Der König wollte als einer der Ersten den Stolz zum Ausdruck bringen. Die marokkanische Nationalmannschaft hatte bei der WM gerade ihr Achtelfinale gegen Kanada 3:0 gewonnen. Die Spieler waren erschöpft und erleichtert in die Kabine zurückgekehrt. Da erhielt ein Funktionär einen Anruf. Der marokkanische König Mohammed VI. wollte persönlich gratulieren. Er sprach mit Nationaltrainer Mohamed Ouahbi und Kapitän Achraf Hakimi. Er sei von großer Dankbarkeit erfüllt, sagte der König. Wenige Minuten später berichteten die marokkanischen Medien über den Anruf.Einen Tag später gab Hakimi den Dank auf Instagram zurück. „Der König setzt sich sehr für den marokkanischen Fußball ein“, sagte er in einer Videobotschaft. „Er hat viel in die Infrastruktur investiert. Für uns Spieler macht es das leichter, das Beste zu geben. Wir wollen weiterhin alle Marokkaner stolz machen.“Gianni Infantino:Die seltsamen Schreiben im Fifa-WahlkampfWegen der vielen Skandale regt sich selbst im Fußball großer Unmut über Gianni Infantino. Der Fifa-Boss muss um seine Wiederwahl kämpfen. Nun rückt ein möglicher Verstoß gegen den Ethik-Kodex in den Fokus.Wie sehr mischt sich die Politik in den Fußball ein? Diese Frage wurde intensiv diskutiert nach dem Anruf des US-Präsidenten Donald Trump bei Gianni Infantino, dem Präsidenten des Weltverbands Fifa, um die Rotsperre des US-Stürmers Folarin Balogun abzumildern. Die Empörung war groß, ließ jedoch außer Acht, dass die Verbindungen von Staat und Sport in Dutzenden Ländern zum Alltag gehören. Zum Beispiel in Marokko, einem der drei Hauptgastgeber der WM 2030, neben Spanien und Portugal. Droht der Fifa in vier Jahren also erneut ein Turnier mit Kontroversen?Der König genießt in der marokkanischen Gesellschaft traditionell großen Rückhalt. In einem mitunter instabilen Staat gilt er als Symbol für Stabilität und Überparteilichkeit. Aber die Monarchie benötigt auch Themen, um diesen Nationalstolz zu bewahren und zu schüren.Nach dem Sieg bei der WM 2022 gegen Spanien streifte sich Mohammed VI. ein Trikot über und fuhr damit durch die StadtIn Marokko sind Monarchie und Fußball seit Langem verbunden. Stadien und Nachwuchsakademien sind nach Mitgliedern der königlichen Familie benannt. Im Fußballverband ist das Prädikat „Königlich“ verankert. Der Vereinspokal wird rund um das Thronfest ausgespielt. Und die Ultras der großen Klubs in Casablanca greifen in Bannern und Gesängen immer wieder politische Ereignisse auf. Auch aus Respekt vor dem König.Mohammed VI. besucht, auch aus Sicherheitsgründen, selten die Stadien. Aber er erwähnt den Fußball in offiziellen Reden und Mitteilungen. Mehrmals hat der König die Nationalspieler im Palast empfangen, zuletzt nach der heimischen Afrikameisterschaft Anfang des Jahres. Auf einem der offiziellen Fotos sieht man in den vorderen Reihen auch einige Mütter der Spieler. Es sind Motive, die den gesellschaftlichen und familiären Zusammenhalt betonen sollen.Das Protokoll in der marokkanischen Monarchie ist eher streng. Doch Mohammed VI. dehnt die Regeln manchmal aus, etwa nach dem Achtelfinalsieg Marokkos bei der WM 2022 gegen den Favoriten Spanien. Der König streifte sich das Nationaltrikot über, setzte sich in ein Auto und fuhr eigenhändig durch die Straßen der Hauptstadt Rabat. Viele Marokkaner konnten nicht glauben, was sie da sahen.Nach dem Achtelfinalsieg Marokkos bei der WM 2022 gegen Spanien empfing Mohammed VI. (Mitte, mit Brille) die Nationalmannschaft im königlichen Palast. Balkis Press/Abaca/ImagoMithilfe des Fußballs kann sich das Königshaus als volksnah zeigen, auch in Abgrenzung zur Kolonialzeit. Denn im frühen 20. Jahrhundert hatten Frankreich und Spanien Marokko unter sich aufgeteilt. In den Fußballklubs der Besatzer sollten Muslime zunächst nicht mitspielen. Aber etliche Marokkaner setzten sich darüber hinweg. Zum Beispiel bei Wydad Casablanca, anfangs ein Verein für Wasserball, um auch Muslimen den Zugang zu Schwimmbädern zu ermöglichen, später ein Treffpunkt für die Unabhängigkeitsbewegung und ein