Geht es nach der Trendforschungsagentur WGSN, ist die Farbe des Jahres „Transformative Teal“, eine Mischung aus Blau und „aquatischem Grün“. Die Modezeitschrift Elle zählt in einem Artikel gleich mehrere „Trendfarben 2026“ auf: Cremeweiß, Blau, Braun, Pastellrosa und Lila, aber auch, recht allgemein, „tropische“ und „organische Farben“. Die Vogue toppt das mit zehn Farben für Frühjahr/Sommer: Fuchsia, Limettengrün, Yves-Klein-, Marine- und Puderblau, Tomatenrot, Smaragdgrün, Bubblegum-Pink, Buttergelb und natürlich „Cloud Dancer“, der Ton, den der Farbkartenhersteller Pantone bereits zum Jahreswechsel in seiner traditionell viel beachteten Prognose als „Farbe des Jahres“ verkündet hat.Es gibt inzwischen so viele „Farben des Jahres“, dass man eigentlich fragen muss: Ist irgendeine Farbe gerade nicht Trend? Und: Wenn alle Farben angesagt sind, gibt es dann überhaupt noch Trends?Ein guter Ausgangspunkt, um dieser Frage nachzugehen, sind diejenigen, die schon vorher wissen, welche Farben beliebt werden. In der Mode spielt die Farbtrendanalyse erst seit etwa 50 Jahren eine Rolle. Vorher ging es bei der Betrachtung von Modetrends nicht um die Farbe, sondern vorrangig um Stoffe, Schnitte oder die Silhouette; ein bekanntes Beispiel ist der „New Look“ – enge Taille zum weiten Rock–, der die 1950er-Jahre prägte, aber keiner festen Farbgebung folgte. Kein Wunder – Modefotografie war lange schwarz-weiß, erst von den 1970er-Jahren an beobachtete man eine „Explosion von Farben“, sagt Niels Holger Wien, Head of Colours am Deutschen Mode-Institut (DMI) in Berlin. „Mit der Fotografie und dem Fernsehen wurde auch die Mode bunter.“ Und mit den Farben bildeten sich auch bald entsprechende Trends heraus.Die Farben der Saison bestimmt der ZeitgeistNiels Holger Wien ist einer der führenden Farbtrendanalysten in Deutschland. Er schaltet sich per Video zu, seine kurzen Haare leuchten in einem intensiven Rot. Er sei „immer im Recherchemodus“, sagt er, und sammele permanent Informationen, erst einmal abseits der Mode. „Jede Beobachtung sagt etwas darüber aus, wie wir den Zeitgeist wahrnehmen“, so Wien. Auf der ganzen Welt besucht er große Ausstellungen und Messen, von der Buchmesse bis zur Brillen- und Haushaltswarenmesse. Popkultur und Kunst fließen in seine Trendforschung ein, ebenso politische und gesellschaftliche Veränderungen. Aus den vielen Eindrücken entstehen Moodboards, Collagen aus Inspirationen, und schließlich eine „Farbgeschichte“, wie Wien es nennt. Erst bekommen Stoffdesigner und -hersteller, dann Modelabels, der Handel und Pressevertreter die entsprechenden Farbkarten: eine Auswahl an Farben, die in der jeweiligen Saison voraussichtlich wichtig werden. Im Moment arbeitet Wien bereits an der Prognose für den Sommer 2028, die Hersteller von Garnen und Stoffen brauchen den langen Vorlauf.Was ist nächsten Sommer mehrheitsfähig oder überraschend? All mauritius images/mauritius images / Inxti, YAY MeNoch sind seine Erkenntnisse streng geheim, dafür kann man die Prognose für Frühjahr/Sommer 2026 einem Realitätscheck unterziehen. In der betreffenden Farbkarte hatte das DMI unter anderem Aprikose, Himmelblau, Zitrusgelb, ein Pastellviolett, Rosa und Mintgrün prognostiziert. Sanfte Töne, die man derzeit in der Tat vermehrt sieht, sowohl in den Schaufenstern als auch auf der Straße. „Am Ende sind wir uns überraschend einig über die Farbharmonie“, sagt Wien, „und das nicht nur innerhalb des Instituts.“ Für seine Analysen arbeitet das DMI mit Trendbüros und Modeinstituten aus vielen Ländern zusammen, etwa der internationalen Non-Profit-Organisation für Farbforschung Intercolor.Eine „Farbe des Jahres“? – für Trendanalysten kompletter UnsinnSeriöse Farbtrendprognosen setzen sich immer aus mehreren Farben zusammen, es wird keine einzelne Farbe der Saison, geschweige denn des Jahres gekürt. Dass Unternehmen das immer häufiger tun – „Das ist der totale Nonsens“, sagt Wien. „Wir haben entschieden, das nicht zu unterstützen, weil es unserer Arbeit widerspricht.