Nina Warken kennt historische Premieren. Vor über zehn Jahren wurde sie als erste Frau zur Präsidentin der THW-Landesvereinigung Baden-Württemberg gewählt. Jetzt steht wieder eine Premiere an. Dieses Mal geht es nicht um das Technische Hilfswerk, sondern um die Schaltzentrale der Macht. Aus Stuttgart wird Berlin, aus Ehrenamt wird Kanzleramt.Nach über zwanzig Männern – darunter zwei Horsts, zwei Manfreds und zwei Wolfgangs – wird sie die erste „Chefin BK“ sein: Deutschlands erste Chefin des Bundeskanzleramtes und Ministerin für besondere Aufgaben. Eine Tauberbischofsheimerin übernimmt von einem Schwarzwälder.„Sie bringt alles mit, was man als Chefin BK braucht“, sagte der Noch-Amtsinhaber Thorsten Frei am Freitagabend auf einer Podiumsdiskussion in Stuttgart. Er soll künftig die Fraktion führen, nachdem er mit seinem bisherigen Job nie warm geworden ist. „Diesen großen Einfluss hat jetzt eine Frau.” Von der Tauber an die Spree Am Freitagmorgen gab Friedrich Merz seine Entscheidung im Garten von Warkens neuem Arbeitsplatz bekannt. Sie wird damit die rechte Hand des Bundeskanzlers, der den Vorwurf eines mangelnden Gespürs für Gleichstellungsthemen mal mit der Begründung zurückgewiesen hat, er habe eine Ehefrau und zwei Töchter.Warken und Merz liegen hier recht weit auseinander. „Ja, ich bin Feministin“, sagte die 47-Jährige mal in einem Interview. Sie dürfte eine der wenigen in der männerdominierten CDU-Spitze um Merz sein. In anderen Themen liegt man näher beieinander. Beide zählen sich zum konservativen Flügel der CDU. Warken hat 2017 gegen die gleichgeschlechtliche Ehe gestimmt. Auch die Teillegalisierung von Cannabis hält sie für einen Fehler. Man kennt und vertraut sich, vor allem seit der jüngeren gemeinsamen Zeit in der Bundestagsfraktion, als er Vorsitzender und sie Parlamentarische Geschäftsführerin war.Ja, ich bin Feministin.Nina WarkenBinnen kürzester Zeit hat Warken damit einen rasanten Aufstieg hingelegt. Fast niemand hatte sie vor 14 Monaten als Gesundheitsministerin auf dem Schirm. Fachlich hatte sie kaum Berührungspunkte damit. Seit sie 2013 im Deutschen Bundestag sitzt, hat sie sich eher mit innenpolitischen und rechtlichen Themen beschäftigt. Doch bei anderen Kabinettskollegen ist Fachexpertise auch keine Einstellungsvoraussetzung. Und bis auf, dass sie auf das Scheinwerferlicht eher verzichtete, machte sie in ihrer Karriere fast alles so wie ihre männlichen Kollegen – und wird trotzdem als die „Unscheinbare“, „die Unauffällige“ oder „die Überraschungskandidatin“ bezeichnet.Warken kommt aus dem an der Tauber gelegenen Weinbaustädtchen Bad Mergentheim im Nordosten Baden-Württembergs. An ihrem weichen Dialekt hört man das kaum. Sie studiert Jura in Heidelberg. Mit 20 tritt sie der Jungen Union bei, wird später ihre stellvertretende Bundesvorsitzende. Seit 2002 ist sie Mitglied der CDU, engagiert sich im Stadtrat sowie im Kreistag. Anfangs parallel zu ihrem Job als Rechtsanwältin. Ihr Mann ist ebenfalls Anwalt. Sie haben drei Söhne. Zur Amtsübergabe im Gesundheitsministerium lud sie ihre Familie ein. Nur Skandale sind von ihr keine bekannt. Widerstand gegen ihre Gesundheitsreform Worin sie sich von ihren männlichen Kollegen ebenfalls unterscheidet: Warken hat geliefert. Mit Mühen und unter massivem Widerstand hat sie ihr Sparpaket zur Stabilisierung der Krankenkassenbeiträge kurz vor der Sommerpause durch den Bundestag und Bundesrat gebracht.Geduldig hat sie die Reform erklärt. Trotzdem wurde sie von allen Seiten dafür heftig kritisiert: Von der Pharmaindustrie, Ärztinnen, Psychologen und Patienten fast gleichermaßen. „Man muss sich ein dickes Fell zulegen“, sagt Warken. Gerade im Netz wurde sie dafür massiv angefeindet. „Ich lese nicht jeden Kommentar in den sozialen Medien, da macht man sich nur verrückt.