Auch die Schweiz kennt Abwanderung: Was zwölf Jahre Forschung über die Mobilität in der Schweiz verratenForschende an acht Schweizer Hochschulen haben das Zusammenspiel von Migration und Mobilität untersucht. Die Schweiz ist nicht nur Einwanderungsland, es wandern auch Steuerzahler und Fachkräfte ab – aber primär auf regionaler Ebene.Annegret Mathari, Neuenburg25.07.2026, 05.28 Uhr4 LeseminutenDie Geschichte der Migration in der Schweiz verläuft in Wellen. So kamen ab den 1950er Jahren viele Gastarbeiter in die Schweiz. Das Bild zeigt eine italienische Familie am Hauptbahnhof Zürich, aufgenommen im April 1965.Photopress-ArchivMigration hat viele Gesichter. «Wir haben festgestellt, dass innerhalb der ausländischen migrantischen Bevölkerung eine starke Mobilität besteht, die vom Arbeitsmarkt oder auch von der Herkunft bestimmt wird», führt Gianni D’Amato aus. Er leitet den an der Universität Neuenburg angesiedelten Nationalen Forschungsschwerpunkt «NCCR – on the move». Das schweizweite Netzwerk mit interdisziplinären Forschungsprojekten an acht Universitäten hat das Zusammenspiel von Migration und Mobilität untersucht und wird nun nach zwölf Jahren abgeschlossen. NCCR steht für National Center of Competence in Research.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Erforscht wurden unter anderem Lebensläufe von Menschen, die unterwegs sind. Sie kommen zum Beispiel zum Studieren oder als Expats für ein Unternehmen in die Schweiz, verlassen das Land wieder, sind vielleicht einmal Grenzgänger oder lassen sich definitiv nieder.Ein «Schrankkind»Für manche der Forschenden sind Migration und Mobilität Teil ihres Lebens, so für Liliana Azevedo, deren Fokus die portugiesische migrantische Bevölkerung ist. «Ich war ein sogenanntes Schrankkind», erzählt Azevedo. Ein Kind, das unbemerkt bleiben musste und sich nicht blicken lassen sollte.Liliana AzevedoPDAls Vierjährige zog sie Anfang der 1980er Jahre mit ihrer Mutter von Portugal in den Kanton Waadt zu ihrem Vater, der dort als Saisonnier in der Landwirtschaft arbeitete. Saisonniers durften ihre Familien nicht nachziehen lassen. Azevedo hatte daher keine Aufenthaltsbewilligung und durfte auch nicht die öffentliche Schule besuchen. Doch es gab in Lausanne eine katholische Privatschule, die «papierlose» Kinder akzeptierte. Dadurch konnte Azevedo bei ihren Eltern bleiben, im Gegensatz zu anderen Kindern ohne Papiere, die in ihr Heimatland zurückkehrten, um dort zur Schule zu gehen.Als Azevedo acht Jahre alt war, erhielt ihr Vater die Jahresaufenthaltsbewilligung, und sie wechselte in die öffentliche Schule. Sie verbrachte ihre gesamte Schulzeit in Lausanne und schloss auch ihr Studium in Sozialwissenschaften dort ab.Mit siebzehn Jahren beantragte Azevedo die Schweizer Staatsbürgerschaft. Sie wollte am politischen Leben teilnehmen können und als Schweizer Bürgerin anerkannt sein. Während eines Studienaufenthalts in Italien wurde sie oft gefragt, woher sie komme. «Aus der Schweiz», antwortete sie jeweils, «und auch aus Portugal.» Diese Begegnungen weckten ihre Neugier auf ihr Herkunftsland, das sie nicht gut kannte.Wenig später stiess sie durch Zufall auf ein Praktikumsprogramm der portugiesischen Regierung für Kinder portugiesischer Emigranten. Sie sagte sich, das sei eine Gelegenheit, um einige Monate in Portugal zu leben und das Land besser kennenzulernen. Im Herbst 2001 zog sie für das Praktikum nach Lissabon – zwanzig Jahre nach ihrer Ankunft in der Schweiz. Nach dem Praktikum fand sie eine Stelle, und aus den paar Monaten wurden schliesslich mehrere Jahre.Wegzug aus den KantonenDer Doktorand Great Udochi untersuchte beim NCCR die Auswirkungen der Abwanderung infolge der Wirtschaftskrisen der 1970er und 1990er Jahre in den beiden traditionellen Industriekantonen Neuenburg und Glarus. Der 30-Jährige stammt aus Nigeria und arbeitete dort nach seinem Bachelor zunächst bei einer lokalen NGO als Beauftragter für Jugendförderung. Sein Masterstudium wollte er in Europa machen. Mit einem Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) schloss er sein Diplom in Politologie an der Universität Erfurt ab. Deutsch hatte er mitten in der Covid-Zeit online gelernt.Great UdochiPDMit seiner Dissertation wollte er aufzeigen, dass Abwanderung auch in einem Land festgestellt wird, das als Einwanderungsland gilt, wenn man die regionale Ebene betrachtet. Während der Krise wurde die Abwanderung von den beiden Kantonen zunächst als Lösung der Arbeitslosigkeit begrüsst. Doch später fehlten Steuerzahlende.Udochi untersuchte, wie die Kantone auf die Krise reagierten und wie eine Krise die Migrationspolitik verändert. So schuf der Kanton Neuenburg beispielsweise die Stelle eines Niederlassungsbeauftragten, der neue Unternehmen und Einwohner anwirbt und begleitet. Denn viele Personen, die im Kanton Neuenburg arbeiten, pendeln aus den benachbarten Kantonen Waadt, Bern oder Freiburg oder auch aus Frankreich. Der Kanton Glarus führte Steuervergünstigungen für Familien ein und legte 2011 aus finanziellen Gründen die 25 Ortsgemeinden in drei Einheitsgemeinden zusammen.Pendeln zwischen der Schweiz und PortugalFür Liliana Azevedo ergab sich die Gelegenheit zu promovieren, nachdem ihre Tochter 2016 zur Welt kam und sie ihren Job verlor. Sie erhielt in Portugal ein staatliches Stipendium für ihre Doktorarbeit, die sie über Portugiesen zum Zeitpunkt ihrer Pensionierung schrieb. Denn sie hatte festgestellt, dass es nur wenige Studien zu dieser Migrantengruppe gab, obwohl die Portugiesen seit Mitte der 1990er Jahre die drittgrösste Ausländergruppe in der Schweiz bilden.Im Gegensatz zu anderen Nationalitäten kehren die meisten Portugiesen bei der Pensionierung in ihr Land zurück und behalten auch keine Wohnung, um einen Teil des Jahres in der Schweiz zu verbringen. Azevedo war gleichzeitig assoziierte Doktorandin in Neuenburg beim NCCR, da sie mit den Kolleginnen und Kollegen aus der Schweizer Wissenschaftswelt in Kontakt sein wollte. Auch nach Abschluss ihres Doktorats 2023 forscht sie weiter. So kam es, dass sie seit 2018 zwischen Lissabon und der Westschweiz hin- und herpendelt.Ob Udochi nach seiner Promotion in der Schweiz arbeiten kann, ist offen. Mit einem nigerianischen Pass seien die Hürden hoch, meint er. Sein Fall verweist für D’Amato auf einen grundlegenden Widerspruch: Zwar wird die internationale Mobilität von Studierenden gefördert, doch ihre Möglichkeiten nach dem Studienabschluss hängen nicht allein von Ausbildung und beruflicher Qualifikation ab, sondern auch von der Staatsangehörigkeit und den damit verbundenen rechtlichen Bedingungen.Passend zum Artikel