Fußball war ein utopischer Ort für mich – bis Donald Trump wegen einer Roten Karte bei Gianni Infantino anrief.
Schiedsrichter Raphael Claus, nachdem er Folarin Balogun die Rote Karte gezeigt hatte
Martin Meissner/ap
V iele Spiele habe ich nicht gesehen bei dieser Fußball-WM. Aber wenn ich auf meinem Sofa lag oder mit Freunden WM schaute, erfüllte mich eine selige Ruhe. Darüber nachgedacht habe ich nicht, es fiel mir noch nicht einmal auf – bis Donald Trump bei Gianni Infantino anrief, um was zu klären: die Rote Karte für Folarin Balogun, die wenig später aufgehoben wurde. Infantino behauptete, die Fifa-Ethikkommission habe die Entscheidung unabhängig getroffen. Geglaubt hat ihm das wohl kaum jemand. Der US-Präsident dankte dem Fifa-Chef öffentlich für dessen „großartige, großartige, großartige Entscheidung“.
Aber erst als ich erfuhr, dass die Fifa ihre eigenen Regeln brach und zum Finale eine Halftime-Show inszenierte, die länger als die 15 Minuten war, die das Reglement festlegt, ging mir ein Licht auf: Warum regen uns Infantino und die korrupte Fifa so auf? Weil internationale Fußballwettbewerbe große Sublimationsleistungen sind. Statt Krieg miteinander zu führen, treten die Teams der Nationen gegeneinander an. Wenn englische Fans bei einem Spiel gegen Deutschland ihr Lied von den „ten German bombers“ anstimmen, die einer nach dem anderen von der Royal Air Force vom Himmel geholt werden, wird der Krieg in die sportliche Form des Schmähgesangs überführt. Auf dem Platz selbst herrschen Regeln, Schiedsrichter wachen darüber, dass sie eingehalten werden. Über ihre Entscheidungen wird oft gestritten, aber alle respektieren sie.







