Selenski beugt sich dem Druck der Demonstranten: Die Ukraine erhält einen neuen OberbefehlshaberDer stark kritisierte Armeechef Olexander Sirski verliert seinen Posten. Nachfolger wird Generalmajor Michailo Drapati. Damit vollzieht Präsident Selenski einen spektakulären Rückzieher, nachdem er sich noch vor kurzem in einem internen Streit hinter Sirski gestellt hatte.21.07.2026, 23.01 Uhr3 LeseminutenGeneralmajor Michailo Drapati wird mitten im Krieg gegen Russland neuer Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte.armyinform.com.uaDer ukrainische Präsident Wolodimir Selenski hat am Dienstagabend angesichts der ernsten politischen Krise im Land die Flucht nach vorne angetreten: Er entliess den umstrittenen Oberbefehlshaber der Armee, General Olexander Sirski, und erfüllte damit eine der Hauptforderungen der Demonstranten, die sechs Tage lang in mehreren Grossstädten gegen Sirski protestiert und die Rückkehr des populären Verteidigungsministers Michailo Fedorow verlangt hatten. Der Präsident hatte den Sturm der Entrüstung Mitte letzter Woche ausgelöst, als er Fedorow völlig überraschend des Amtes enthob.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Selenski wollte mit der Entlassung den bitteren Konflikt zwischen Fedorow und General Sirski um Fragen der Kriegführung und der militärischen Reformen beenden. Doch damit handelte sich der Präsident nur ein grösseres Problem ein – in Teilen der Armee und der Zivilgesellschaft stiess seine Entscheidung auf völliges Unverständnis. Selenski hatte unterschätzt, über welchen Rückhalt Fedorow verfügte. Sofort wandte sich die Wut der Fedorow-Anhänger gegen dessen Kontrahenten Sirski.Einer der Initianten der Proteste, der Kriegsveteran und IT-Unternehmer Dmitro Kosjatinski, hatte dem Präsidenten am Montag ein Ultimatum zur Erfüllung der Forderungen bis Donnerstagabend gesetzt. Nun hat sich Selenski dem Druck noch vor Ablauf der Frist gebeugt, zumindest teilweise.Fedorow soll anderen Posten erhaltenFedorow wird sein altes Amt als Verteidigungsminister offenbar nicht zurückerhalten. Aber laut Selenski soll er eine «würdige Position» in der Regierung bekommen. Die Rede ist von einer Funktion als Koordinator für militärtechnologische Entwicklungen, möglicherweise im Range eines Vizeregierungschefs. Auf diese Weise könnte er seine Talente als Experte für digitale Modernisierung weiterhin einsetzen, ohne einen Koloss wie das Verteidigungsministerium führen zu müssen. Allerdings ist unklar, ob sich Fedorow damit zufriedengeben wird. Frühere Kompromissvorschläge Selenskis in den vergangenen Tagen soll er abgelehnt haben. Der politisch ambitionierte 35-Jährige ist durch die Demonstrationswelle im Land deutlich gestärkt worden.Interimistischer Verteidigungsminister bleibt nun zumindest vorläufig der am Donnerstag eingesetzte Jewheni Chmara. Er gilt als Kriegsheld und hatte seit Anfang Jahr den Geheimdienst SBU geleitet. Das Parlament hat über diese Ernennung allerdings noch nicht abgestimmt.Im Gegensatz dazu findet der Wechsel an der Spitze der Streitkräfte mit sofortiger Wirkung statt. Selenski hat als Nachfolger von Sirski den 43-jährigen Generalmajor Michailo Drapati ernannt. Über seine Beförderung war bereits in den vergangenen beiden Tagen gemunkelt worden, nachdem Selenski zwei Besprechungen mit ihm abgehalten hatte.Drapati als neuer HoffnungsträgerDrapati ist der Favorit der Sirski-Gegner und gilt als bestens qualifiziert für die Nachfolge. Nach einer erfolgreichen Zeit auf verschiedenen Kommandos in den ersten Kriegsjahren wurde er 2025 zum Chef der Vereinten Streitkräfte ernannt. Trotz der prestigeträchtigen Bezeichnung dieses Kommandos war dies karrieremässig eher ein Nebengleis. Angeblich soll Sirski in ihm schon damals einen Rivalen erkannt haben.Der am Dienstag entlassene Oberbefehlshaber Olexander Sirski in einer Archivaufnahme vom November 2024.APNun endet General Sirskis Zeit an der Armeespitze abrupt, wenn auch nicht völlig unerwartet. Der 61-jährige Oberbefehlshaber hat seit Jahren Feinde im Militär und in der Öffentlichkeit, die ihm antiquierte, «sowjetische» Methoden der Kriegsführung vorwerfen. Besonders seine Neigung, belagerte Ortschaften selbst in aussichtsloser Lage unter hohen Opfern verteidigen zu lassen, trug ihm wiederholt Kritik ein. Seine Verschlossenheit, sein grimmiges Äusseres und seine Herkunft aus Russland – er ist ein Wahlukrainer – waren seinem öffentlichen Image ebenfalls nicht dienlich.Aber als Kommandant der Landstreitkräfte und seit 2024 als Oberbefehlshaber der gesamten Armee kann Sirski wichtige Erfolge vorweisen, darunter die Abwehr des Grossangriffs auf Kiew zu Beginn der russischen Invasion und später die Rückeroberung von grossen Teilen der Provinz Charkiw. Auf diese Leistungen wies Präsident Selenski am Dienstagabend ausdrücklich hin.Selenskis einziger AuswegPräsident Selenski geht aus der Krise politisch geschwächt hervor. Aber nach seinem Missgriff von vergangener Woche hat er nun die Chance, mit seinem Rückzieher die Lage zu beruhigen. In den vergangenen Tagen führte er stundenlange Beratungen mit seinen wichtigsten Kommandanten auf Korps- und Brigadestufe, um eine Lösung zu finden. Zweifellos missfiel es ihm, sich von der «Strasse» einen neuen Armeechef aufdrängen zu lassen. Aber zahlreiche politische Beobachter betrachteten dies zuletzt als einzigen Ausweg.Allerdings garantiert der Wechsel an der Armeespitze nicht, dass die Spannungen im Militär verschwinden. Zumindest in einer ersten Phase sind interne Abrechnungen zu erwarten; diverse Kommandanten aus Sirskis Umfeld müssen mit ihrer Versetzung rechnen.Demonstrantinnen und Demonstranten singen während einer Protestveranstaltung im Zentrum von Kiew die ukrainische Nationalhymne.Pavlo Bahmut / ImagoPassend zum Artikel