PfadnavigationHomeICONISTTrendsArtikeltyp:MeinungMicrodosing im BüroObwohl es weder schmeckt noch knallt, kann es süchtig machenStand: 10:03 UhrLesedauer: 3 MinutenWas macht sie da? Vielleicht Microdosing von StilleQuelle: BalenciagaDie KI empfiehlt unserem Autor den Sommertrend Microdosing von Stille. Also mehrfach am Tag eine oder zwei Minuten jede Information auszublenden. Das lässt er sich – gerade im Büro – nicht zweimal sagen und startet ein spontanes Selbstexperiment.Was war denn jetzt der beste Look bei den Haute-Couture-Schauen? Der ochsenblutfarbene Mad-Max-Panzer bei Duran-Latink für Gaultier? Die Fächerhüte von Stephen Jones bei Dior? Oder das von innen beleuchtete Ensemble bei Schiaparelli, bei dem die Beine leuchtenden Säulen glichen? Und was bedeutet es, dass auf der Website von Chanel die Show zu dem dudeligen Auenlandlied aus „Der Herr der Ringe“ gezeigt wird?Vielleicht stellen sich im Leben anderer Menschen andere Fragen. Aber klar ist: In der Regel sind es zu viele. Wer sich motiviert in die Woche stürzt, der ist bereits am Montagvormittag ganz wuschig vor Optionen, Aufgaben, Angeboten, Informationen, Widersprüchen. Schuld ist wie immer das Internet. Oder wenn man fair ist: unsere Unfähigkeit, den Blick von Bildschirmen und Displays zu nehmen. Und die Sucht, diesem Blick ständig neue Reize zu bieten. Einen der Gründe für diese krankhafte Rastlosigkeit nennt man den Slot-Machine-Effekt. Lärm und Bewegung und das Versprechen, dass in der nächsten Sekunde etwas ausgeschüttet wird: Berge von Kleingeld oder allgemeiner gesprochen: Dopamin.Erste Gedankenpause startet in der TelefonzelleUnd nun das: Meine KI empfiehlt den Sommertrend Microdosing von Stille! Als Microdosing bezeichnet man gemeinhin die niedrig konzentrierte Einnahme von LSD, das war mal in Mode unter Techbros und anderen Suchenden. Hier aber geht es darum, mehrfach am Tag eine oder zwei Minuten jede Information auszublenden. Durch geschlossene Augen, Noise-Cancelling-Kopfhörer oder einfach nur nach einem nach innen gerichteten Blick. Es gibt dazu Studien und Artikel, aber who cares? Das Konzept leuchtet mir unmittelbar ein, und die Telefonzellen in meinem Großraumbüro – aparterweise mit grauem Filz isoliert, als befinde man sich im Inneren einer Joseph-Beuys-Installation – sind perfekt für ein spontanes Selbstexperiment.10.42–10.44 Uhr: Der Timer des Smartphones ist gestellt. Ich schließe die Augen. Ich spüre: den Muskelkater in den Beinen vom gestrigen Laufen; das Portemonnaie in meiner linken Gesäßtasche, das eine leichte Fehlstellung der Wirbelsäule verursacht; die Müdigkeit der Augen von Netflix-Bingen am Vorabend; die leichte Verspannung des Nackens; meinen Atem, den ich vertiefe und beruhige, wie man das immer tut, wenn man darauf achtet. Das sind ziemlich viele Sinneseindrücke und Selbstwahrnehmungen, über die man im Alltag eher hinwegbügelt. Den iPhone-Wecker (Weckruf: Radial) vernehme ich mit Bedauern.Lesen Sie auch11.54–11.56 Uhr: Nach einer Reihe aufreibender Telefonate (Klempner, Lieblingskollegin, mein Buchverlag) erscheint mir die Lüftung der Telefonkabine übertrieben laut. Versuchsweise lächle ich ein bisschen. Und konzentriere mich auf meinen linken Ringfinger, der seit Wochen wegen einer gerissenen Strecksehne geschient ist. Kurzer Moment der Selbstliebkosung – ist das schrullig? Dieses Mal kommen mir die zwei Minuten noch kürzer vor. Muss ich die Dosis erhöhen?Lesen Sie auch16.49–16.51 Uhr: Die Pause auf der Balkonliege nutze ich für eine dritte Einheit Stille. Ich liege unglücklich gekrümmt mit übereinandergeschlagenen Beinen, eine Haltung, in der ich stundenlang auf Instagram stöbern könnte. Während der microdosierten Stille erscheint mir diese Körperstellung unerträglich und wie ein Ausdruck mentaler Verdrehtheit. Der Baulärm vom Nachbargrundstück fließt durch mich durch, selbst das Gurren der Tauben stimmt mich friedlich.Fazit: Zyniker mögen spotten, doch die Niedrigschwelligkeit des Microdosing von Stille erscheint mir ideal. Obwohl es weder schmeckt noch knallt, kann es süchtig machen.