Mr MarketBei Nestlé gewinnen die Zweifler wieder die OberhandDer Nahrungsmittelkonzern spürt den Gegenwind von der Kostenseite, wie die heute vorgelegten Halbjahreszahlen zeigen. Verschiedene Faktoren verstellen dabei den Blick auf die insgesamt positive Entwicklung. Aber auch die kommenden Quartale werden herausfordernd.Geschätzte Leserin, geschätzter LeserOptimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenThemarket.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das Urteil der Börse zum Halbjahresabschluss von Nestlé ist harsch. Die Aktien des Nahrungsmittelkonzerns verlieren am Donnerstagmorgen mehr als 7% und notieren wieder im Bereich von Mitte Juni, nachdem der Kurs zuletzt deutlich zugelegt hatte.So richtig enttäuscht hat Nestlé mit den vorgelegten Zahlen nicht, das organische Wachstum lag mit 3,6% innerhalb der Erwartungen. Der Mengenabsatz, auf den Konzernchef Philipp Navratil besonderen Fokus legt, entwickelte sich mit einem Plus von 1,5% solide. Im zweiten Quartal lag es mit 1,8% gar so hoch wie seit zwei Jahren nicht mehr. Seit vier Quartalen habe das Unternehmen geliefert, sagte der CEO an der Telefonkonferenz für Investoren, Analysten und die Medien – und liess dabei unerwähnt, dass es die ersten vier Quartalsergebnisse waren, die er präsentierte.Auch mit Blick auf die Profitabilität gab es für die letzten sechs Monate keine grosse negative Überraschung. Die vielbeachtete bereinigte Betriebsgewinnmarge lag trotz markant höherer Inputkosten mit 16,4% nur leicht unter dem Vergleichswert aus dem ersten Halbjahr 2025 (16,5%) und etwas unter den Erwartungen.Kurzfristige Faktoren überlagern das BildKlar, es gibt im Halbjahresbericht da und dort ernüchternde Signale mit Blick auf das Wachstum: Das Volumenwachstum wäre ohne das Wassergeschäft, das ausgegliedert werden soll, schwächer ausgefallen, die zuletzt starke Umsatzentwicklung bei Nespresso ist wegen höherer Kaffeepreise etwas ins Stocken geraten, in den USA entwickelt sich das sehr wichtige Tiernahrungsgeschäft weiter nicht gemäss den hohen Erwartungen, der Produktrückruf bei der Säuglingsnahrung dürfte noch das ganze Jahr belasten.Für all diese Faktoren gibt es eine Erklärung, vieles davon dürfte der Konzern in den kommenden Quartalen ausgleichen können. Insgesamt bleibt dennoch ein leicht bitterer Nachgeschmack. Noch etwas schwerer wiegt heute an der Börse wohl aber der Margenausblick. Für 2026 hält Nestlé zwar am bisher formulierten Ziel fest, dass sich die zugrundeliegende Betriebsgewinnmarge gegenüber 2025 leicht verbessern soll. Doch für das zweite Halbjahr dämpft sie die Erwartungen. So würden unter anderem hohe Energie- und Transportkosten dafür sorgen, dass die Marge auf dem Niveau der letzten sechs Monate verharren werde und sich nicht laufend etwas verbessert. Mittelfristig strebt der Konzern weiterhin 17% an.Aus meiner Sicht überdecken diese kurzfristigen Entwicklungen und die vielen «moving parts», wie es CFO Anna Manz an der Telefonkonferenz nannte, die Fortschritte, die Nestlé tatsächlich macht. Das umfassende Sparprogramm ist auf Kurs, bereits 1,7 Mrd. Fr. konnten gespart werden – bis Ende Jahr sollen es 2 Mrd., bis Ende 2027 gar 3 Mrd. sein. Das sind beachtliche Zahlen. Ein Grossteil dieser eingesparten Mittel fliesst in Forschungs- und Marketingausgaben für die sogenannten Wachstumsplattformen. Diese wachsen bereits heute mit einem organischen Plus von 7% deutlich schneller als das Kerngeschäft. Die Initiativen kommen also an.Gleichzeitig ist dank der Kostenmassnahmen der Spagat zwischen der Wachstumsbeschleunigung und dem Schutz von Profitabilität im ersten Halbjahr gelungen: Höhere Inputkosten belasteten die Betriebsgewinnmarge mit 1,6 Prozentpunkten. Auch der freie Cashflow von 3,38 Mrd. Fr. zeugt davon. Das Ziel von 9 Mrd. bis Ende Jahr ist komfortabel erreichbar.Nestlé steht für das schwierige UmfeldDas Umfeld ist jedoch unerbittlich, die heute vorgelegten Zahlen und insbesondere der Ausblick aufs Gesamtjahr stehen sinnbildlich für die Verwerfungen an den Märkten. Nestlé befinde sich in einem ständigen Gegenwind, sagte CFO Manz. Derzeit sind es die hohen Inputkosten, die besonders belasten. Aber auch die Preissensitivität der Kunden ist klar gestiegen. In diesem Umfeld wählt der Konzern den richtigen Weg: Er investiert weiter. Mittelfristig dürfte sich die Offensive dank höherem Wachstums auszahlen.Etwas mehr Zweifel an der Vorgehensweise habe ich mit Blick auf den ebenfalls heute angekündigten Deal für das verbliebene Wassergeschäft: Die Mineralwasser San Pellegrino, Aqua Panna und Perrier sowie funktionale Getränke und lokale Wassermarken werden in ein Joint Venture mit der Investmentgesellschaft Platinum Equity ausgelagert, an dem beide Parteien 50% halten sollen. Das Gemeinschaftsunternehmen Peranel mit Sitz in Paris wird durch die Transaktion mit 4,5 Mrd. Fr. bewertet. Nestlé fliessen 2,8 Mrd. als Barmittel zu.Das ist Geld, das der Konzern zum Schuldenabbau gut gebrauchen kann. Per Ende Juni betrug die Nettoverschuldung mehr als 56 Mrd. Fr. Auch die grundsätzliche Entscheidung, sich von den Wassermarken zu trennen, begrüsse ich – nur schon wegen des ständigen Reputationsrisikos. Wieso Nestlé wie damals schon beim Glacégeschäft (Froneri) den Weg eines Gemeinschaftsunternehmens wählt, verstehe ich trotz aller Erklärungsversuche nicht.Wieso an etwas festhalten, an das man nur halb glaubt?Am heutigen Tag bewegte der Deal den Markt kaum noch, nachdem gestern das meiste durch einen Bericht der «Financial Times» bereits publik geworden und die Absichten des Managements seit Monaten formuliert gewesen waren. Das zeigte sich auch daran, dass CEO Philipp Navratil dem Thema nur einen einzigen Satz widmete und sich dann getreu seinem Motto den wichtigen Sachen zuwendete.Die Richtung von Nestlé stimmt, das wird mittelfristig auch den Aktien helfen, die nach dem heutigen Rückschlag erst recht nicht teuer sind. Der Gegenwind dürfte aber in den kommenden Quartalen nicht weniger werden.Freundlich grüsst im Namen von Mrs MarketGabriella Hunter