PfadnavigationHomeICONISTModeBunter WinterSchluss mit Schlammfarben! Warum Farbe jetzt so guttutVeröffentlicht am 30.10.2025Lesedauer: 5 MinutenDas grellste Giftgrün gibt’s bei PradaQuelle: The Washington Post via Getty ImagesSattes Violett, Knallgrün, leuchtendes Orange: Luxuslabels versprechen endlich mal wieder einen bunten Winter. Von dem sieht man jenseits der Laufstege aber nur wenig. Ein Plädoyer für mehr Wagemut in Farbfragen.Warmes Senfgelb, sattes Violett und an den Sommer 2024 erinnerndes „Brat Green“ bei Gucci und Saint Laurent. Orange und Burgunder-Rot bei Miu Miu, Magenta bei Dries van Noten, Pistaziengrün bei Hermès: Als die Luxusmarken im Frühjahr ihre Herbst- und Winterkollektionen präsentierten, durfte man Hoffnung schöpfen. Auf einen Herbst, der nicht wie so viele davor in matt-dunklen Schlammfarben versinkt und in dem nur müde von den Bäumen herabsegelnde Blätter für bunte Lichtblicke sorgen. Auf einen Winter, in dem nicht alle Menschen um einen herum in schwarzen, anthrazitfarbenen oder – fast schon mutig – dunkelblauen Mänteln oder Daunenjacken-Ungetümen versinken. Was auf den Laufstegen gezeigt wird, landet oft schneller in den Filialen günstiger Anbieter als in den Boutiquen der Luxuslabels, so will es mittlerweile das von der Fast Fashion getriebene Modegesetz. Tatsächlich sind Rot-Töne, vor allem fast ins Braun rutschende Rostrot, und gedeckte (Oliv-)Grün-Nuancen bei H&M, Zara & Co. zu finden. Aber von der leuchtend-strahlenden und bisweilen überraschenden Farbenpracht, wie sie die Schauen im Frühjahr versprachen, ist nur wenig zu sehen. Auf den Straßen sieht es ähnlich aus: Je niedriger die Temperaturen und je seltener die Sonnenstrahlen werden, desto dunkler sind die Stofflagen, in die sich die meisten Menschen hüllen. Da werden ein tomatenroter Schal, eine babyblaue Mütze, ein orangefarbenes, aus dem Kragen hervorlugendes Innenfutter schnell zum Hingucker in diesem dunklen Einerlei. Dass dunkle Farben spätestens ab dem Herbst dominieren, gerade bei Mänteln und Jacken, hat natürlich – und hierzulande ganz besonders – vor allem praktische Gründe. Dunkle Farben speichern Wärme besser als helle; die wenigen Sonnenstrahlen, die sich in dieser Jahreszeit den Weg durch schwere Wolken bahnen, werden also effektiv genutzt. Auf dunklen Stoffen sieht man auch weniger deutlich diese kleinen, gemeinen Flecken, die sich als Spritzer aus Regenpfützen und später aus geschmolzenem Schnee so gerne auf Mantelsäumen und Hosenbeinen niederlassen. Und bekanntlich lassen dunkle Töne schlanker wirken, ein entscheidendes Argument für die Eitlen – und ein zutreffendes, wie die eigene Erfahrung bestätigt: Der lange, rosafarbene Daunenmantel mag zwar für Wärme und Farbfreude sorgen, besonders grazil lässt er seine Trägerin dann aber doch nicht erscheinen. Für alle, die sich nicht verstecken wollenNeben der ganz praktischen Dimension gibt es auch noch die psychologische. Der Begriff des „Dopamin Dressing“, den die New Yorker Psychologin Dawnn Karen vor etwa vier Jahren prägte, beschreibt den positiven Effekt, den leuchtende Farben aufs Gemüt haben können. Warum viele dennoch in der dunklen Jahreszeit zu Kleidung in ebenso dunklen Farben greifen, erklärte bereits 2019 der Farbpsychologe Axel Buether, der gerade „Das große Buch der Farbpsychologie“ vorgelegt hat, in der „Neuen Westfälischen“: Die Menschen passten sich der Umwelt an und wählen oft unbewusst entsprechende Farben. Zudem seien viele in dieser