AnalyseKomax, Rieter, Bystronic und Calida haben seit ihren Umsatzhöchstständen einen grossen Teil ihres Geschäfts verloren. Doch sinkender Umsatz bedeutet nicht automatisch weniger Wettbewerbsfähigkeit. Entscheidend ist, ob sich dahinter eine tiefgreifende Schwäche oder eine sinnvolle strategische Neuausrichtung verbirgt.Wenn ein Unternehmen an der Börse erfolgreich sein will, muss es wachsen. Mehr Umsatz bedeutet meistens höherer Gewinn und steigende Bewertung. Ein sinkender Erlös dagegen wird von Anlegern als Warnsignal wahrgenommen, wie sich das bei einigen Schweizer Unternehmen aus dem Small- und Mid-Cap-Sektor seit einiger Zeit zeigt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenThemarket.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Unternehmensgrösse und Wachstum bleiben elementare Faktoren in der Bewertung von Unternehmen. Wir beobachten, dass je kleiner ein Unternehmen ist, desto geringer ist die Aufmerksamkeit der Finanzmarktteilnehmer», erklären Adrian Lechthaler und Manuel Bottinelli, Portfoliomanager bei Peter J. Lehner & Partner. Zudem verstärke der Trend zum passiven Investieren die rückläufige Analystenabdeckung zusätzlich.Kritische Grösse muss erhalten bleibenGleichzeitig warnen sie davor, schrumpfende Unternehmen vorschnell abzuschreiben. «Die Kunst besteht darin, beurteilen zu können, ob es sich um einen temporären oder strukturell bedingten Rückgang handelt.» Manchmal sei ein Umsatzrückgang durch Auflösungen von Konglomeratstrukturen hin zu fokussierten Unternehmen sogar sinnvoll. Die eigenständigen Unternehmensteile könnten sich oftmals allein besser entwickeln als in einer Gruppe. «Wichtig dabei ist unseres Erachtens, dass die kritische Grösse nach der Aufteilung bleibt. Umsatzrückgänge durch Marktanteilsverluste, Preisdruck oder Disruption der Technologien sind Warnzeichen», so die Portfoliomanager.Auch Renato Jorio, Partner bei der Unternehmensberatung Bain & Company in Zürich, sieht Unternehmensgrösse nicht als Selbstzweck. Entscheidend sei eine konsequente Überarbeitung des Portfolios. Unternehmen, die sich regelmässig von Randaktivitäten trennten, erzielten langfristig höhere Renditen für ihre Aktionäre als Gesellschaften, die Restrukturierungen über Jahre hinauszögerten. «Disziplinierte, regelmässige Portfolioarbeit schlägt den einmaligen Umbau», so sein Urteil.Mehrere Jahre des SchrumpfensZu den auffälligsten Schweizer Unternehmen, die in den vergangenen Jahren mit rückläufigen Umsatzzahlen zu kämpfen hatten, zählen Komax, Rieter, Bystronic und Calida. Nach einem Umsatzhöhepunkt haben sie mehrere Jahre hintereinander einen erheblichen Teil ihres Einkommens eingebüsst.Die Ursachen sind unterschiedlich. Während die einen unter dem Ende des Investitionsbooms leiden, entschieden sich andere bewusst für ein kleineres, fokussierteres Geschäftsmodell.«Es ist kein Zufall, dass drei der vier genannten Unternehmen im Maschinenbau tätig sind», kommentieren Lechthaler und Bottinelli die Auswahl. Die Investitionszurückhaltung der Kunden sowie der zunehmende Wettbewerb aus China belasteten die Branche. «Aktuell fehlt es bei Komax, Rieter und Bystronic an Marktwachstum.» Alle drei Unternehmen seien in überdurchschnittlich zyklischen Märkten aktiv.Rieter leidet am meistenAm stärksten traf es Rieter. Der Winterthurer Textilmaschinenhersteller steigerte den Umsatz 2022 noch auf 1,51 Mrd. Fr. Drei Jahre später waren davon noch 685 Mio. Fr. übrig. Der Rückgang ist vor allem Folge einer Investitionskrise in der globalen Textilindustrie. Nach dem aussergewöhnlichen Bestellboom während und nach der Pandemie verschoben viele Spinnereien Neuanschaffungen, besonders im wichtigen Markt China. Rieter reagierte mit Restrukturierungen und will sich nun mit der Übernahme von Barmag (die Kunstfasersparte von OC Oerlikon) breiter aufstellen.Mit den in der letzten Woche veröffentlichten Halbjahreszahlen zeigte sich, dass der Konzern zwar dank Barmag wachsen kann. Der Umsatz des alten Geschäfts ist jedoch rückläufig. An der Börse kennen die Titel seit mehr als