Die nächtlichen Dopingkontrollen bei Pogacar und Vingegaard sorgen an der Tour de France für Kritik – solche Tests erhöhen aber die Glaubwürdigkeit des RadsportsManche Dopingsubstanzen sind im Körper nur während weniger Stunden nachweisbar. Deshalb testet die International Testing Agency an der Frankreichrundfahrt in Ausnahmefällen auch in der Nacht.20.07.2026, 17.00 Uhr5 LeseminutenDa waren sie noch ausgeruht unterwegs: Jonas Vingegaard und Tadej Pogacar während der 14. Etappe der Tour de France vor der nächtlichen Dopingkontrolle.Yoan Valat / EPATadej Pogacar fand keinen Schlaf mehr, nachdem Dopingkontrolleure am Sonntagmorgen um 5 Uhr an seine Zimmertür im Mannschaftshotel geklopft hatten. Stattdessen kochte der Gesamtführende und vierfache Sieger der Tour de France Kaffee und hörte sich «alte Eminem-Songs» an. So erzählte er es am Sonntag im Ziel der 15. Etappe auf dem Plateau de Solaison.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Auch Jonas Vingegaard bekam nächtlichen Besuch. Er war bis am Sonntag Pogacars härtester Konkurrent um den Gesamtsieg der Tour de France. Beim Dänen kamen die Kontrolleure bereits um 2 Uhr, er habe kaum geschlafen, sagte er vor dem Start zu der 15. Etappe, die seine letzte an dieser Tour werden sollte. 22 Kilometer vor dem Ziel stürzte der Gesamtsieger von 2022 und 2023 bei der Ausfahrt aus einem Kreisel und zog sich einen komplizierten Schlüsselbeinbruch zu. Anstatt in den Alpenetappen in dieser Woche um den Gesamtsieg zu kämpfen, steht dem zuvor zweitplatzierten Vingegaard eine Operation bevor.Die Tests an der Tour de France führt die International Testing Agency (ITA) seit 2021 im Auftrag des Weltverbandes (UCI) durch. Nach Vingegaards Unfall kritisierten mehrere Fahrer die nächtlichen Kontrollen als verantwortungslos, es sei die einzige Zeit für Erholung während einer dreiwöchigen Rundfahrt wie der Tour de France. Die Rede war auch von Schikane.Mikrodosen von Doping bauen sich innerhalb von Stunden abBesonders deutlich äussert sich Pogacar, der das Vorgehen der ITA als «unmenschlich» bezeichnet. «Es kann sein, dass der fehlende Schlaf einen kleinen Anteil an Vingegaards Sturz hat», sagt der Slowene. Remco Evenepoel, seit Sonntag anstelle von Vingegaard Zweiter im Gesamtklassement, sagt: «Wir sollten die Dopingkontrolleure auch einmal um 3 Uhr morgens wecken, um ihnen zu zeigen, wie sich das anfühlt.» Als Fahrer sollten sie nächtliche Tests nicht akzeptieren. «Sie sind respektlos», findet Evenepoel.Ernst König, der Direktor von Swiss Sport Integrity (SSI), der nationalen Anti-Doping-Agentur, sieht das anders: «Man darf jederzeit und überall testen», sagt er. Und das sei auch richtig, damit die Dopingkontrolle ihre Glaubwürdigkeit behalte. «Wer heute intelligent dopen will, kommt mit ‹Viel hilft viel› nicht mehr durch», zu gut sind die Testverfahren in den Dopinglaboren.Mikrodosen von gewissen Substanzen, die ein Athlet vor dem Zubettgehen nimmt, können um 6 Uhr morgens vielleicht nicht mehr nachgewiesen werden. Und wenn das eine Sportlerin oder ein Sportler in regelmässigen Abständen macht, kann es schon einen leistungssteigernden Effekt haben. Das Timing des Dopings ist viel wichtiger geworden als früher.«Umso bedeutender ist die Möglichkeit, jederzeit testen zu können. Für die Fairness im Sport», sagt König. Als Beispiele für Mittel mit geringer Halbwertszeit nennt er Wachstumshormone, Testosteron oder gewisse EPO-Formen. Diese Mittel haben auch im Radsport einen leistungssteigernden Effekt. Je nach Dosierung baut der Körper diese Substanzen jedoch so schnell ab, dass es eben darauf ankommt, in diesen nächtlichen Stunden zu testen.Lance Armstrong nutzte die geringe Halbwertszeit ausDie geringe Halbwertszeit gewisser Substanzen nutzte offenbar auch Lance Armstrong, der wohl berüchtigtste Doper der Sportgeschichte. Der Amerikaner gewann zwischen 1999 und 2005 siebenmal in Serie die Tour de France. Wegen Dopings wurden ihm diese Titel später aberkannt. 