Wenn er alles gibt, wird er taub: wie Josh Kerr den Weltrekord über die Meile brachDie Distanz galt jahrelang als Domäne britischer Läufer. Jetzt hat sich mit Josh Kerr wieder ein Athlet von der Insel zum König der Meile gekrönt. Dafür brauchte der Schotte einen speziellen Schuh – und ein völlig neues Training.22.07.2026, 12.00 Uhr4 LeseminutenEr liess der forschen Ansage Taten folgen: Josh Kerr.Matthew Childs / ReutersDa fliegt er also mit langen Schritten dem Ziel entgegen, 60 000 Zuschauer im London Stadium toben. Und er, Josh Kerr, hört gar nichts. Später wird er erzählen, dass er manchmal plötzlich taub werde, wenn er den Körper an die Grenzen treibe. «Das gibt mir ein beruhigendes Gefühl», sagt er, «mein Körper sagt mir dann, dass alles, was ich nicht brauche, abgeschaltet wird und ich so schnell wie möglich die Ziellinie erreichen werde.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Und so ist es auch in London. Kerr läuft nach 3:42,66 Minuten über die Ziellinie, das ist Weltrekord über die Meile. Die alte Marke (3:43,13) war ein Monument, errichtet vom Marokkaner Hicham El Guerrouj und 27 Jahre lang unverrückbar. Es war ein Rekord aus einer anderen Zeit. Am Samstag hat ihn Kerr in die Gegenwart geholt: in die Zeit der Superschuhe, des Wavelight, der mit wissenschaftlicher Akribie geplanten Tempoläufe.Der Rekord war von langer Hand geplantTatsächlich war das Rennen von London über 1609 Meter seit Monaten als Rekordversuch geplant. Kerr hatte im November 2025 seinem Ausrüster Brooks signalisiert, er wolle den Meilenweltrekord brechen. Im März tat er das auch öffentlich kund, und da hatte das Unterfangen auch bereits einen Namen: «Project 222». Es passt zum Zeitgeist, dass Weltrekorde langfristig geplant werden und dabei das Marketing mindestens so wichtig ist wie die Leistung.Nike hat das 2017 demonstriert, als mit «Breaking 2» ein revolutionärer Laufschuh lanciert wurde. Dabei sollte erstmals ein Marathon unter zwei Stunden gelaufen werden. Eliud Kipchoge scheiterte knapp, doch der Schuh wurde zu einem Bestseller. Zwei Jahre später durchbrach der Kenyaner die Mauer dann doch – allerdings in einer Art Laborversuch, bei dem die Regeln für einen Weltrekord nicht eingehalten wurden. Im vergangenen Frühling senkte Sabastian Sawe den regulären Rekord auf 1:59:30. Und die Welt sprach fast mehr über seinen 99 Gramm leichten Adidas-Schuh als über den Läufer.Auch beim «Project 222» spielte das Material eine entscheidende Rolle. Der Name des Vorhabens bezog sich auf die Zielzeit: 222 Sekunden entsprechen 3:42 Minuten. Brooks hat dafür einen speziellen Schuh entwickelt, der nicht nur exakt zum gross gewachsenen Josh Kerr mit seinen langen Beinen und grossen Füssen passt, sondern auch so konzipiert ist, dass er bei konstant hohem Tempo von 26 Kilometern pro Stunde optimal funktioniert.Start zum Weltrekordversuch: Der Schuh, den Josh Kerr (Mitte) trägt, wurde speziell für dieses Rennen konzipiert.Matthew Childs / ReutersDanny Orr, der Chefentwickler bei Brooks, sagte gegenüber «Popular Science» über den Schuh: «Das langsame Laufen, das Wechseln der Gangart oder das Beschleunigen – all das wird sich in diesem Schuh furchtbar anfühlen. Er ist einfach nicht dafür konzipiert.» Es ist ein Weltrekordschuh, für taktische Rennen an Titelkämpfen ungeeignet.World Athletics sah sich nach der Einführung sogenannter Superschuhe, in deren Sohlen hochreaktiver Schaum mit einer Carbonplatte kombiniert wird, dazu gezwungen, ein Reglement auszuarbeiten. Ursprünglich sollten Prototypen im Wettkampf verboten werden, doch dann wurde die Möglichkeit geschaffen, ausserhalb von Titelkämpfen sogenannte «development shoes» einzusetzen.Das sollte es den Herstellern erlauben, neue Entwicklungen in Rennen zu testen. Doch die nutzen den Spielraum nun aus, um spezielle Modelle für Rekordversuche zu bauen. Kerrs «Hyperion 222» wurde vom Weltverband erst am 7. Juli als «development shoe» zugelassen.Lernen, wie ein Uhrwerk zu laufenDer Athlet musste sich aber nicht nur an einen neuen, völlig anderen Schuh gewöhnen, sondern auch sein Training umstellen. Kerr gilt als typischer Meisterschaftsläufer, er startet nur selten an Wettkämpfen, bereitet sich auf den Punkt vor und holt sich dann an den Titelkämpfen mit einer schlauen Taktik und einem unwiderstehlichen Endspurt seine Medaillen. So wurde er 2023 Weltmeister über 1500 m, gewann zweimal Gold an Hallen-WM über 3000 m und zwei Olympiamedaillen.Seit der Schotte im November 2025 das «Project 222» lanciert hatte, war sein ganzes Training darauf ausgerichtet, möglichst konstant Runden in 55,5 Sekunden zu laufen; Rhythmuswechsel und Sprints liess er weg. Das sollte sich in London auszahlen. Kerr lief wie ein Uhrwerk, verbesserte im Vorbeigehen mit 3:27,62 seine persönliche Bestzeit über 1500 m und holte sich den Rekord. Die Uhr zeigte 222,66 Sekunden. Ziel erreicht.Kerrs Rennen von London hatte aber über die Zeit hinaus auch Symbolcharakter. Den Ort hatte der Athlet bewusst gewählt, um ein Zeichen zu setzen: Die Meile gehört wieder den Briten. Tatsächlich haben Athleten aus dem Vereinigten Königreich diese Distanz geprägt, angefangen bei Roger Bannister, der 1954 die damals magische Barriere von 4 Minuten durchbrach.Auch er hatte den Angriff auf den Weltrekord akribisch geplant, in modernen Zeiten hätte man es wohl «Projet Sub4» getauft. Zwei Klubkollegen übernahmen die Rolle der Tempomacher, sein Empfinden auf den letzten Metern beschrieb Bannister ähnlich wie gut siebzig Jahre später Kerr: «Die Welt schien stillzustehen oder gar nicht zu existieren. Das Zielband bedeutete Endgültigkeit.»Die Schranke war durchbrochen, und das war für die besten Meilenläufer der Welt eine Befreiung. Wenige Wochen später verbesserte der Australier John Landy den Weltrekord um 1,5 Sekunden. Die grösste Zeit der britischen Meilenläufer begann Ende der 1970er Jahre. Sebastian Coe, Steve Ovett und Steve Cram lieferten sich auf den Rundbahnen grandiose Duelle und liefen innerhalb von sechs Jahren allein auf dieser Distanz sechs Weltrekorde.Ovett kommentierte den Rekordlauf für die BBC, Coe gratulierte dem Läufer auf der Bahn als Präsident von World Athletics. Geschichte und Gegenwart gaben sich die Hand. Und nur wenig später sagte Kerr, dass er bereits an den Rekord über 1500 m denke. Er stammt aus dem Jahr 1998 und gilt mit 3:26,00 als besonders hochklassig.Passend zum Artikel