was Dylan sonst noch tatSeine Konzerte mögen zu einer Qual verkommen sein, abseits der Bühne bleibt Bob Dylan ausgesprochen kreativ, und das auf mehreren Kanälen. Als Dylan 1997 sein Comeback-Album «Time Out of Mind» veröffentlichte – damals war er 56 Jahre alt –, glaubten alle, ein Alterswerk zu hören, einen Abschied im Schatten der Vergänglichkeit. Mit einer schlafwandlerischen und zugleich schmerzhaft klaren Stimme sang Dylan zu einer schimmernden, Blues-getränkten Begleitung von Verlassenheit, Liebesleid und dem kommenden Tod: «It’s not dark yet / But it’s getting there».Was damals wie ein angekündigter Abschied klang, erwies sich als Neuanfang. Denn Bob Dylan brachte in der Folge mehrere exzellente oder sehr gute Platten heraus, schrieb eine geistreiche Biografie und ein Buch über Musik, betätigte sich in seiner «Theme Time Radio Hour» als Discjockey, machte Filme, ehrte die Songs von Frank Sinatra, nahm ein humorvolles Weihnachtsalbum auf und erhielt für sein Lebenswerk den Friedensnobelpreis.Und als wir alle ihn für wirklich ausgelaugt hielten, veröffentlichte er vor sechs Jahren mit der musikalisch dichten, textlich verweisungsreichen Platte «Rough and Rowdy Ways» ein weiteres Meisterwerk, mit dem er dazu noch die internationalen Hitparaden erklomm. Es wird immer dunkler um ihn herum, keine Frage. Aber der Alte singt immer noch.Am 31. Mai treten in Wald, Zürich, (https://bleiche.ch/beiz) zwei Musiker auf, die bei der «Rolling Thunder Review» dabei waren: die Geigerin Scarlet Rivera und der Bassist Rob Stoner. Die beiden Amerikaner begleiten den Sänger und Dylan-Interpreten Lukas Langenegger, der ausserdem bei den «Dylan Talks» des Moderators Röbi Koller auftritt (https://www.roebikoller.ch/bilder-und-toene).Passend zum Artikel
Der unermüdliche Bob Dylan und die Bühne als Lebensaufgabe
Vor fünfzig Jahren sorgte der amerikanische Singer-Songwriter, der am 24. Mai seinen 85. Geburtstag feiert, für Aufsehen mit seiner «Rolling Thunder Revue», die ihn durch die USA führte.