2013 gab Armstrong erstmals zu, gedopt zu haben – er wurde während der Aktivzeit aber nie positiv getestet. In einem Podcast sagte Armstrong 2023: «Mit EPO, das der Raketentreibstoff war, der nicht nur unseren Sport, sondern jeden Ausdauersport verändert hat, hat man eine vierstündige Halbwertszeit. Es verlässt den Körper sehr schnell.» Armstrong wurde in seiner Karriere nach eigenen Angaben über 500 Mal getestet. Allerdings nie in der Nacht.Es sei fast wichtiger, dass es die Möglichkeit von Tests in den Nachtstunden gebe, als dass sie dann auch wirklich angewendet werde, sagt König. Denn die Regel sollten Tests zu diesen Zeiten nicht sein. «Valid grounds», so zitiert König den Anti-Doping-Kodex der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada), also «berechtigte Gründe». Die brauche es, um Athleten mitten in der Nacht für die Blutentnahme zu wecken, insbesondere während des wichtigsten Velorennens der Welt. Alles andere sei nicht fair. Über die Gründe im vorliegenden Fall kann und will sich König nicht äussern.Die UCI hat in ihren Regeln ein Testfenster von 6 bis 23 Uhr definiert; in diesen Stunden müssen Sportlerinnen und Sportler mit einer Kontrolle rechnen. Nächtliche Tests waren bis 2016 nicht vorgesehen, sind seitdem aber unter gewissen Voraussetzungen erlaubt. In einem Kommentar zum entsprechenden Paragrafen in den UCI-Regularien steht: «Ausserhalb des Testfensters wird die UCI die Fahrer nicht kontrollieren. Es sei denn, sie hat einen schwerwiegenden und konkreten Verdacht, dass der Fahrer Doping betreibt.» Welche Verdachtsmomente verfolgt die ITA, die unabhängig von der UCI agiert, bei Pogacar und Vingegaard?Ein nächtlicher Test bestätigt für die ITA noch keinen VerdachtEine Sprecherin der ITA äussert sich schriftlich zu den Fragen der NZZ. Sie bestätigt mehrere nächtliche Tests bei Teilnehmern der Tour de France, die Kontrollen seien im Einklang mit der Teststrategie der ITA durchgeführt worden. Ihre Organisation sei sich bewusst, dass Kontrollen in der Nacht die Ruhe und Erholung der Fahrer stören könnten. «Es wurde daher sorgfältig darauf geachtet, die Auswirkungen der Testaktivitäten auf die Fahrer so weit wie möglich zu minimieren.» Wie viele Kontrollen ausserhalb des Testfensters die ITA an dieser Tour de France durchgeführt hat, lässt die Medienverantwortliche offen, wobei sie auf die Vertraulichkeit der Teststrategie verweist.Den Zeitpunkt einer Kontrolle legt die ITA durch eine «risikobasierte Bewertung» fest. «Diese berücksichtigt eine Reihe relevanter Faktoren und Informationen», heisst es. Solche nächtlichen Tests würden aber keinesfalls willkürlich stattfinden. «Sie sollten aber auch nicht als Beweis dafür interpretiert werden, dass ein Fahrer einen Verstoss gegen die Anti-Doping-Bestimmungen begangen hat oder dessen verdächtigt wird.»Weitere Details zu den Kontrollen bei Pogacar und Vingegaard gibt die ITA nicht bekannt. Womöglich wurden die beiden ausgewählt, weil sie an dieser Tour de France bis zu Vingegaards Sturz die zwei stärksten Fahrer waren. Die Resultate der Tests sind noch nicht bekannt.Auch wenn die Nachtruhe der beiden Fahrer gestört wurde: Will der Radsport einen ernsthaften Kampf gegen Doping führen, müssen sich die Protagonisten mit gewissen Unannehmlichkeiten arrangieren. Und damit beweisen, dass ihnen an der Glaubwürdigkeit ihrer Sportart gelegen ist.Passend zum Artikel
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