Mitten im polierten Idyll trifft man auf den Schrecken, den alle urlaubenden kinderlosen Paare mittleren Alters am meisten fürchten.
A ls Soloselbstständige arbeite ich ständig selbst und im Urlaub sogar vor. Mit meinem festangestellten Freund trainiere ich für den Winter, in dem uns alle das Warten in Zimmern erwartet. Unter erleichterten Bedingungen warten wir also hier open air auf den Bus. An einer Haltestelle im Schwarzwald, die nahezu malerisch wirken würde, wenn nicht die gesamte Gegend drumherum schon so aussähe, als hätte eine frühe KI den Befehl „Postkartenkitsch, 3D-Effekt“ erhalten und dann ein paar Kirschtorten zwischen die grünen Hügel gefachwerkt.
Daher kann ich das hölzerne Wartehäuschen nur als absurd gepflegt bezeichnen, inklusive des nur halbvollen Mülleimers, der von einer überschaubaren Anzahl Fliegen umkreist wird. Das Gesamtarrangement beruhigt mich, zeugt es doch davon, dass hier regelmäßig echte Menschen vorbeikommen, um das Idyll zu polieren. Vielleicht kommen die sogar mit dem Bus. Der schon in vier Minuten eintreffen soll. Zumindest laut Fahrplan, der allerdings nur bis Juli 1992 gilt. Oder galt.
„Krass! Der stammt noch aus der Zeit, als die ganzen Boomer hierhin gepilgert sind, weil ‚Die Schwarzwaldklinik‘ hier gedreht wurde“, höre ich eine männliche Stimme hinter mir. Es ist nicht die meines Freundes. Der versteckt sich längst im Unterholz vor dem Grauen, welches jedes urlaubende kinderlose Paar mittleren Alters am meisten fürchtet: Andere mittelalte Paare, die in geranienverseuchte Kurorte fliehen, um sich dort nicht ganz so alt zu fühlen, wie sie sind. Im küstenfernen Inland kann das noch gelingen, sofern eben keine Konkurrenz auftaucht, die laut ausspricht, was man sich still einredet: Dass man aus ethischen und klimaschonenden Gründen nicht nach Dubai fliegt. Nicht wegen Flugangst und Rücken.








