Interview«Zu Hause trennen wir den Abfall, im Hotel pinkeln wir in den Pool», sagt Hartmut RosaWarum wir in den Ferien zu Menschen werden, die wir nicht sein wollen: Der Soziologe Hartmut Rosa über unseren schwierigen Umgang mit freier Zeit.16.07.2026, 10.08 Uhr6 LeseminutenFreiheit auf 300 Metern: Auf dem Lido-Deck gelten andere Regeln als zu Hause.UIG / GettyHerr Rosa, der erste Morgen am Ferienort. Niemand verlangt etwas von uns. Wir stehen da und wissen nicht, was tun. Kennen Sie diesen Moment?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ja, fast jeder kennt ihn, egal, was wir arbeiten, egal, aus welchem Milieu wir stammen. Unser Alltag wird von aussen getaktet. Sitzungen im Job, die Tochter zum Ballett bringen, den Sohn vom Fussball abholen, die Mutter zum Arzt begleiten. Der Kalender bestimmt, was zu tun ist. Fällt diese Struktur weg, entsteht eine unterschwellige Angst. Plötzlich müssen wir selbst entscheiden, wie wir einen Tag gestalten, und genau das haben wir verlernt.Dabei hätten wir doch alle Freiheit, zu tun und zu lassen, was wir wollen.Eben nicht. Wir halten uns die Freiheiten lieber offen, statt sie zu nutzen. Viele buchen ein Hotel, das zu nichts verpflichtet und alles bietet: Fitness, Wellness, Achtsamkeit, eine Bar, eine Segeltour. Möglichst viele Optionen, möglichst wenig Verbindlichkeit.Das ist ein Widerspruch.Und er geht noch weiter. Wir reisen, um Neues zu erleben, und sichern uns zugleich gegen jede Überraschung ab. Mein Lieblingshassbeispiel ist die Kreuzfahrt. Sie zeigt mir fremde Weltgegenden unter Bedingungen, bei denen ich scheinbar alles kontrolliere. Das Essen ist nicht zu exotisch, entspricht meinem Geschmack. Die Temperatur im Schiff ist angenehm, die Kabine klimatisiert. Um mich herum bewegen sich nur Menschen, die genauso sind wie ich. Die Einheimischen betrachte ich wie im Zoo. Sie sollen um zwei Uhr auf dem Schiffsteg stehen, nicht später, weil ich dann Kaffeepause mache, aber auch nicht früher. Sie sollen nah genug herankommen für ein gutes Foto, aber nicht so nah, dass sie womöglich gefährlich werden. Bei Naturphänomenen wie dem Nordlicht ist es dasselbe. Statt mich der Kälte, der Nacht, der Einsamkeit auszusetzen, sitze ich im warmen Schiff, sprinte kurz an Deck, fotografiere das Phänomen und nehme es mit, ohne berührt zu werden. Noch an Bord plane ich die nächsten Ferien.Hartmut Rosa ist Soziologe an der Universität Jena und Direktor des Max-Weber-Kollegs in Erfurt. Bekannt wurde er mit seinen Theorien zur sozialen Beschleunigung und Resonanz.KeystoneBerührt werden, darauf kommt es an. Sie nennen das Resonanz. Was bedeutet das?Resonanz bedeutet, sich verwundbar zu machen. Sich auf etwas einzulassen, das am Ende vielleicht nichts bringt. Wir aber wollen das grosse Erlebnis am Donnerstag um acht, für 150 Franken, genau eine Stunde lang. Wir wollen das beste Paket kaufen und pünktlich geliefert bekommen. Dabei geht es beim Reisen darum, sich zu verwandeln, ein anderer zu werden. Wer nur eine Ware will, verpasst genau das.Wären die Ferien nicht der Moment, in sich zu gehen, damit das wahre Selbst zum Vorschein kommt?Eine schöne Idee, aber ich bin skeptisch. Ich entdecke mich nämlich nicht in mir, sondern in den Antworten auf die Welt. Wenn es das Ereignis da draussen nicht gibt, gibt es auch kein wahres Selbst, das ich entfalten könnte. Wenn ich ins Berner Oberland fahre, dann nicht, um in mich hineinzuhorchen, sondern um mit den Bergen ins Gespräch zu kommen. Ich hoffe, dass mich etwas anruft. Eine Blume, ein Tier, ein Wasserfall, selbst der Regen im Gesicht. Und dass ich auf diese Berührung antworten kann. Nur so entfaltet sich das Selbst.Dann kann ich mir Glück also gar nicht vornehmen?Nein, denn das Leben funktioniert nicht, wenn wir es wie einen Supermarkt auffassen. Ich stehe vor dem Tiefkühler und frage mich, was mich glücklich macht. Vanilleglace oder Maracuja? Wird mich diese Frage glücklich machen? Kaum. Die wirklich glücklichen Menschen stellen sich diese Frage gar nicht. Schauen Sie Kinder an, wenn ihre Augen aufleuchten. Das ist der Ruf von aussen. Glück beginnt nicht mit etwas, das ich aus mir heraus mache, sondern mit etwas, das mich anrührt. Ich bin nicht christlich aufgewachsen, aber als Student in London ging ich an einer Kirche vorbei, und die Orgel brauste. Ich konnte nicht weitergehen.Wenn Glück ein Ruf von aussen ist, warum antworten wir in den Ferien dann so oft mit unserem schlechtesten Benehmen?Das ist tatsächlich ein weitverbreitetes Phänomen. Zu Hause trennen die Menschen den Abfall, im Hotel pinkeln sie in