„Ich habe entschieden, dass Mychajlo Drapatyj der neue Oberbefehlshaber der Streitkräfte der Ukraine wird.“ Auf diesen Satz des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj haben viele Menschen in der Ukraine gewartet, vor allem die Hunderttausenden, die seit sechs Tagen auf den Straßen des Landes hauptsächlich gegen den bisherigen Oberbefehlshaber Olexandr Syrskyj demonstrierten. Die Massenproteste, die sich nach der Entlassung des populären Verteidigungsministers Mychajlo Fedorow formiert hatten, konnte Selenskyj nicht länger ignorieren.Und auch Syrskyj, der sich noch am Montag auf für ihn ungewöhnliche Weise öffentlich gerechtfertigt hatte, sah seine Niederlage ein. „Ich übergebe meinem Nachfolger eine Armee, die nicht nur die Verteidigung hält, sondern auch in die Offensive geht – mit Initiative, mit Struktur, mit Menschen, die wissen, wie man den Feind besiegt“, erklärte er und verwies darauf, dass unter seinem Kommando zuletzt 700 Quadratkilometer des von Russland besetzten Landes befreit wurden. Die ukrainische Armee, die sich noch vor zwei Jahren in schwieriger Lage befunden habe, rücke heute vor. „Und ich hoffe aufrichtig, dass diese Offensive weitergeht.“Unüberbrückbarer GenerationenkonfliktIn den vergangenen Tagen hatte Selenskyj Dutzende Gespräche mit Kommandeuren geführt, um eine Lösung für das Dilemma zu finden, in das er sich mit der Entlassung des Verteidigungsministers auch selbst manövriert hatte. Zwischen dem 60 Jahre alten Syrskyj, seit 2024 Oberbefehlshaber, und dem 35 Jahre alten Fedorow, der seit Januar dieses Jahres das Ministerium geführt hatte, war es zu einem unüberbrückbaren Konflikt gekommen. Während Syrskyj als General alter Schule auf eine überwiegend konventionelle Kriegsführung mit zentraler Kommandostruktur setzte, sah Fedorow vielmehr in asymmetrischer, technologisch getriebener Verteidigung den Schlüssel zum Erfolg.Die ukrainischen Streitkräfte waren darüber gespalten. Ältere Kommandeure neigten Syrskyj zu, während sich jüngere Armeeführer hinter Fedorow stellten. Weil dieser im Ministerium zudem Reformen angestoßen und etwa mit Ausschreibungen für Ausrüstung und Munition die im Rüstungssektor grassierende Korruption bekämpft hatte, erlangte er bei den Menschen große Beliebtheit. Zugleich wuchs mit dem Vorrücken der eigenen Armee und den durch ukrainische Schläge ausgelösten multiplen Krisen in Russland erstmals seit Langem die Hoffnung, Moskau könne endlich so unter Druck geraten, dass es wenigstens einem Waffenstillstand zustimmt.Mit Tempo durch die russische BarrikadeZugleich richtete sich der Unmut zunehmend gegen Syrskyj, den Fedorow öffentlich bezichtigt hatte, Reformen zu blockieren und ultimativ seine, Fedorows, Entlassung gefordert zu haben. Selenskyj aber baute zunächst auf den erfahrenen und anerkannten Militär. Denn Syrskyj hat unbestrittene Verdienste. Nach dem russischen Überfall leitete er erfolgreich die Verteidigung Kiews sowie die Gegenoffensive, in deren Folge Russland große Teile des besetzten Landes wieder räumen musste. Auch für den Vorstoß in das russischen Gebiet Kursk im Sommer 2024 zeichnete er sich verantwortlich. Doch das zählte in den Augen der Demonstranten nicht mehr.Mit Syrskyjs Absetzung hat Selenskyj nun eine erste Forderung der Menschen erfüllt. Mychajlo Drapatyj steht für einen Generationswechsel in der ukrainischen Armee. Der 43 Jahre alte General ist einer der angesehensten Kommandeure der Ukraine, der von Demonstranten, Soldaten und Veteranen gleichermaßen geschätzt wird. Seit der Verteidigung gegen Russlands Überfall diente er an den schwierigsten Abschnitten, verlangsamte den russischen Vormarsch, stabilisierte die Front. Hervorgehoben wird, wie wertschätzend er Soldaten gegenübertritt und selbst Verantwortung übernimmt.Sein öffentlicher Ruf beruht auch auf einem auf Handyvideo festgehaltenen Ereignis aus dem Jahr 2014. Damals versuchten von Russland