Jahreszeit müder, wollten „nach innen flüchten“ und nicht auffallen. Je dunkler und gedeckter die Farben um einen herum sind, desto schneller fällt auf, wer sich für helle und leuchtend bunte Töne entscheidet. Das klingt logisch. Und es klingt verheißungsvoll, zumindest für all jene, die sich gar nicht so sehr verstecken wollen. Wer es je selbst ausprobiert hat, weiß, wie schnell die Farbe eines Mantels oder eines Paar Stiefel die so abgedroschen klingende Phrase, Kleidung sei Kommunikation, mit Leben füllen kann. Da macht einem die ältere Dame in der U-Bahn ein Kompliment für den Mantel in hellem Mintgrün, der „so herrlich frühlingshaft in diesem trüben Herbst“ sei. Da fragt einen der Herr an der Ampel lachend, ob man die leuchtend roten Schuhe eher aus stilistischen oder aus Sicherheitsgründen trägt. Und da wird aus dem eigenen bewundernden Blick auf das Outfit ganz in Buttergelb einer jungen Frau ein unverhofftes Gespräch über die richtige Bezeichnung eben dieser Farbe.Nun hat nicht jeder ständig Lust auf Gespräche mit Fremden über die Farben seines Outfits, aber genau das ist ja das Wunderbare an der Mode: Sie lässt sich anpassen an die eigene Stimmung – und sie kann diese beeinflussen. Auch in kleiner Dosierung. Zwischen einem zweifellos auffälligen, tomatenroten Wollmantel und einer senfgelben Kunstpelzjacke à la Saint Laurent oder einem violett-roten, mit Karomuster abgerundeten Farbmix im Stil von Miu Miu und dem Komplettlook aus Mantel, Schal, Hose und Schuhen ganz in Schwarz oder Anthrazit gibt es eine Menge Spielraum. Wie man diesen Spielraum nutzen kann, war im Frühjahr bei den Gästen der Schau von Gabriela Hearst zu sehen. Eine Zuschauerin erschien im beigefarbenen Trenchcoat, schwarzer Hose und knallgelben Sneakern an den Füßen, eine andere entschied sich für goldene Schuhe, eine weitere für ein grünes Paar mit funkelnder Strassverzierung. Gucci zeigte große Taschen in Violett und Orange und auf dem Prada-Laufsteg wurde eine rote Handtasche zum dunkelgrauen Mantel zum Hingucker. Bei den Herren sorgten hellgrüne und orangefarbene, mal blumig gemusterte, mal einfarbig erstrahlende Cowboyboots für Farbe. Lesen Sie auchAuch jenseits der Luxusmode lässt sich Farbe leicht in den eigenen Winterlook integrieren – und wenn es nur ein Schal, eine Mütze, ein Paar Handschuhe oder eben Schuhe sind. Gerade in Deutschland, wo das Spiel mit Silhouetten und Schnitten – das ja, wenn es gekonnt gespielt wird, ganz ohne Farbeffekte auskommt – leider nicht allzu beliebt ist und wo die Ästhetik oft der umso größeren Liebe zur Funktionalität weichen muss, wird Farbe zu einem der letzten Auswege aus der stilistischen Tristesse. Dass dieser Ausweg auch noch die Laune heben kann, dürfte gerade in missmutig stimmenden Zeiten ein angenehmer Nebeneffekt. Trifft jetzt ein seltener Sonnenstrahl auf eine leuchtende Farbe, ist das Ergebnis ein Lichtblick im übertragenen und im wörtlichen Sinne. Und wer von alldem noch immer nicht überzeugt ist, mehr Farbe zu wagen, sollte sich auf ein ganz pragmatisches Argument besinnen: Wer Farbe trägt, fällt auf – und sorgt damit für die eigene Sicherheit. Selbst in der dunklen Jahreszeit.
Bunter Winter: Schluss mit Schlammfarben! Warum Farbe jetzt so guttut - WELT
Sattes Violett, Knallgrün, leuchtendes Orange: Luxuslabels versprechen endlich mal wieder einen bunten Winter. Von dem sieht man jenseits der Laufstege aber nur wenig. Ein Plädoyer für mehr Wagemut in Farbfragen.