den Pool. Eine Erklärung ist die Hülle. Mein Haus, mein Dorf, meine Stadt, sie bilden vertraute Hüllen. In ihnen ist mir nicht egal, wie es aussieht. Bin ich woanders und habe ich dafür bezahlt, will ich das Maximum aus der fremden Hülle herausholen. Das Frühstücksbuffet ist ein gutes Beispiel. Dort eignet man sich hemmungslos alles an. Hinzu kommt der Status: Zu Hause überlege ich, wie ich wirken will, weil mein Ansehen davon abhängt. Weit weg, wo mich niemand kennt, habe ich keinen Status zu verlieren.Steckt hinter dem gierigen Verhalten am Buffet nicht mehr: eine Art Wut, weil die Ferien einem nie geben können, was man sich von ihnen verspricht?Unbedingt. Das ganze Jahr stehen wir unter Druck, uns zu optimieren, noch besser zu werden. Ein besserer Vater, ein besserer Mitarbeiter, ein besserer Mensch. In den Ferien soll es umgekehrt sein. Da will ich zurückbekommen, was ich das ganze Jahr geleistet habe. Doch das erfüllt sich nicht, wenn wir das Leben, dem wir in den Ferien begegnen, wie eine Ansammlung von Waren begreifen, die wir uns verdient haben und die wir uns jetzt gönnen. Wir arbeiten das Programm ab, fotografieren Barcelona oder Venedig und lassen uns auf nichts ein, nicht einmal auf die Pizza, die wir zu Hause genauso essen würden. Die Sehnsucht, wirklich berührt und verwandelt zu werden, bleibt unerfüllt. Also planen wir auf dem Rückweg schon die nächsten Ferien.Vielleicht liegt es auch daran, dass wir alles schon gesehen haben. Instagram zeigt uns die Orte, bevor wir ankommen. Kann uns die Wirklichkeit noch berühren, die wir schon tausendmal auf dem Bildschirm gesehen haben?Die Gefahr ist real. Wir messen nicht mehr die Bilder an der Wirklichkeit, sondern die Wirklichkeit an den Bildern. Im Munch-Museum in Oslo sah ich junge Leute, die von weit her gekommen waren. Sie machten ein Selfie vor dem «Schrei» und gingen weiter, ohne das Bild je anzusehen. Und doch ist es auch heute möglich, berührt zu werden.Wann geschieht es?Die atmende Wirklichkeit ist da draussen. Meist passiert es nicht am vorgesehenen Aussichtspunkt, sondern hundert Meter daneben, wenn der Wind aufkommt oder die Sonne untergeht. Ich war an Silvester in der Zürcher Tonhalle, sie spielten Beethovens Neunte. Ich dachte, die kenne ich zu gut. Und dann war ich überwältigt. Mein Neffe hatte Tränen in den Augen, die Musiker umarmten sich auf der Bühne. Etwas, das man hundertmal gehört hat, kann immer noch berühren.Ferienidylle mit beschränktem Fassungsvermögen: Am Pool zeigt sich, was wir wie teilen.Thomas Barwick / Digital VisionHundert Meter neben dem Aussichtspunkt. Dorthin müsste man sich erst einmal bewegen. Was hält uns davon ab, in der touristischen Wüste etwas zu erleben?Die Angst. Geh nicht in die Sonne, nicht in den Fluss, da sind Bakterien. Trink kein ungefiltertes Wasser, iss nur im Hotel, geh nach Sonnenuntergang nicht raus. Wie soll man so berührt werden? Lebensfreude entsteht nur, wenn man darauf vertraut, dass es schon gutgeht. Und dazu gehört, dass es manchmal schiefgeht. Ja, du kannst dir den Magen verderben, du kannst überfallen werden. Aber wer jedes Risiko ausschliesst, schliesst das Leben aus.Sich aussetzen, sich einlassen. Braucht es dafür überhaupt immer neue Orte?Nein, im Gegenteil. Ferien gelingen eher, wenn man immer wieder an denselben Ort fährt. So wächst eine Beziehung, mit der man nie fertig wird. Wer sagt, das Berner Oberland habe er gesehen und fotografiert, jetzt müsse er woandershin, hat sich nie wirklich darauf eingelassen. Der Pianist Igor Levit wurde gefragt, ob er die «Mondscheinsonate» überhaupt noch spielen könne, sie sei doch ein Gassenhauer. Je öfter er sie spiele, sagte er, desto stärker sei das Gefühl, nie mit ihr fertig zu werden. Sobald man mit etwas fertig ist, ist es tot.Und Sie selbst: Wann sind Sie zuletzt wirklich angekommen?Ich bin gerade für drei Monate allein in Dänemark, um endlich bei mir zu sein. Der Plan ist halb gescheitert, weil ich sogar in den drei Monaten zu viel gereist bin und zu viele Verpflichtungen hatte. Es ist nicht leicht, anzukommen, wenn man plötzlich Zeit hat. Vielleicht gilt sogar: Wer ständig wegfahren muss, ist zu Hause nie angekommen. Was bei mir fast immer funktioniert, ist der Schwarzwald, wo ich wohne. An Ostern lag unten kein Schnee mehr, aber am Feldberg gab es noch eine Langlaufloipe, auf der niemand mehr unterwegs war. Ich lief los, verirrte mich sogar, weil keine Spuren mehr da waren. Und spürte den Schwarzwald, dahinter die Alpen und mich selbst.Passend zum Artikel
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