Kaum irgendwo anders wären die äußeren Umstände günstiger als hier: Auf der Seite mit den geraden Hausnummern gibt es nur die 12, eine Tankstelle; daneben erstreckt sich auf voller Länge ein Park und in diesem ein Minigolfplatz. Und gegenüber bleiben die Hausnummern ausnahmslos einstellig. Nicht einmal 60 Menschen wohnen hier und müssten ihre Anschrift ändern und das denjenigen mitteilen, von denen sie Post bekommen könnten. Und dann wäre die Von-Hindenburg-Allee in Berchtesgaden das, was sie nach Ansicht von Norbert Egger schon so lange sein sollte: Geschichte.Egger ist Unternehmer, ehemaliger Offizier der Luftwaffe und 2016 in den Berchtesgadener Talkessel gezogen, um hier in der Heimat seiner Frau das zu verbringen, was für ihn Ruhestand bedeutet. In den vergangenen beiden Jahren hat er nach eigenen Angaben 6000 Arbeitsstunden in einen Dokumentarfilm gesteckt – eigene Stunden und bezahlte von Profis, was das Projekt mit all den Lizenz- und Archivgebühren zu einer erheblichen Investition gemacht hat.„Wie konnte es dazu kommen? Hindenburg, Hitler und die nationalsozialistische Diktatur“, heißt das Ergebnis, das die Debatte über all die Straßen und Plätze neu befeuern soll, die immer noch nach dem einstigen Reichspräsidenten Hindenburg benannt sind. Hier in Berchtesgaden und weit darüber hinaus.SZ Bayern auf Whatsapp:Nachrichten aus der Bayern-Redaktion – jetzt auf Whatsapp abonnierenVon Aschaffenburg bis Berchtesgaden: Das Bayern-Team der SZ ist im gesamten Freistaat für Sie unterwegs. Hier entlang, wenn Sie Geschichten, News und Hintergründe direkt aufs Handy bekommen möchten.Etwa hundert solche Straßen haben geschichtsbewusste Kritiker für ganz Deutschland aufgelistet. Diese Liste ist sehr viel länger als jene der bereits umbenannten Hindenburg-Straßen, aber vollständig ist sie keineswegs. So fehlen im ganz Norden Kiel und ganz im Süden eben Berchtesgaden. Dort haben zum Beispiel der mittlerweile verstorbene Heimatpfleger Johannes Schöbinger und der frühere Kommandeur der Gebirgsjäger in Bad Reichenhall, Klaus Gerlach, lange Zeit mehr oder weniger vergeblich versucht, eine breitere Diskussion über die Von-Hindenburg-Allee anzustoßen. Egger unternimmt seinen Versuch jetzt mit ganz neuer Wucht. Wie das in der Marktgemeinde ankommt, ist allerdings noch keineswegs klar.Dabei war der Obersalzberg oberhalb von Berchtesgaden lange Zeit Hitlers Zweitwohnsitz und dann auch sein zweiter Regierungssitz. Und so beeilte man sich 1933 in Berchtesgaden, den größten Teil der örtlichen Maximilianstraße nach Hitler zu benennen – und den kleineren Teil zum Dank nach Paul von Hindenburg, weil dieser Hitler zum Reichskanzler gemacht hatte. Nach dem Krieg hieß die „Adolf-Hitlerstraße“ dann aber schnell wieder Maximilianstraße. Die Von-Hindenburg-Allee gibt es immer noch.Die Maximilianstraße in Berchtesgaden wurde 1933 zweigeteilt und in „Adolf-Hitlerstraße“ und „Von-Hindenburg-Allee“ umbenannt. Beim Namen der Allee ist es auch nach 1945 geblieben. Foto: Matthias KöpfDabei sind die Zeiten eigentlich vorbei, in denen man auch in Berchtesgaden möglichst wenig wissen wollte von der braunen Vergangenheit und zugleich immer gern das Geld genommen hat von all jenen Obersalzberg-Touristen, die oft einer fragwürdigen Faszination folgten. Seit 1999 leistet die vom Freistaat eingerichtete Dokumentation Obersalzberg Aufklärungsarbeit. Sie ist längst ein eigener Besuchermagnet, seit 2023 in einem Neubau mit neuer Dauerausstellung, für die sie gerade eine besondere Anerkennung der Jury beim Europäischen Museumspreis erhalten hat.Ebenfalls 2023 gründete sich nach einer Gewalttat auswärtiger Neonazis der Verein „Berchtesgaden gegen rechts – für Vielfalt und Demokratie“, bei dem Norbert Egger Mitglied ist und die Kasse verwaltet. Der Verein kümmert sich um vielerlei Themen, Egger hat sich intern besonders der Hindenburg-Allee angenommen. Seit Mai muss er dazu einen neuen Bürgermeister bearbeiten.Alexander Resch von der CSU hat zur Hindenburg-Frage bisher nicht öffentlich Position bezogen. Mit dessen Vorgänger und Parteifreund Franz Rasp hatten Egger und seine Mitstreiter vereinbart, das Thema aus dem Kommunalwahlkampf herauszuhalten. Dafür sollte Rasp, der sich letztlich vergeblich um das Amt des Landrats beworben hat, noch einmal Überzeugungsarbeit