Die erste kommerzielle Leihmutter war nicht, wie es oft heißt, die Britin Kim Cotton im Jahr 1985. Sie war nur diejenige, die ihre Geschichte am besten vermarktet hat. Es war eine mit Happy End.Die wohl erste Leihmutter war eine Frau unter dem Pseudonym Elizabeth Kane, und ihre Geschichte verlief ganz anders. Die Amerikanerin bekam fünf Jahre vor Cotton 11.500 Dollar, um sich mit dem Samen eines Mannes künstlich befruchten zu lassen und dieses Kind auszutragen. Kane wollte das unbedingt, und zuerst lief auch alles gut.Aber ein paar Monate nach der Geburt wurde sie depressiv, hatte Selbstmordgedanken. Sie vermisste ihr Kind. Sie sagte später, dass sie sich ausgenutzt fühlte. Kane wurde eine der ersten Aktivistinnen gegen Leihmutterschaft.
In dieser Anfangsphase gab es viele tragische Geschichten. Mary Beth Whitehead wollte 1986 ihr Kind nach der Geburt nicht abgeben, und als es ihr Mann noch im Kreißsaal dann doch tat, soll sie geschrien haben: „Mein Gott, was habe ich getan!“ Sie ging vor Gericht, verlor. Oder Judy Stiver, die 1983 ein geistig behindertes Kind zur Welt brachte, das in den ersten Wochen elternlos war, weil es weder der Auftragsvater (der vorhatte, mit dem Kind seine kaputte Ehe zu retten) noch die Leihmutter haben wollten.Mittlerweile sind mehr als 40 Jahre vergangen. Leihmutterschaft ist in vielen Ländern erlaubt, üblich und je nach Land geregelt. Unfruchtbare und schwule Paare, aber auch alleinstehende Männer, können nun eigene Kinder haben – wenn sie das nötige Geld dafür zahlen. Wahlweise kaufen sie dafür über Agenturen Pakete mit Ei- und/oder Samenzellen und „mieten“ den Uterus der Leihmutter. Unfruchtbarkeit ist übrigens keine Voraussetzung. Wenn eine wohlhabende Frau sich nicht dem körperlichen Stress und den Folgen einer Schwangerschaft aussetzen will, kann sie das alles an die Leihmutter outsourcen.Leihmütter würden durch Legalisierung geschütztIn Deutschland ist Leihmutterschaft verboten, aber die Diskussion, ob das so bleiben sollte, ist durch die Affäre um Jens Spahn wieder eröffnet. Viele halten das Verbot für falsch. Aus ihrer Sicht sollte alles, was technisch machbar ist, dafür getan werden, um Menschen mit Kinderwunsch ein Kind zu ermöglichen. Auf welcher Grundlage, fragen sie, kann man diesen Menschen ein Kind vorenthalten, da doch ihr Leid existenziell ist und da die Leihmütter freiwillig zustimmen?Die Forschungslage ist derzeit noch sehr dünn, scheint ihnen bislang aber recht zu geben. Kinder von Leihmüttern entwickeln sich demnach wie andere Kinder auch, Leihmütter scheinen das Loslassen vom Kind einigermaßen gut wegzustecken.Die Befürworter der Leihmutterschaft argumentieren außerdem, dass Leihmütter durch Legalisierung geschützt würden. Deutschland könnte dann eigene Regeln und Kontrollen aufstellen. Damit würde auch eine deutsche „Scheinheiligkeit“ beendet: Leihmutterschaft hierzulande zu verbieten, aber Vaterschaften der Auftraggeber aus dem Ausland anzuerkennen.Wenn also niemandem groß geschadet wird, sagen sie, aber der Nutzen so augenscheinlich auf der Hand liegt – wie sollte man diese Praxis dann in einem liberalen Staat wie Deutschland verbieten?Wo ist die Grenze?Diese Argumentation ist legitim – und nicht „plump“. Es gibt jedoch noch eine andere Sicht als diese utilitaristische. Sie bewertet nicht, ob ein Ergebnis wünschenswert ist. Sie fragt, ob die Handlung wünschenswert ist, die zum Ergebnis führt. Aus dieser Sicht ist es falsch, dass ein Kind wie eine Ware verkauft wird. Ein Preis auf sein Leben verletzt seine Würde. Die Würde des Menschen aber ist unantastbar.Befürworter mögen einwenden, dass nicht das Kind gekauft wird, sondern eine weibliche Dienstleistung. Das verschließt allerdings die Augen vor dem realen Geschäft. Es geht am Ende darum, ob ein Kind – nicht die Dienstleistung – der Qualität entspricht, die der Käufer für den Preis erwarten kann. Das beginnt schon damit, dass die Spender der Keimzellen nach Notendurchschnitt, Statur, Hobbys, Begabungen ausgesucht werden können. Bevor die Embryonen in die Leihmutter verpflanzt werden, werden sie oft auf Krankheiten oder auch nur Risiken getestet. Die besten werden dann eingesetzt. Sollte der Fötus doch nicht perfekt gesund sein, können die Auftragseltern die Leihmutter in manchen US-Bundesstaaten zwingen, ihn abzutreiben.Und Reproduktion wird zukünftig noch komplexer. Ein Unternehmen im Silicon Valley ist dabei, in die Genetik von Embryonen einzugreifen, um sie – gegen Geld – zu optimieren. Es nennt das Verfahren stolz „Gattaca“, nach einem dystopischen Film über genetische Diskriminierung. Auch hier würden alle frei entscheiden (außer natürlich der Embryo). Wird im Ergebnis nicht allen geholfen? Wo ist die Grenze erreicht?Würde ist die Grenze. Aber sie kann sich nicht selbst verteidigen. Es ist die Gesellschaft, die sich immer wieder neu darauf verständigen muss, dass sie ihre Mitglieder nicht als Objekte behandeln darf. Es ist richtig, dass das in einer globalisierten, von Konkurrenz geprägten Welt manchen aussichtslos scheinen mag. Scheinheilig aber ist es nicht.