gesteuerte Separatisten, das Polizeipräsidium der ostukrainischen Hafenstadt Mariupol zu besetzen. Drapatyj, dessen Einheit zur Verteidigung gesandt worden war, durchbrach mit einem gepanzerten Fahrzeug, auf dem die blau-gelbe Flagge wehte, die Barrikaden der Separatisten.Eine unausweichliche EntscheidungNach der Entlassung Fedorows unterstützte Drapatyj öffentlich dessen Reformbemühungen und erklärte, dass das Militär Veränderungen brauche. Als Befehlshaber der ukrainischen Bodentruppen, der er seit November 2024 war, und als Kommandeur des gemeinsamen Kommandos der Streitkräfte der Ukraine, der er seit 2025 ist, forderte er mehr Initiative von untergeordneten Kommandeuren, schnellere Entscheidungsfindung und mehr Eigenverantwortung innerhalb der Truppe. Schon früher hatte er kritisiert, dass das ukrainische Militär durch eine Kommandokultur benachteiligt sei, „die nicht bereit ist, persönliche Verantwortung für Versäumnisse auf dem Schlachtfeld zu übernehmen und daraus zu lernen“.Und er warnte, dass ein Kommandeur kein Recht habe zu schweigen, wenn Menschenleben auf dem Spiel stünden. Das alles ist eine klare Absage an die sowjetisch geprägte Armeekultur, die auch von Kommandeuren bestimmt wird, die in denAchtzigerjahren noch auf den gleichen Akademien wie ihre russischen Gegner studiert haben.Fedorow will sein Amt zurückSelenskyj hatte bereits vor Tagen mit Drapatyj gesprochen und die Meinung so ziemlich aller Fraktionen der Armee eingeholt. Zusammen mit den Protesten auf der Straße war die Entscheidung letztlich unausweichlich. Drapatyj zu ignorieren, wäre für Selenskyj selbst zum Problem geworden, da es der Präsident allein ist, der den Oberbefehlshaber ernennt und entlässt. Der neue Armeeführer dankte noch am Abend für das Vertrauen. „Ich werde verantwortungsvoll, fokussiert und mit Respekt für die Menschen arbeiten, die heute unser Land verteidigen“, erklärte Drapatyj auf Facebook, und er dankte auch Syrskyj, seine militärische Laufbahn mitgeprägt zu haben.Noch am Abend meldete sich auch der entlassene Verteidigungsminister Fedorow zu Wort. Er begrüßte Drapatyjs Ernennung. „Das ist ein frischer Wind und eine neue Quelle der Hoffnung im Kampf freier Menschen für Freiheit und Gerechtigkeit“, schrieb er auf X. „Es ist die Stimme des Wandels, die nicht länger ignoriert werden konnte.“ Zugleich formulierte er die Erwartung, den Krieg nach seinen Vorstellungen zu einem Ende zu bringen – „mit einem starken Team und entschlossenem Handeln, das auf die Rettung der Leben unserer Soldaten ausgerichtet ist, auf die Beschleunigung der Robotisierung des Schlachtfeldes, auf asymmetrische Schläge und auf die Erschöpfung der russischen Wirtschaft abzielt“.Die zweite Forderung der Demonstranten und auch von Fedorow selbst, ihn wieder als Verteidigungsminister einzusetzen, erfüllte Selenskyj jedoch nicht. Er hat das Amt bereits kommissarisch dem bisherigen Chef des Inlandsgeheimdienstes, Jewheni Chmara, übertragen. Stattdessen soll Selenskyj Fedorow eine gehobene Position in der Regierung angeboten haben, darunter die eines stellvertretenden Ministerpräsidenten für technologische Entwicklung. Fedorow habe das jedoch abgelehnt, auch weil er in einer solchen Position keine echten Befugnisse haben würde.Fedorow zählt nach wie vor auf die Öffentlichkeit, und in der Tat ist die Frage, ob die Demonstranten sich mit der jetzigen Lösung zufriedengeben werden. Die ukrainische Zivilgesellschaft hat nach den Protesten im vergangenen Sommer, als sie erfolgreich die Unabhängigkeit der Antikorruptionsbehörden verteidigt hatte, nun zum zweiten Mal die Erfahrung gemacht, dass sich bedeutende Veränderungen auf der Straße herbeiführen lassen.
Selenskyj ernennt Mychajlo Drapatyj zum Verteidigungsminister
Nach tagelangen Protesten lenkt Wolodymyr Selenskyj ein und ernennt Mychajlo Drapatyj zum neuen Oberbefehlshaber. Hat der Präsident die Krise damit überstanden?