bei den Anwohnern leisten. Das hat nicht in vollem Umfang geklappt, obwohl es jede Hilfe etwa bei der nötigen Adressänderung geben sollte. Zudem haben Egger und ein anderer örtlicher Unternehmer angeboten, für alle damit verbundenen Kosten aufzukommen.Am Ende müsste der Berchtesgadener Marktgemeinderat über eine Umbenennung entscheiden – sofern es nicht anschließend zu einem Bürgerentscheid kommt, dessen Ausgang in Berchtesgaden kaum vorherzusehen wäre. So hatten die Räte in Garmisch-Partenkirchen 2012 unter öffentlichem Druck mit breiter Mehrheit für eine Umbenennung der dortigen Hindenburgstraße gestimmt. Ein Jahr später kam es zum Bürgerentscheid, der mit einer Mehrheit von fast 90 Prozent gegen die Umbenennung endete. In Landau in der Pfalz entschieden die Bürger im vergangenen Jahr mit fast zwei Dritteln der abgegebenen Stimmen, bei ihrer „Hindenburgstraße“ zu bleiben.Norbert Egger hat sich die Umbenennung der Von-Hindenburg-Allee zur Aufgabe gemacht. Foto: Matthias KöpfEin Vorstoß wie der von Norbert Egger in Berchtesgaden könnte jedenfalls auch zu gewissen Trotzreaktionen führen, wofür Egger selbst wenig Verständnis hat. Angesichts all der Angebote habe es von einigen Anwohnern als eine Art letzte Argument nur noch geheißen, man wolle sich die Straße nicht umbenennen lassen, weil der Verein so genervt habe. Das erzählt Egger selbst und kontert sogleich mit dem sarkastischen Vergleich, dass dann nach dieser Logik wohl auch das Frauenwahlrecht viel eher gekommen wäre, wenn nur die Frauen nicht so lange damit genervt hätten.Ihm ist die Umbenennung der Von-Hindenburg-Allee jedenfalls aller Mühe wert, als „Fanal demokratischer Erinnerungskultur“, wie er es selbst formuliert. Auch weil er in der Geschichte der Weimarer Republik Parallelen zu heutigen antidemokratischen Bestrebungen und Parteien sieht. „Das liegt so offen auf dem Tisch“, sagt Egger. „Wir sollten verhindern, das uns in Deutschland wieder das Gleiche passiert.“Dass dieser Hindenburg jedenfalls keiner Ehre durch Straßen und Plätze wert ist, darin ist sich Egger einig mit Historikern wie Wolfram Pyta oder Wolfgang Niess. Pyta hat 2007 mit „Hindenburg. Herrschaft zwischen Hohenzollern und Hitler“ die seither maßgebliche Biografie vorgelegt und wesentlich dazu beigetragen, dass zumindest die Geschichtswissenschaft einen kritischeren Blick auf Hindenburg entwickelt hat. Niess hat zuletzt das Buch „Schicksalsjahr 1925: Als Hindenburg Präsident wurde“ publiziert.Bei einem „Filmgespräch“ der Dokumentation Obersalzberg im Kino Berchtesgaden war Eggers Produktion nun erstmals zu sehen. Foto: Matthias KöpfBeide lassen keinen Zweifel daran, dass Hindenburg keineswegs jener vermeintlich tugendhafte, konservative Monarchist war und auch nicht jener senile Greis, der Hitler notgedrungen und aus demokratischer Pflichterfüllung zum Reichskanzler machen musste. Vielmehr war er laut Pyta „ein robuster Machtpolitiker“, ein Anti-Demokrat und Anti-Pluralist durch und durch und hat in seinem politischen Testament bekräftigt, dass seine eigenen Ziele von Hitler verwirklicht würden. Niess erinnert daran, dass Hitler keineswegs aus eigener Kraft die Macht ergriffen habe, wie es die Nazi-Propaganda ausdrückte, sondern Hindenburg sie ihm in die Hände gelegt habe, obwohl er auch anders gekonnt hätte.Pyta und Niess kommen in Eggers zweistündigem Hindenburg-Film an zahlreichen Stellen als Interview-Partner zu Wort und sind auch bei der Premiere im Rahmen eines „Obersalzberger Filmgesprächs“ im Berchtesgadener Kino aufgetreten.Der Film selbst ist keine leichte Kino-Kost. Er soll Hindenburg erkennbar mit allergrößter Gründlichkeit demontieren und dauert deswegen etwa zwei Stunden, wovon mehr als eine Stunde das vielfältige Versagen des vermeintlich brillanten Feldherren Hindenburg im Ersten Weltkrieg nachweist. Jenseits der Interviews besteht der Film aus vielen aneinander montierten Archiv-Aufnahmen sowie aus zahlreichen eingeblendeten Textpassagen aus Originaldokumenten und aus Pytas Monografie.Egger will seinen Film kostenlos all jenen im Land zur Verfügung stellen, die sein Anliegen teilen. Anfragen gebe es bereits, sagt er, und Hoffnung auch: Die bisher inoffiziell „Hindenburgdamm“ benannte Bahntrasse auf die Insel Sylt soll vom kommenden Jahr an offiziell „Syltdamm“ heißen.