PfadnavigationHomeDebatteArtikeltyp:MeinungNeues Personal in KiewDie Modernisierung der ukrainischen Armee geht weiterStand: 15:54 UhrLesedauer: 4 MinutenNeuaufstellung (v.l.): Generalstabschef Mychajlo Drapatyj, sein Vorgänger Olexander Syrskyj, Präsident Wolodymyr Selenskyj und der kommissarische Verteidigungsminister Yevhenii KhmaraQuelle: via REUTERS/UKRAINIAN PRESIDENTIAL PRESS SERIm ukrainischen Militär hat sich die Fraktion der Reformer durchgesetzt: Neuer Generalstabschef wird Mychajlo Drapatyj. Damit gesteht Präsident Selenskyj ein, zuvor einen Fehler gemacht zu haben.Die jüngste Entlassung von Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow war wahrscheinlich einer der schwersten Fehler, die der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj im Krieg begangen hat. Er erweckte damit den Eindruck, er stelle sich auf die Seite der Beharrungskräfte in Militär und Gesellschaft – und nicht auf die Seite der Reformer. Tatsächlich hatte Fedorow seit seinem Amtsantritt ein halbes Jahr zuvor einen ständigen Kampf gegen Patronage im Militär und bei der Vergabe von Rüstungsaufträgen geführt. Der jung-dynamische Reformer stand auch im ständigen Konflikt mit Generalstabschef Olexander Syrskyj. Der ist zwar bekannt als der „Held von Kiew“, der die Hauptstadt 2022 erfolgreich gegen den russischen Ansturm verteidigte. Gleichzeitig gilt er aber auch als General alter sowjetischer Schule, dem Loyalität von Kommandeuren wichtiger war als deren Performance an der Front. Und der laut Kritikern auch das Leben der Soldaten zu leichtfertig aufs Spiel setzte.Lesen Sie auchFedorow hingegen war das Symbol für die rasante Modernisierung, die das ukrainische Militär besonders in Sachen Drohnenkrieg absolviert hat. Der Minister hatte auch damit begonnen, jede Kampfeinheit einer Überprüfung zu unterziehen und Aufträge nicht mehr automatisch vor allem an die großen und gut vernetzten Rüstungskonzerne zu vergeben.Weil Fedorow als entschlossener Reformer galt, löste seine Entlassung heftigen Widerstand in der Bevölkerung aus. Die anhaltenden Proteste für Fedorow und gegen Syrskyj führten dann dazu, dass Selenskyj seine Entscheidung korrigierte. Am Ende einer ereignisreichen Woche in der ukrainischen Politik war es Syrskyj, der seinen Hut nehmen musste. Neuer Generalstabschef wird der erst 43-jährige Mychajlo Drapatyj, der seit 2014 durch die harte Schule der Kriege mit Russland gegangen ist und sich als erfolgreicher Kommandeur hervorgetan hat.Während Syrskyj an der alten Sowjetdoktrin festgehalten hatte, das Frontgeschehen zentral zu steuern, plädiert die neue Generation kriegserfahrener ukrainischer Kommandeure, zu denen Drapatyj gehört, dafür, den einzelnen Einheiten größere Autonomie zu gewähren, weil sie am besten über die taktische Situation in ihrem Einsatzgebiet Bescheid wissen. Selenskyj hat dem geschassten Fedorow zudem auch angeboten, in Zukunft eine zentrale Rolle bei der technologischen Erneuerung des Militärs zu spielen.Lesen Sie auchDie Krise, die Selenskyj vor einer Woche auslöste, fand damit ein positives Ende. Und zwar in mehrfacher Hinsicht. Es hat sich abermals gezeigt, dass die ukrainische Demokratie quicklebendig ist. Anders als in Russland können Ukrainer selbst in Kriegszeiten auf die Straße gehen und ihren Unmut gegen die Regierung kundtun – ohne Repressalien fürchten zu müssen. Und selbst ein Selenskyj, der sich in den Kriegsjahren erheblichen Respekt im In- und Ausland erarbeitet hat, kann den Unmut der Bevölkerung nicht einfach ignorieren, sondern ist gezwungen, die berechtigten Anliegen der Kritiker aufzugreifen.Lesen Sie auchEbenso wichtig ist, dass sich nun die Fraktion der Reformer im Militär durchgesetzt hat, selbst wenn Fedorow seinen Posten nicht zurückbekam. Die Modernisierung der Armee, die schon jetzt zu erstaunlichen Erfolgen an der Front geführt hat, wird also mit verstärktem Tempo weitergehen.Jetzt schon sollen Drohnen – ob in der Luft, auf dem Boden oder zu Wasser – für etwa 90 Prozent der Wirkungstreffer gegen russische Ziele verantwortlich sein. Und die Bedeutung von Drohnen und von KI-gestützten Systemen wird in den kommenden Jahren noch zunehmen. Schließlich kann es sich das Land nicht leisten, wie Russland einfach immer neue Wellen von Rekruten in den Tod zu schicken. Die Modernisierer werden deshalb den begonnenen Weg entschlossen fortsetzen und lieber Roboter in den Kampf schicken als das Leben von Soldaten zu gefährden. Das ist eine gute Nachricht auch für die ukrainischen Bürger, die gezwungen sind, ihr Land mit der Waffe in der Hand zu verteidigen.Bester Gradmesser für die Bedeutung des Umbaus in der ukrainischen Armeespitze sind die russischen Militärblogger. Die hatten die Entlassung von Fedorow zunächst gefeiert. Die Ernennung des kampferprobten Drapatyj zum neuen Generalstabschef wurde nun hingegen als schlechte Nachricht für den russischen Krieg gewertet.Und das ist es, worauf es am Ende ankommt: nicht auf politische Spielchen, von denen sich Selenskyj zunächst hatte beeindrucken lassen, sondern darauf, welche Personen am ehesten geeignet sind, den Krieg für die Ukraine zu gewinnen. Und bei aller berechtigten Kritik an Selenskyj gehört das eben auch zu den Qualitäten dieses Präsidenten: eingestehen zu können, wenn er einen Fehler gemacht hat.
Neues Personal in Kiew: Die Modernisierung der ukrainischen Armee geht weiter - WELT
Im ukrainischen Militär hat sich die Fraktion der Reformer durchgesetzt: Neuer Generalstabschef wird Mychajlo Drapatyj. Damit gesteht Präsident Selenskyj ein, zuvor einen Fehler gemacht zu haben.