“ Auch in der Geschichte gab es nie nur eine Modefarbe pro Jahr oder Saison. Weil sich Trends früher langsamer entwickelten, fasst Wien in der Rückschau Dekaden zusammen. „Für die Siebziger zum Beispiel steht die Harmonie aus Dunkelbraun, Gelb, Orange und Violett“, sagt er. In den Achtzigern dominierten auffällige, kräftige, teilweise grelle Farben, leuchtende Fuchsia- und Neontöne, was als Spiegel des optimistischen Zeitgeists gedeutet wurde. Der Gegentrend folgte in den Neunzigern, in Form von neutralen und natürlichen Farben, Grau- und Erdtönen wie Khaki, Olive und Terrakotta. In den Nullerjahren wurden die Farben weicher, einerseits pastellig, andererseits aber auch knallig.Typische Farbpalette der Siebziger Jahre. imago classic/IMAGO/imagebrokerWenn Trendfarben sich verändern, dann nicht einzeln. Es heißt also nicht, „Cloud Dancer“ ist das neue „Mocha Mousse“, die Vorjahresfarbe von Pantone, sondern: „Es verändern sich Harmonien“, erklärt Wien. „Die Stimmung wird heller oder leichter, intensiver oder kühler.“Auch wenn die Entwicklung schon immer zu komplex war, um sich auf einen einzelnen Ton festzulegen, so waren doch Tendenzen erkennbar, früher mehr als heute, sagt Jane Monnington Boddy. Die ehemalige Direktorin des Farbteams bei WGSN arbeitet heute von London aus für das Pantone Color Institute. „Früher wurden Mode, Innenausstattung, Autos und Produkte von wenigen großen kulturellen Einflüssen geprägt, sodass Farbtrends deutlicher hervorstachen. Wenige Schlüsselnuancen bestimmten eine Saison oder ein Jahr.“Auch in den vergangenen Jahren standen durchaus immer wieder einzelne Trendfarben im Fokus.Von „Millennial Pink“ bis „Millennial Mint“Um das Jahr 2016 zum Beispiel tauchte „Millennial Pink“ auf, ein puderiger Rosaton, der plötzlich genderneutral getragen wurde. Während der Corona-Pandemie konnte man das Phänomen „Dopamine Dressing“ beobachten: Knallige Farben, vor allem Gelb, brachten Licht in den grauen Home-Office-Alltag, auch kombiniert etwa als pink-orange-farbenes Color-Blocking. Mit Beginn des Ukrainekriegs wurden die Farben wieder gedeckter, bis es sich 2023 ins Gegenteil verkehrte und der Hype um den „Barbie“-Film erneut Pink zur Trendfarbe machte.Model bei der Show von Issey Miyake Fall/Winter 2026-2027 in Paris. Blondet Eliot/ABACA/picture alliance / abacaWenn sich die Menschen an Farben sattgesehen haben, verschwinden sie langsam, und wie alle Trends kommen sie irgendwann wieder wie aktuell „Millennial Mint“.Das pastellige Mintgrün war Anfang der Zehnerjahre schon einmal angesagt, als die Millennials genannte Generation Y noch Teenager und junge Erwachsene waren. Die Farbe sorgte jetzt bereits im Frühjahr auf Taylor Swifts Fingernägeln für Schlagzeilen. Vor ein paar Wochen erklärten sowohl die Instyle als auch die Brigitte den Ton als „Trendfarbe des Sommers 2026“. Manchmal wird eine Farbe auch spontan zum Trend erklärt, zum Beispiel nach dem Filmfestival in Cannes im Mai dieses Jahres. Als auf dem roten Teppich die roten Roben unter anderem von Isabelle Huppert und Demi Moore (jeweils in Gucci) sowie Julianne Moore (in Bottega Veneta) auffielen, berichtete die Vogue sofort über die „Trendfarbe“.Auch Pantone veröffentlicht eine ganze Farbpalette – es interessiert nur niemandenDurch solche Berichterstattung stechen immer wieder einzelne Trendfarben hervor, die aber immer nur ein Teil des Spektrums sind. Dennoch macht Pantone seit 1999 jedes Jahr mit der „Farbe des Jahres“ Schlagzeilen. Dabei veröffentlicht das Unternehmen zusätzlich eine ganze Farbpalette, zu der in diesem Jahr unter anderem ein Roséton namens „Raindrops on Roses“, das kühle Blaugrau „Ice Melt“ und der zarte Gelbton „Lemon Icing“ gehören. Im Zentrum vor allem der medialen Aufmerksamkeit steht allerdings die eine „Farbe des Jahres“.Dabei ist die Aussicht, dass eine einzelne Farbe ein Jahr oder auch nur eine Saison bestimmt, nicht nur langweilig, es entspricht auch nicht dem Zeitgeist.Sneakers in Trendfarben. All mauritius images Content+/mauritius images / Ret Alui / Al„Die heutige Farblandschaft ist so komplex, weil die Welt selbst komplexer geworden ist. Wir sehen rasante technologische Veränderungen, wirtschaftliche Höhen und Tiefen, Klimasorgen und einen unaufhörlichen digitalen Informationsstrom“, erklärt Boddy. „Aus diesem Grund erwarten die Menschen gleichzeitig ganz unterschiedliche Dinge von Farben.