“Die CDU-Politikerin gilt als durchsetzungsstark, auch Merz hob diese Eigenschaft von ihr am Freitag hervor. An entscheidenden Stellen ihrer Amtszeit als Gesundheitsministerin setzten sich jedoch andere gegen sie durch.Eine unglückliche Figur gab sie ab, als ihr Ministerium den Sudhof-Bericht zur Maskenbeschaffung ihres Amtsvorvorgängers Jens Spahn erst gar nicht und dann nur massiv geschwärzt vorlegen wollte. Den Ländern musste sie bei der Rückabwicklung der Krankenhausreform ihres Amtsvorgängers Karl Lauterbach weitreichende Zugeständnisse machen. Lars Klingbeil konnte sich gegen sie durchsetzen, dass versicherungsfremde Leistungen erst weit in der Zukunft vom Bund und nicht Versicherten zu zahlen sind. Auch ihre Pflegereform verzögerte sich immer wieder, bis zuletzt konnte sie dem Kabinett keinen Entwurf vorlegen. Darum muss sich nun ihr ebenfalls fachfremder Amtsnachfolger Carsten Linnemann (CDU) kümmern. Sacharbeit statt Talkshow Warken muss sich künftig dagegen nicht nur um Reformen bei der Gesundheit, sondern auch die bei Rente, Steuern und Arbeit kümmern. Manche sagen als „Chefin BK“ werde sie nun wieder Generalistin. Vielmehr muss sie Spezialistin in allem werden. Sie muss sich überall gut auskennen, um sich gegen ihre neuen und alten Ministerkollegen durchsetzen zu können. Aktenberge durcharbeiten, telefonieren, verhandeln, koordinieren. Warken wird weiter im Kabinett sein, nur in anderer Rolle. © dpa/Michael Kappeler Merz traut ihr das zu. Denn Warken gilt als fleißig. Als eine, die sich schnell einarbeiten kann und stets vorbereitet ist. Die Sacharbeit interessiert sie und liegt ihr. Manche in der CDU halten ihren Auftritt für blass. Tatsächlich sucht sie ihn einfach seltener.Während Thorsten Frei gern noch viel häufiger in Talkshows gesessen hätte, kann sie sich mit ihrer neuen, etwas weniger öffentlichen Rolle deutlich eher anfreunden.Während ihrer Zeit als Generalsekretärin der CDU Baden-Württemberg vor ein paar Jahren war das ein Problem. Zuständig für die Abteilung Attacke sollte sie den Weg für Manuel Hagel an die Ländle-Spitze bereiten. Der hat seine spätere Wahlniederlage zwar durch eigene Fehler zu verantworten. Trotzdem blieb Warken damals recht unauffällig und wirkte eher parteiintern als in der Öffentlichkeit.Die CDU-Politikerin zieht lieber im Hintergrund die Fäden. Häufig denkt sie sich ihren Teil. Statt jeden Gedanken sofort auszusprechen, setzt sie ein verschmitztes Lächeln auf. Parteifreunde schätzen an ihr, dass sie auch zuhören kann, statt ständig selbst reden zu müssen. In ihrem neuen Amt kann das von Vorteil sein. Auf dem Weg zu neuen Aufgaben: Nina Warken, Philipp Amthor und Carsten Linnemann kurz vor der Pressekonferenz mit Friedrich Merz am Freitag. © AFP/TOBIAS SCHWARZ Ihren Platz ließ sie sich auch in der Vergangenheit nicht von Männern streitig machen. Als sie im Alter von 34 Jahren erstmalig in den Bundestag einzog, wollte man sie gegen ihren Willen in den Familienausschuss schicken. Sie bestand darauf, ihre Expertise als Juristin einbringen zu können. Und kam in den Innenausschuss, wo sie sich den NSU-Morden sowie den Abhöraktivitäten des US-Geheimdienstes widmete. Konstruktiv und vertrauensvoll beschreiben auch Kollegen aus der Opposition die Zusammenarbeit mit ihr.In der Union verbinden nicht wenige mit ihr die Hoffnung, dass es mit ihr im Kanzleramt künftig noch mehr Frauen in Führungspositionen schaffen können. Als Bundesvorsitzende der Frauen-Union hat sie einen guten Draht in alle Parteiebenen. Nun wird sie noch mehr Verbindungen in den Bundesländern wie Ministerien aufbauen können. Sie soll schließlich nicht die letzte erste Frau an der Spitze eines wichtigen Amtes bleiben.