Viele Besucher im Ort und oben am Berg sind selbst ambitionierte Radfahrer, Nahrungsergänzung ist ein Thema im Hobbybereich, aber nicht nur. Zwischen den Flaggen, Lautsprecherboxen und Grillgeräten geht es nicht nur um das Peloton, sondern bisweilen auch um die eigenen Ambitionen, um Leistungssteigerung und legales Doping. Ein Ausflugsgruppetto durchtrainierter junger Männer zum Beispiel unterhält sich über ein leicht erhältliches Diabetesmedikament, das ähnlich wirke wie eine verbotene Substanz.Das Dopingthema hat die Tour de France seit den verseuchten Nullerjahren nie wirklich verlassen, auch wenn es im vergangenen Jahrzehnt nur eine nachträgliche Disqualifikation gab: Nairo Quintana wegen des Schmerzmittels Tramadol im Jahr 2022. Permanent blubberte es weiter – und nie war es so präsent wie in diesem Jahr.Pogacar kommt während der Tour auf fast so viele Kontrollen wie alle Spieler einer Fußball-Spitzenmannschaft im ganzen JahrDer Grund dafür sind zwei Dopingproben in der Nacht vom 18. auf den 19. Juli, als um zwei Uhr morgens die Kontrolleure bei Jonas Vingegaard vorbeikamen und um fünf Uhr bei Tadej Pogacar, den beiden besten Radprofis der vergangenen Jahre. Grundsätzlich sind Kontrollen im Radsport nichts Besonderes, keine andere Sportart wird so intensiv getestet. Am Ruhetag schauten die Kontrolleure auch bei allen rund 170 im Peloton befindlichen Athleten für eine Blutprobe vorbei. Nach jeder Tour-Etappe müssen der Träger des Gelben Trikots, der Tagessieger sowie einige ausgeloste Fahrer Urin abgeben; Pogacar kommt während der Tour auf fast so viele Kontrollen wie alle Spieler einer Fußballspitzenmannschaft zusammen im ganzen Jahr.Aber diese beiden nächtlichen Kontrollen sind besonders. Denn sie fanden zwischen 23 Uhr und sechs Uhr statt. Und in dieser Zeit sind Kontrollen eigentlich tabu. Es sei denn, so heißt es im Reglement des Rad-Weltverbandes UCI unter Punkt 5.2.2., „es besteht ein schwerwiegender und konkreter Verdacht, dass der Fahrer Doping betreibt“. Und deswegen schwebt auf dem Weg nach Alpe d’Huez und weiter nach Paris die Frage über der Tour, was genau hinter dieser Doppelkontrolle steckt – und wer noch von ähnlichen Kontrollen betroffen ist und damit ebenfalls in eine Rubrik der auf besondere Art als verdächtig markierten Fahrer rutscht.Nachts wurde er von Dopingkontrolleuren aufgesucht, tags darauf stürzte er und musste verletzt aufgeben: der dänische Spitzenfahrer Jonas Vingegaard. Anne-Christine Poujoulat/AFPEs mehren sich die Anzeichen, dass es nicht nur um das Spitzenduo geht. Die International Testing Authority (ITA), die für den Anti-Doping-Kampf im Radsport zuständig ist, sagt auf Anfrage nicht, wie viele nächtliche Kontrollen sie ausgeführt hat. Die slowenische Zeitung Siol zitierte wiederum den slowenischen Fahrer Matej Mohoric (Team Bahrain) mit dem Satz: „Ich hatte auch einmal um fünf Uhr morgens eine Kontrolle, was für uns praktisch mitten in der Nacht ist.“Wann genau diese Kontrolle stattgefunden hat, bleibt unklar; ein Sprecher des Teams beantwortete eine Anfrage dazu nicht – ebenso wenig die Frage, ob auch andere Fahrer der Mannschaft von einer nächtlichen Kontrolle betroffen gewesen seien. Das deutsche Team Red Bull erklärte unter der Woche, dass es während der Tour de France keine nächtlichen Kontrollen in diesem Zeitraum gegeben habe; das zweite deutsche Team, Lidl-Trek, beantwortet eine Anfrage dazu nicht.Eine Sprecherin von Decathlon, dem Team des französischen Großtalentes Paul Seixas, erklärt auf die Frage, ob es zwischen 23 Uhr und sechs Uhr Kontrollen gab: „Ich darf diese Informationen nicht weitergeben; nur die Fahrer selbst können entscheiden, ob sie mitteilen möchten, ob und wann sie getestet wurden.