Im Frühjahr 1945 lag München in Schutt und Asche: Durch den Krieg waren laut dem Bayerischen Haus der Geschichte 45 Prozent der Bausubstanz im Stadtgebiet zerstört, bis zu 300 000 Menschen waren obdachlos geworden. Die Stadt war geprägt von der jahrelangen Herrschaft der Nationalsozialisten – auch in den Straßennamen: Es gab unter anderem mehrere Adolf-Hitler-Straßen oder eine Hermann-Göring-Straße. Das NS-Regime hatte sich in den Stadtplan eingeschrieben. Inzwischen tragen diese Straßen andere Namen, aus Adolf-Hitler-Straßen wurden etwa die Diefenbachstraße und die Verdistraße, aus der Hermann-Göring-Straße die Döbereinerstraße.Wie mit den Umbenennungen Stück für Stück Nazi-Vergangenheit aus Münchens Straßen getilgt wurde, ist nun in einer Ausstellung in der Bibliothek der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) zu sehen. Auf einer dazugehörigen interaktiven Karte kann man auf der Webseite die Geschichten der Umbenennungen auch virtuell entdecken. Die Ausstellung soll zeigen, wie demokratische Werte in den Stadtplan eingefügt werden sollten, sagt Constanze Jeitler, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Historischen Seminar der LMU. Die Straßenumbenennungen seien auch ein Indiz für eine gesellschaftliche und politische Neuordnung.Das Projekt ist eine Kooperation zwischen dem Lehrstuhl für Neueste Geschichte und Zeitgeschichte der LMU, der Universitätsbibliothek, der Weiße Rose Stiftung und dem Stadtarchiv München. Entstanden ist es in Lehrveranstaltungen von Constanze Jeitler. Zwei Semester lang setzte die Historikerin sich mit ihren Studierenden mit den Hintergründen der Münchner Straßen auseinander und stellte schnell fest: „Jeder einzelne Straßenname kann spannende Geschichten erzählen.“Da ist zum Beispiel die Tatsache, dass in der NS-Zeit plötzlich auch Straßen „Arier-Nachweise“ haben mussten. Nach Juden benannte Straßen wurden umbenannt, sie erhielten unter anderem die Namen von „Märtyrern“, etwa von beim Hitlerputsch getöteten NS-Funktionären. Nach dem Krieg habe die Bevölkerung schnell erkannt, dass diese Namen vom Stadtplan verschwinden müssten, sagt Jeitler. Zudem ordnete auch die amerikanische Militärregierung unmittelbar nach Kriegsende an, alle belasteten Straßennamen noch im Sommer 1945 umzubenennen.Wie früh der Wunsch geäußert wurde, die Mitglieder der Widerstandsgruppe Weiße Rose mit einer Straßenbenennung zu ehren, hat sie eigener Aussage nach überrascht: Bereits einen Monat nach der Befreiung Münchens sei eine Zuschrift mit einer entsprechenden Forderung bei der Stadt eingegangen.Und tatsächlich verlieh die Stadt bereits 1946 den zwei zuvor unbenannten Plätzen vor der Ludwig-Maximilians-Universität die Namen Geschwister-Scholl-Platz und gegenüber Kurt-Huber-Platz. Für die Schwester von Christoph Probst war das nicht genug: In der Ausstellung ist ein Schreiben zu sehen, in dem sie sich beschwerte, dass ihr Bruder und Willi Graf bei den Ehrungen „vergessen“ worden seien. Letztlich wurden nach den weiteren Mitgliedern der Weißen Rose später ebenfalls Straßen benannt.Wie viele Straßen nach Kriegsende umbenannt wurden, zeigt eine Karte mit Stecknadeln. Johannes SimonEine kleine Debatte löste auch der Platz der Opfer des Nationalsozialismus aus. Die US-Besatzer zeigten sich unzufrieden mit der Benennung. Man solle dem Ort einen „demokratischeren“ Namen geben, forderte Oberst James H. Kelly im Frühjahr 1947. Aus Sicht der Amerikaner sollte nichts im Straßenbild noch an den Nationalsozialismus erinnern, nicht einmal das Wort selbst. Oberbürgermeister Karl Scharnagl (CSU) lehnte die Bitte jedoch ab: Eine erneute Umbenennung würde heftige Auseinandersetzungen im Stadtrat und in der Öffentlichkeit auslösen, so seine Befürchtung.In der Ausstellung geben viele historische Dokumente Einblick in den Diskurs über den Umgang mit der NS-Vergangenheit. Johannes SimonAuch heute noch gibt es Straßennamen, die angesichts der Grautöne in den Biografien der damit Geehrten hitzige Diskussionen auslösen. Immer wieder gibt es Forderungen nach Umbenennungen – und empörte Gegenstimmen. Als der Stadtrat etwa wegen antisemitischer Äußerungen des ersten bayerischen Landesbischofs die Umbenennung der Meiserstraße beschloss, klagte ein Enkel Hans Meisers dagegen. In Pullach hingegen behielt man die dortige Meiserstraße nach längeren Diskussionen bei.Meiser war nicht der einzige kritische Fall. 2006 wurde auch die Von-Trotha-Straße umbenannt, die zwar nicht an einen NS-Funktionär, aber an einen General aus der Kolonialzeit in Afrika erinnerte. Viele Kommunen ringen mit dem richtigen Umgang mit ähnlich belasteten Straßennamen. „Das sind Debatten über lokale Identität und lokalen Stolz“, sagt Constanze Jeitler. Sich mit der Frage nach derartigen Ehrungen auseinanderzusetzen, sei in jedem Fall wichtig. Dann könne der Diskurs auch weiterführen und eine allgemeine gesellschaftliche Debatte über den Umgang mit Erinnerung anregen.„UM-BENANNT. Straßennamen und Erinnerungskultur in München nach 1945“, bis zum 17. Oktober 2026 in der Ausleihhalle der Universitätsbibliothek, Geschwister-Scholl-Platz 1, Montag bis Freitag 6.30 bis 22 Uhr, Samstag 8 bis 22 Uhr, Sonntag 8 bis 20 Uhr.
Straßennamen: Wie der Nationalsozialismus aus Münchens Stadtplan gestrichen wurde
Die Adolf-Hitler-Straße und andere nach Nazi-Funktionären benannte Straßen erhielten nach Kriegsende neue Namen - eine Ausstellung zeigt den Wandel.















