Der Roche-Chef wehrt sich gegen Vorwürfe der Trägheit: «Wir haben extrem an Speed gewonnen»Manche Marktbeobachter unterstellen dem Pharmakonzern Roche, zu langsam im Aufbau neuer Geschäfte zu sein. Der CEO Thomas Schinecker findet, die Perspektiven seien lange nicht mehr so günstig gewesen.23.07.2026, 16.09 Uhr4 LeseminutenThomas Schinecker, der Konzernchef von Roche, verspricht sich viel von einer Reihe von Produktneuheiten.KeystoneRoche wird gerne unterstellt, ein Tanker zu sein. Der grösste europäische Pharmakonzern mit seinen über 100 000 Mitarbeitenden sei langsam. Er tue sich schwer im Wettbewerb vor allem mit agileren kleineren Biotechfirmen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Thomas Schinecker, der seit bald dreieinhalb Jahren an der Spitze von Roche steht und zuvor bereits die Diagnostiksparte des Unternehmens geleitet hat, kennt diese Vorwürfe. «Die Zahlen sprechen für das Gegenteil», betont er am Donnerstag im Gespräch mit der NZZ am Rande der Halbjahreskonferenz am Basler Konzernsitz. «Wir haben extrem an Speed gewonnen.»Schnellere Rekrutierung von PatientenDer Roche-CEO verwies darauf, dass man beispielsweise noch nie so schnell in der Rekrutierung von Patienten für klinische Studien gewesen sei wie jetzt. Auch vergehe heute viel weniger Zeit bei Übergängen von der einen in die nächste Phase der Erprobung von neuen Medikamenten an den Patienten. «Wir messen das alles.»Der 51-Jährige, der die deutsche und die österreichische Staatszugehörigkeit besitzt, wirkt entspannt. An der Bilanzmedienkonferenz hob er hervor, dass Roche im bisherigen Jahresverlauf bei 80 Prozent der Studien in der abschliessenden Phase 3 erfolgreich gewesen sei. Normalerweise sei dies nur bei 65 oder 70 Prozent der Fall.Roche sei generell in der Forschung und Entwicklung mit viel Rückenwind unterwegs, meint Schinecker. Der Pharmakonzern rechnet damit, bis 2030 im Idealfall fast 20 neue Medikamente auf den Markt bringen zu können. Man habe eine sehr starke Pipeline, auch im Vergleich mit vielen Konkurrenten, sagt der Konzernchef.Erfolgreiche Geschäfte trotz FrankenstärkeAuch das bestehende Geschäft von Roche läuft gut. Im ersten Semester sank der Umsatz zwar um 2 Prozent auf 30,4 Milliarden Franken. Dies war allerdings auf Wechselkursverluste zurückzuführen.Der Pharmakonzern wickelt einen grossen Teil der Geschäfte in Dollar ab, gehört aber zugleich zu den wenigen bedeutenden Medikamentenherstellern, die nicht in der amerikanischen Währung rapportieren. In Lokalwährungen nahmen die Verkäufe von Roche um 6 Prozent gegenüber der Vorjahresperiode zu.Damit schlug sich Roche deutlich besser als Novartis. Der Basler Lokalrivale, der sein Semesterergebnis bereits am Dienstag präsentiert hatte, litt unter verschärfter Konkurrenz durch Anbieter von Generika. In Lokalwährungen verlor er in der ersten Jahreshälfte 2 Prozent an Umsatz.Roche muss zurzeit nur noch wenig mit den Auswirkungen ausgelaufener Patente fertigwerden. Der Markteintritt einer Reihe von Nachahmerprodukten im einst dominanten Geschäft mit Krebsmedikamenten liegt bereits einige Jahre zurück. In den nächsten Jahren steuert der Konzern laut Schinecker auf keine weitere sogenannte Patentklippe zu. So wird im Branchenjargon das gehäufte Auftreten auslaufender Patente genannt.Für das laufende Gesamtjahr erwartet die Firmenführung in Lokalwährungen weiterhin ein Umsatzwachstum im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Weitergehende Prognosen gibt der Konzern traditionell nicht ab.Prahlereien bei der US-KonkurrenzAmerikanische Konkurrenten sind ebenso