“ Sie könne nur mitteilen, dass alle Fahrer während der Tour getestet worden seien.Klar ist jedoch: Die ITA stellte sich auf den Standpunkt, dass die Kontrollen notwendig gewesen seien. Und der Rad-Weltverband unterstützt das Vorgehen explizit. Die Anti-Doping-Instanzen machen so etwas nicht im luftleeren Raum. „Sämtliche in Frankreich durchgeführten nächtlichen Kontrollmaßnahmen“ seien „im Einklang mit den geltenden französischen Rechtsvorschriften“ erfolgt, beteuert die ITA. Konkret heißt das: Sie hat beim zuständigen Richter für Freiheits- und Haftfragen (Juge des libertés et de la détention, JLD) eine Genehmigung beantragt und diese auch bekommen.Beim Mikrodoping nimmt man Substanzen in so geringer Menge ein, dass sie am Morgen schon nicht mehr nachweisbar sindDas Feld ist jetzt mal wieder gespalten. Einerseits herrscht durchaus Verständnis für diese Aktion, angesichts der Historie des Radsports – und auch weil viele wissen, dass nachts Sachen vor sich gehen, die dem Etikett des sauberen Radsports widersprechen. Schon vor einem Jahrzehnt haben Fahrer einer damals von der UCI eingesetzten Prüfkommission berichtet, dass nachts Mikrodoping stattfinden würde. Das heißt: Man nimmt Substanzen in so geringer Menge ein, dass sie am Morgen schon nicht mehr nachweisbar sind.Decathlon-Profi Oliver Naesen gab kürzlich die Vermutung wieder, dass ein möglicher Konsum von Wachstumshormon das Ziel der Kontrolleure sein könne. Jonathan Vaughters, früher ebenfalls gedopter Helfer des Superdopers Lance Armstrong und heute Teamchef von EF Education, erklärt, Nachttests seien „eine der sehr effektiven Methoden, um das Mikrodosieren von Peptiden (Epo, HGH) und Testosteron zu verhindern“. Weiter merkt er an: „Hätte die UCI uns 2001 um 2 Uhr nachts getestet? Wir wären alle suspendiert worden und hätten dem Sport 25 Jahre Drama erspart.“Andererseits gibt es auch viel Kritik. Mit am weitesten wagte sich Matej Mohoric heraus. Er griff die ITA via Siol frontal an: „Tatsache ist, dass die Agentur, die die Tests durchführt, über ein recht großes Budget verfügt und dieses irgendwie rechtfertigen muss. Ich denke also, es ist ein Geschäft“, sagte er. Und Mohoric brachte gleich noch eine Verschwörungstheorie unter. Es wäre gut, sicherzustellen, sagte er, „dass die Bedingungen für alle gleich sind, denn wir wissen, dass der Franzose, der in der Gesamtwertung weit oben steht, diese Kontrolle nicht hatte“. Der Franzose, das ist Paul Seixas, 19 Jahre alt, der um einen Podiumsplatz kämpft.Viele andere äußern sich ähnlich scharf. Noch ist das Peloton natürlich nicht so weit wie im Sommer 1998, als der Festina-Skandal und diverse Ausschlüsse den Tross erschütterten und Teile des Feldes einen Streik organisierten, weil sie sich schlecht behandelt fühlten. Aber es brodelt erkennbar, und erschwerend wirkt dabei, dass das alles nicht aus dem Nichts kommt. Immer wieder wurden in den vergangenen Jahren Fahrer wegen Dopings suspendiert, dazu kommen anhaltende Berichte über Stoffe wie Aicar sowie einige andere verbotene Substanzen und Methoden. Zwischendurch fliegt ein Netzwerk wie der Erfurter Blutdopingring auf, zu dem nicht nur, aber auch Radprofis gehörten. Und obendrein wurde schon mehrfach in den vergangenen Jahren rund um die Tour de France ermittelt.Ein junger Mann aus Slowenien öffnet seine Satteltasche, grinst und erklärt: „Ich habe natürlich auch meine Medizin dabei.“Einmal wurde der Grand Départ begleitet von einer europaweit koordinierten Razzia in mehreren Ländern. 2020 schauten Durchsuchungsbeamte beim Team Arkea-Samsic vorbei, in den beiden Jahren darauf beim Team Bahrain. Alle bestritten Fehlverhalten und beteuerten, zu kooperieren, bei Bahrain sind auch bis heute keinerlei konkreten Konsequenzen oder Verfahren bekannt.Bei Arkea sieht das anders aus: Im vergangenen Jahr wurden der damalige Arzt von Quintana und dessen Bruder zu sechs Monaten auf Bewährung und einer Geldstrafe in Höhe von 15 000 Euro verurteilt. Das Team beteuerte, das Trio sei eine Combo für sich gewesen, der Anwalt des Arztes hat angekündigt, gegen das Urteil in Berufung zu gehen. Sollte dieses jedoch bestätigt werden, könnte das noch sportrechtliche Konsequenzen haben für den früheren Weltklassefahrer Quintana, der seine Karriere zufälligerweise bald beendet.Zurück in die obersten Kehren von Alpe d’Huez. Der Berg ist an diesem Freitag gefüllt mit Menschen, vor allem mit jungen, viele sind die 21 Kehren selbst hoch geradelt. Zwei Deutsche, die den Berg soeben bezwungen haben, rufen sich ihre Fahrzeiten zu, der eine hat fünf Minuten länger gebraucht und schüttelt resigniert den Kopf. Sie alle warten nun auf ihre Idole, von denen man sich vieles abschauen kann, das tun auch manche. Einer hier sieht selbst fast aus wie Pogacar höchstpersönlich, mit dem Originalrennrad des Teams UAE samt durchdesignter Teamkluft. Der junge Mann erklärt, er stamme aus Slowenien, Maribor. Dann öffnet er seine Satteltasche, grinst und erklärt. „Ich habe natürlich auch meine Medizin dabei.“