PfadnavigationHomeKulturDanger Dan und „Keine Angst“„Kunstfreiheit wird zu selten verstanden“Stand: 09:09 UhrLesedauer: 5 MinutenWELT-Redakteur Dennis Sand verteidigt die Entscheidung des ZDF, den umstrittenen Song „Keine Angst“ von Danger Dan aus der Sendung „Die Anstalt“ zu streichen: „Er grüßt auch die Hammerbande und drückt da Solidarität aus. Das ist wirklich ein Problem.“Nachdem das ZDF ihn wegen einer „Gebrauchsanweisung zur Gewalt“ gecancelt hat, bucht der Rapper Danger Dan einen Club und spielt seinen Antifa-Song eben live für seine Leute. Wer geht da hin – und warum?Ein wenig skurril schien die Ausladung von Danger Dan aus der ZDF-Sendung „Die Anstalt“ schon: Im Prinzip ist er, der Professorensohn, ein bürgerlicher Rapper. Dass selbst das im ZDF nicht geht, dürfte andere Hip-Hop-Künstler – solche, die nicht das bürgerliche Bildungsideal verkörpern – entmutigt haben. Immerhin ist Danger Dan israelsolidarisch (wofür er von einigen Linken angefeindet wird), singt mit Texten von Kurt Tucholsky gegen Rechtsextremismus an, spielt dabei Klavier und gibt einem das beruhigende Gefühl, Hip-Hop mögen zu dürfen, ohne den eigenen Studienabschluss verleugnen zu müssen.Entsprechend sieht auch das Publikum an diesem Abend im Berliner Columbiatheater aus: weiß, akademisch, mittelschichtig. Das aufrichtige Interesse am Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus kauft man dem Publikum trotzdem ab. Und dieser Kampf ist einschüchternd, sagen einige Fans, die am Mittwochabend zum Ersatzkonzert in Berlin gekommen sind: „Danger Dan gibt mir Kraft und Energie, die Demokratie zu verteidigen“, sagt einer, der in der brandenburgischen Gemeinde Schönwalde-Glien lebt.Lesen Sie auchHier werde es immer mühsamer, rechte Kräfte aufzuhalten. „Viele Einwohner sind eingeschüchtert und wollen nicht mehr über Politik reden.“ Auf dem 25 Kilometer langen Fahrradweg aus Schönwalde-Glien nach Berlin habe er deshalb immer wieder den Song „Keine Angst“ von Danger Dan gehört, der das ZDF-Justiziariat ins Schwitzen brachte. So sehr, dass es schließlich entschied, Danger Dan nicht in der Satiresendung „Die Anstalt“ auftreten zu lassen.Der ausgeladene Künstler selbst scheint die Diskussionen der vergangenen Tage gut verkraftet zu haben. Kämpferisch tritt Danger Dan zusammen mit dem Pianisten Igor Levit auf die Bühne. „Wie gehen wir mit den Faschisten um, die gerade in die Parlamente gehen?“, fragt Danger Dan in der Eröffnungsrede vor den mehreren hundert Zuschauern. Das Konzert war innerhalb weniger Minuten ausverkauft. „Und wie gehen wir um mit rechter Gewalt, die explosionsartig anwächst?“ Großer Applaus. Und Igor Levit ergänzt: „Und wie unterstützen wir die, die in Gegenden leben, in denen nicht geholfen wird? Wo sie Angst haben müssen, aus dem Haus zu gehen, weil Nazis patrouillieren?