“ Früher erlebten die Menschen Saison um Saison, Dekade um Dekade, Geschichte wurde linear erzählt. Heute sind in den sozialen Medien, in Streaming-Serien und generell online Inspirationen aus allen Epochen parallel verfügbar. In unzähligen Nischen und über KI-Inhalte entstehen unzählige Mikro- und Nanotrends und verbreiten sich gleichzeitig in den sozialen Medien, oft bleiben sie nicht in den Filterblasen, sondern beeinflussen die Popkultur und prägen den Zeitgeist.Die Modeindustrie hat sich dieser Entwicklung längst angepasst. Vor 20, sogar vor zehn Jahren entwickelten sich Trends schon allein aus logistischen Gründen langsamer. Fast-Fashion-Labels wie H&M, Zara und Primark haben anfangs zwölf bis 24 Kollektionen im Jahr herausgebracht und das Tempo immer weiter erhöht. Heute stellen Unternehmen wie Shein der Umweltorganisation Greenpeace zufolge bis zu 9000 neue Artikel am Tag online. Und das muss jemand kaufen, obwohl der Großteil der Kundinnen und Kunden ohnehin schon volle Kleiderschränke zu Hause hat.Die „Farbe des Jahres“ ist vor allem MarketingUnternehmen verkünden deshalb so hartnäckig eine „Farbe des Jahres“ nach der anderen, weil es schlicht ein hervorragendes Marketing-Tool ist.„Neue Farbimpulse wecken Begehrlichkeiten“, sagt Timo Rieke, Designer, Professor für Farb- und Oberflächengestaltung an der Fakultät Gestaltung der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) in Hildesheim und Vorstandsvorsitzender des Deutschen Farbenzentrums. „Die Menschen interessieren sich für Trends, einfach weil sie keinen verpassen und als modern wahrgenommen werden wollen“, so Rieke.Mit Farben kann man sich nicht nur in der Mode, sondern auch mit Produkten abheben. Auch wenn man genügend Bettwäsche und mehr Tarte-Formen als genug zu Hause hat – man hat sie eben nicht in genau dem Grünton, in den man sich gerade verknallt hat. Zuletzt kam das häufiger vor: Haartrockner, Tablets, Sneaker und andere Produkte in Grüntönen, insbesondere Eukalyptus-, Salbei- und Pistaziengrün, waren auffällig schnell ausverkauft.Rieke kritisiert, dass einzelne Trendfarben nur kurzfristig Aufmerksamkeit bringen. „Designer und Architekten, die für langlebige, ökologisch und ethisch wertvolle Gestaltung stehen, waren schon immer misstrauisch, was solche Trends angeht“, sagt er.Aber die Sache ist: Farbe funktioniert. Seit ein paar Jahren geben Unternehmen den Farben ihrer Produkte deshalb zusätzlich aufregende Namen. Kitchen Aid kürte „Spearmint“ zur Farbe des Jahres. Ein Wandfarbenhersteller vermarktet den Blauton „Deep Ocean“ als „Farbe des Jahres“ und ein Autolackhersteller einen Orangeton namens „Solar Boost“ als „Autofarbe des Jahres“. Die französische Traditionsküchenmarke Le Creuset launchte dieses Jahr den Türkiston „Bleu Riviera“ als Jahresfarbe. Steamer werden in blumigen Farbnuancen wie „Sky & Terra“ und Mixer in „Cloud White“ angeboten. Der Vorreiter ist auch hier Pantone mit seinen blumigen Namen. Nach „Peach Fuzz“ und „Mocha Mousse“ verkauft das Unternehmen in seinem Onlineshop in diesem Jahr Notizbücher, Kaffeebecher und Schlüsselanhänger in „Cloud Dancer“-Weiß. „Es bleibt ein langweiliges Weiß, der Ton, den die meisten von uns an der Wand haben“, sagt Rieke. Aber eben auch: „Farbe des Jahres 2026“.
Farben-Trends 2026: Wer sucht sich das eigentlich aus?
Farbtrends 2026 zeigen ein breites Spektrum von Blau bis Pink. Experten aus Berlin und London analysieren globale Einflüsse und gesellschaftliche Veränderungen um eine neue Prognose für Trendfarben abgeben zu können.










