MeinungDer Kurseinbruch von Nestlé sagt mehr über den Zustand der Börse als über den KonzernDie Aktien des Nahrungsmittelkonzerns haben nach der Präsentation der Halbjahreszahlen 8% an Wert verloren. Dass sich solche Ausschläge häufen, hat vor allem zwei systemische Gründe.18 Mrd. Fr. an Börsenwert hat Nestlé gestern innerhalb eines einzigen Handelstages verloren. –8% stand am Ende auf dem Tableau. Es ist das grösste Minus seit mindestens 1989. Weiter zurück reichen die täglichen Daten von Bloomberg nicht.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenThemarket.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das ist mehr als am 23. März 2020 (–6,1%), als die Welt nach Ausbruch der Covid-Pandemie stillstand, es ist mehr als am 15. Januar 2015 (–6,2%), als die Schweizerische Nationalbank mit der Aufhebung des Euromindestkurses die hiesigen Unternehmen in Panik versetzte, und es ist mehr als am 15. Oktober 2008 (–6,6%), als die US-Investmentbank Lehman Brothers Gläubigerschutz beantragte und die Finanzkrise die Börsen weltweit erschütterte.Das Minus von 8% spiegelt zwei PhänomeneGestern aber stand die Welt nicht still, es herrschte nirgendwo offensichtliche Panik. Nestlé hatte auch nicht den dritten CEO-Wechsel innerhalb von zwei Jahren angekündigt. Der Nahrungsmittelkonzern hatte schlicht die Erwartungen leicht verfehlt: An den Halbjahreszahlen gibt es da und dort etwas zu mäkeln, die Profitabilität enttäuschte leicht, und das Umfeld macht es dem Unternehmen nicht leicht, zurück in die Spur zu finden. Aber insgesamt fiel das Ergebnis solide aus.Das Minus von 8% spiegelt denn auch nicht die Enttäuschung einiger Investoren. Es ist viel mehr Ausdruck von zwei Phänomenen, die die internationalen Börsen im Griff haben.Erstens sind die Märkte nur oberflächlich ruhig. Wenn kleinste Enttäuschungen zu einem Kurseinbruch dieser Grössenordnung führen, deutet das zunächst auf die zittrigen Hände der Investoren hin. Zumal Nestlé am Schweizer Markt nicht allein dastand. Die Aktien von Givaudan haben gestern – wegen eines leichten Rückschlags beim Halbjahresgewinn – 6,5% verloren. Immer wieder kam es in den vergangenen Monaten auch bei Blue Chips zu sehr grossen Kursveränderungen in nur wenigen Handelsstunden.An den US-Börsen ist das Phänomen ebenfalls beobachtbar, in der Regel mit noch grösseren Ausschlägen. Das hat mit einem zweiten Faktor zu tun, der immer wichtiger wird: Der Handel ist zunehmend automatisiert, gerade in den USA. Ein erheblicher Teil der Transaktionen wird von Algorithmen ausgeführt. Diese Systeme analysieren Nachrichten in Echtzeit und nutzen vermehrt auch Sprachmodelle, um den Inhalt und die Bedeutung einer Meldung zu bewerten.Sie suchen beispielsweise nach Aussagen wie «Erwartungen verfehlt» und sie finden in Sekundenbruchteilen sprachliche Divergenzen zu früheren Aussagen. Letzteres könnte gestern Nestlé zum Verhängnis geworden sein. Der Konzern formulierte den Ausblick für die Profitabilität leicht um.Wachsende Verbreitung von ETF macht den Effekt noch grösserDass Geld zunehmend ohne einen aktiven Investitionsentscheid angelegt wird, hilft dabei nicht: Technische Faktoren wie ETF-Zuflüsse, Rückkäufe oder systematische Handelsstrategien haben einen immer grösseren Einfluss. Fundamentaldaten und Bewertungsüberlegungen rücken in den Hintergrund. Verstärkt wird auch das durch moderne Systeme. Sogenannte Orderflow-Algorithmen erkennen grosse institutionelle Orders und handeln in dieselbe Richtung.In anderen Worten: Der Markt bewegt sich, weil Geld hinein- oder hinausfliesst, nicht weil sich die Aussichten eines Unternehmens oder der faire Wert einer Aktie verändert haben. Das gilt aus unserer Sicht sowohl für Nestlé als auch für Givaudan: Mit den gestern publizierten Abschlüssen hat sich an der Perspektive und der Qualität der beiden Konzerne kaum etwas verändert, die Aktien sind einfach deutlich günstiger geworden.
Der Hauptgrund für den Rekordeinbruch der Nestlé-Aktien liegt nicht beim Konzern
Der Nahrungsmittelkonzern hat die Erwartungen nur leicht verfehlt. Dass die Titel an einem Tag 8% ihres Werts verloren, liegt an zwei Börsenphänomenen.