“Lesen Sie auchDanger Dan hat auf diese Fragen im Song „Keine Angst“ seine Antwort gegeben: lokale Antifa-Strukturen aufbauen, Nazis ausspionieren, sie vor ihren Angehörigen outen und ja, zur Not auch: körperlichen Widerstand leisten. Anders jedenfalls war die Zeile „Liebe Grüße an Lina, Gucci, Maja und Nanuk“ nicht zu verstehen. Mit ihr dürfte die Linksextremistin Lina E. gemeint sein, die 2023 vom Oberlandesgericht Dresden wegen mehrerer Angriffe auf Rechtsextreme zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden war.Lesen Sie auch„Wir haben es hier meiner Ansicht nach unzweifelhaft mit einer Gebrauchsanweisung zum linken, gewaltbereiten Widerstand zu tun“, erklärte ZDF-Intendant Norbert Himmler die Absage. Danger Dan widersprach, zumindest so halb, kurze Zeit später. „Ich verabscheue Gewalt“, sagte er im „Spiegel“: „Aber das Problem ist: Sie ist schon längst politische Realität.“ Es sei ein „furchtbares Zeichen“ vom ZDF, ein antifaschistisches Lied zu zensieren. Lesen Sie auch„Kunstfreiheit wird zu selten verstanden“, sagt eine Besucherin des Konzerts, die laut eigenen Angaben Kuratorin ist: „Kunst ist der Ort, an dem wir Werte verhandeln. Deshalb hätte das ZDF den Song von Danger Dan spielen lassen müssen, um eine Debatte zu eröffnen.“ Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Debatte erst eröffnet wurde, als der Song nicht gespielt wurde. Eine wie eine Drohung klingende Warnung hat die Besucherin auch noch parat: „Ihr Journalisten werdet vom Rechtsruck auch betroffen sein.“Aus Solidarität kommt das Redaktionsteam der Satiresendung „Die Anstalt“ zum Konzert ins Columbiatheater, wenn Danger Dan und Igor Levit schon nicht zu ihnen durften. Sie sitzen in den vorderen Reihen, während die beiden Künstler auf der rot ausgeleuchteten Bühne musizieren. Levit wie immer furios am Klavier, er bietet eine Beethoven-Sonate an. Danger Dan präsentiert seinen fünf Jahre alten Hit „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“, in dem er schon mal bewusst auf dem Seil des Sagbaren tänzelte: „Also jetzt mal ganz spekulativ: Ich nutze ganz bewusst lieber den Konjunktiv. „Ich schreibe einen Text, der im Konflikt mit dem Gesetz behauptet, Gauland sei ein Reptiloid.“ Der Song erschien auf einem Soloalbum ohne seine Antilopen Gang, und ab da war er auch nicht mehr wirklich Rapper. „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“ ist eher eine Pianoballade.Danger Dan stützt sich in seiner Musik auf doppeldeutige Texte. Und so fehlt auch hier, im Columbiatheater, ein existenzielles Gefühl, das ohne Text auskommt. Seine Kunst ist kognitiv. Deshalb wirken viele seiner Songs wie studentische Antifa-Textnachrichten in einer Chatgruppe, die zu Klaviermusik verlesen werden. Elektrisierend wirkt das selten. Es politisiert – aber auch nur die, die es schon sind. Die Veranstaltung gleicht einem Lesekreis, der gar nicht weiß, für wen genau er das eigentlich macht, außer für sich selbst.Am Ende des Konzerts kommt aber auch ein wenig Stimmung auf. „Wir sind nicht ohnmächtig. Keine Angst!“, ruft Danger Dan in die Halle, um dann den Song anzuspielen, der neunzig Minuten lang gespannt erwartet worden war. Jetzt singen alle auch mal mit, bei „Keine Angst“. Nach dem Song hallt es vereinzelt „Alerta, alerta, antifascista!“ durch den Raum. Aber so verschämt, dass man in Danger Dan vor allem wieder den bürgerlichen Rapper sieht.
Danger Dan – Konzert statt „Anstalt“: „Kunstfreiheit wird zu selten verstanden“ - WELT
Nachdem das ZDF ihn wegen einer „Gebrauchsanweisung zur Gewalt“ gecancelt hat, bucht der Rapper Danger Dan einen Club und spielt seinen Antifa-Song eben live für seine Leute. Wer geht da hin – und warum?