wie Novartis weniger zurückhaltend bei der Bekanntgabe von mittel- oder sogar langfristigen Zielwerten. Der mittlerweile umsatzstärkste Medikamentenhersteller Johnson &Johnson (J&J) machte vergangene Woche von sich reden, als er ankündigte, bis 2030 allein im Geschäft mit Krebsmedikamenten einen Umsatz von über 50 Milliarden Dollar anzustreben. Man sei auf Zielkurs, zur Nummer eins in der Onkologie aufzusteigen, sagte der Konzernchef Joaquin Duato.Derartige Prahlereien sorgen am Hauptsitz von Roche, wo eine Kultur des Understatements gepflegt wird, für Kopfschütteln. Mitarbeitende erklären hinter vorgehaltener Hand, dass J&J zwar zweifellos Geschick bei der Entwicklung und Lancierung neuer Krebstherapien bewiesen habe. Die angestrebte Marktführerschaft werde aber auch dahingehend erleichtert, dass die bisherige Nummer eins, Merck & Co., davorstehe, die Exklusivität für den bisherigen Kassenschlager Keytruda zu verlieren.Marktführerschaft in der Onkologie verlorenDie Patente für das Krebsmittel, das gegen eine Vielzahl von Tumortypen eingesetzt wird, beginnen ab Ende 2028 auszulaufen. Im vergangenen Jahr brachte es Merck & Co. fast 32 Milliarden Dollar an Umsatz ein.Zugleich muss man bei Roche aber auch eingestehen, selbst schon früher die Marktführerschaft in der Onkologie eingebüsst zu haben. Auf welcher Position man sich heute befindet, will der Konzern auch auf Nachfrage nicht sagen. Laut der Marktforschungsfirma Pharmashots rangierte Roche jüngst nur noch auf Platz fünf, hinter Merck & Co., Bristol Myers Squibb, AstraZeneca und J&J.Im Gespräch erwähnt Thomas Schinecker lediglich, dass man bei Therapien gegen Blutkrebs die Nummer eins sei. Grosse Hoffnungen setzt Roche auf eine neue Brustkrebstherapie. Das Medikament mit dem Namen Giredestrant, für das der Konzern ein erstes Zulassungsgesuch in den USA eingereicht hat, soll einen Spitzenumsatz von über 10 Milliarden Franken erreichen.Brustkrebsmittel soll auch in der Schweiz erhältlich seinSchinecker sagte während der Halbjahreskonferenz ausdrücklich, das Präparat auch in der Schweiz auf den Markt bringen zu wollen. Roche zählt offensichtlich darauf, im Heimmarkt einen genügend hohen Preis durchzusetzen zu können. Wie andere führende Medikamentenhersteller hat sich auch Roche mit der Regierung von Präsident Donald Trump darauf verständigt, neue Medikamente in mehreren Vergleichsländern nicht mehr günstiger als in den Vereinigten Staaten zu lancieren.Hohe Erwartungen hegt der Basler Pharmakonzern auch weiterhin im Geschäft mit Medikamenten zur Behandlung von Fettleibigkeit. Von den fast 20 Produkten des Konzerns, die bis 2030 auf den Markt gelangen könnten, entfallen vier auf diesen Bereich. Roche war in diesem Therapiegebiet seit Jahren nicht mehr aktiv.Das Unternehmen sieht den Gesamtmarkt im Bereich Adipositas in den nächsten Jahren auf bis zu 100 Milliarden Franken steigen. Allerdings ist weiterhin offen, welchen Anteil es sich an diesem stark umkämpften Markt sichern kann.Investoren werden sich so oder so noch eine Weile gedulden müssen. «Unser Ziel ist es, vor 2030 mit wettbewerbsfähigen Produkten im Adipositas-Markt vertreten zu sein», erklärt die Medienstelle von Roche.Thomas Schinecker betont schon eine Weile, wie günstig die Perspektiven für Roche aus seiner Sicht sind. Am Donnerstag konnte er anlässlich der Präsentation des Halbjahresergebnisses bei Anlegern punkten. Der Kurs der Roche-Partizipationsscheine stieg bis zum früheren Nachmittag um 2,9 Prozent auf 342 Franken.Passend zum Artikel
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