Serienmeister im Fußball.1956 erlangte Marokko die Unabhängigkeit. In den Sportverbänden und Fußballklubs hatten nicht mehr Franzosen, sondern Marokkaner das Sagen. Als Förderer erwies sich König Hassan II., zwischen 1961 und 1999 Staatsoberhaupt von Marokko. Hassan II. gründete in Rabat einen Fußballklub und verknüpfte ihn mit dem Militär, der Name: AS FAR („Verein der königlichen Armee“). Er führte ein strenges Regime. Im Fußball segnete er die Verpflichtung neuer Trainer ab und erstellte Listen für Spielertransfers. Mitunter ordnete er von der Ehrentribüne aus die Auswechslung von schlechten Spielern an.Hassan II. übertrug die Verantwortung im Fußball auf Verbündete aus Militär, Geheimdienst und Wirtschaft. Einer seiner Leibwächter übernahm einen Verein in Marrakesch. Doch der König hatte auch ein Gespür für Symbolik. In den ersten Jahren der Unabhängigkeit hatte die marokkanische Hymne noch keinen Text. Dann sah Hassan II. bei der WM 1966, wie die Teams stolz ihre Hymne sangen. Vier Jahre später, 1970 in Mexiko, nahm Marokko zum ersten Mal teil. Vor dem ersten Spiel beauftragte der König einen Schriftsteller, um einen patriotischen Text zu komponieren.Laut Verfassung ist Marokko eine konstitutionelle Monarchie mit einem gewählten Parlament, aber der König hat Befugnisse in fast allen Bereichen des Staates. Und dafür braucht er Führungskräfte, die seiner Linie folgen. Fouzi Lekjaa, ein Vertrauter des Königs, ist seit 2014 Präsident des marokkanischen Fußballverbandes. Er ist zugleich im Finanzministerium für Haushaltsfragen zuständig. Ein Interessenkonflikt, der in etlichen Ländern undenkbar wäre.Marokkanische Fußballfans feiern in Rabat den Sieg im WM-Achtelfinale gegen Kanada. AP/dpaAls Vorsitzender des lokalen Organisationskomitees für die WM 2030 soll Fouzi Lekjaa zudem die marokkanische Fortschrittserzählung vorantreiben. Über einen Fußball, der Infrastruktur und Tourismus stärken soll. Aber diese Erzählung wird in der Bevölkerung, die von sozialer Ungleichheit geprägt ist, auch kritisch gesehen. In einigen Regionen Marokkos liegt die Jugendarbeitslosigkeit bei mehr als 20 Prozent. Im Oktober 2025 protestierten Tausende vorwiegend junge Menschen gegen die Regierung, die zum Teil mit Repression reagierte.Lange hatte sich Marokko im afrikanischen Fußball zurückgehalten, aber das ändert sich. Fouzi Lekjaa ist Mitglied des Fifa-Rates und stieg 2025 zum ersten Vizepräsidenten des afrikanischen Fußballverbandes Caf auf. Kritiker, zum Beispiel aus dem algerischen Verband, behaupten, dass Lekjaa den afrikanischen Fußball kontrollieren wolle. Aber wie weit geht sein Einfluss? Der Titel des Afrika-Cups, Senegal im Januar gewonnen hatte, wurde im März nachträglich an die marokkanische Mannschaft vergeben. Senegalesische Medien werteten das als „marokkanische Machtdemonstration“.Für die Fifa ist Marokko von strategischer Bedeutung. In ihrer Niederlassung in Rabat soll die Professionalisierung des afrikanischen Fußballs vorangetrieben werden. In Marokko hofft man auch, dass das Finale der WM 2030 vor den Toren Casablancas ausgetragen wird, wo zurzeit das größte Fußballstadion der Welt errichtet wird. Allerdings will auch Spanien das Finale austragen, bevorzugt in der Hauptstadt Madrid.Marokko gehörte Anfang des Jahres zu den Gründungsmitgliedern des „Board of Peace“ von Donald Trump. Spanien dagegen lehnt eine Beteiligung an diesem „Friedensrat“ ab. Und so könnte sich Infantino-Intimus Trump, der zurzeit immer wieder den spanischen Ministerpräsidenten Pedro Sánchez kritisiert, für Marokko als Endspielort aussprechen.Gianni Infantino gibt sich diplomatisch, allerdings liegt seine Machtbasis vor allem in Afrika. 2027 will er sich ein letztes Mal als Verbandschef wiederwählen lassen – auf dem Fifa-Kongress in Rabat.
WM 2030: Marokkos Aufstieg zur zentralen Macht im afrikanischen Fußball
Die Empörung über Trump bei der Fußball-WM war groß, doch bei Marokko, dem Co-Gastgeber des Turniers in vier Jahren, sind Staat und Fußball viel enger verbunden.