drei Jahren nur eine Richtung: abwärts.Auch Bystronic erlebte nach dem Rekordjahr 2022 eine abrupte Normalisierung des Geschäfts. Der Umsatz des Metallbearbeitungsspezialisten fiel von über 1 Mrd. auf 613 Mio. Fr. Gleichzeitig sank die Zahl der Mitarbeitenden von mehr als 4000 auf unter 3000. Der Konzern, der aus dem ehemaligen Konglomerat Conzzeta übriggeblieben ist, vereinfachte seine Organisation, schloss Standorte und passte die Kapazitäten an die schwächere Nachfrage an. Die Entwicklung zeigt exemplarisch, wie schnell Investitionsgüterhersteller nach einem Boom unter Druck geraten können.Komax kam vergleichsweise glimpflich davon. Nach dem Höchststand von 745 Mio. Fr. im Jahr 2023 sank der Umsatz bis 2025 auf 576 Mio. Fr. Die Zurückhaltung der Automobilindustrie bei Investitionen in neue Produktionslinien sowie die stärkere Konkurrenz aus China belasten das Geschäft. Die Aktien haben in den vergangenen drei Jahren fast 80% ihres Wertes verloren.Anders als Bystronic baute Komax bislang weniger Stellen ab und hält an wichtigen Kompetenzen fest.Lechthaler und Bottinelli sehen den Kabelverarbeitungsspezialisten deshalb als aussichtsreichsten Erholungskandidaten unter den drei Maschinenbauern. «Die Marktposition und die globale Kundennähe sind ein Vorteil gegenüber der aufgekommenen chinesischen Konkurrenz.» Voraussetzung seien eine Stabilisierung des klassischen Automobilgeschäfts und weiteres Wachstum ausserhalb der Fahrzeugindustrie.Nur ein Nischenanbieter im Heimmarkt zu sein, reicht nichtWährend die drei Industriekonzerne vor allem unter schwachen Endmärkten leiden, verfolgt Calida einen anderen Ansatz. Der Wäschehersteller verringerte den Umsatz von 319 Mio. Fr. im Jahr 2022 auf 216 Mio. Fr. (2025). Hier sehen Lechthaler und Bottinelli kaum Zukunft. «Calida wird als Nischenanbieter im Heimmarkt Schweiz funktionieren. Für eine globale Expansion fehlt die kritische Grösse und Differenzierungsmöglichkeit sowie ein Bewusstsein für die Marke», urteilen sie und stehen sogar der Börsenkotierung insgesamt skeptisch gegenüber. Kein Wunder, auch hier überzeugt das langfristige Abschneiden der Aktien nicht. Seit Anfang Jahr sind die Titel jedoch wieder leicht im Aufwind.Für Unternehmensberater Jorio wird ein Small Cap zu einem Fall für Dekotierung, wenn drei Faktoren zusammenkommen: «Das Unternehmen wird zu klein und zu illiquide für den Kapitalmarkt, die Kotierungskosten stehen nicht mehr im Verhältnis zur Grösse und ein notwendiger Umbau lässt sich unter dem Druck der Börse kaum umsetzen.» Entscheidend sei dabei, ob die tiefe Bewertung auf strukturelle Probleme im Kerngeschäft oder vor allem auf mangelnde Investierbarkeit und Liquidität zurückzuführen ist.Ob ein Unternehmen an die Börse gehört, lasse sich in der Regel anhand seiner Kapitalmarktfähigkeit, des Geschäftsmodells, der Kosten- und Komplexitätslast sowie der Eigentümereignung feststellen. Falle ein Titel gleichzeitig unter mehrere dieser Schwellen, gelte er nicht mehr als natürlicher Börsenwert, so sein Urteil.Calida muss sehr differenziert betrachtet werdenManuel Lang, Analyst bei Vontobel, sieht es ähnlich. Die reine Berücksichtigung der Umsatzhöhe oder Marktkapitalisierung als Kriterium für eine Dekotierung hält er nicht für ausreichend. Die Kosten für ein Listing liegen gemäss Vontobel-Schätzung je nach Unternehmensgrösse typischerweise bei 1 bis 2 Mio. Fr. und sollten strukturell keinen wesentlichen Teil des Gewinns aufzehren. «Darüber hinaus kann eine Dekotierung nicht einseitig beschlossen werden, sondern setzt einen Käufer voraus, der den Minderheitsaktionären ein entsprechendes Kaufangebot unterbreitet», fügt er an.Unternehmen, die innerhalb ihrer Branche fundamental deutlich schlechter abschneiden als die Konkurrenz, sieht er daher eher als potenzielle Übernahmeziele für strategische Käufer oder Private-Equity-Gesellschaften anstatt als primäre Delisting-Kandidaten.Im Fall von Calida müsse die Entwicklung zudem sehr differenziert beurteilt werden. «Der Umsatzrückgang war nur bei Cosabella strategisch gewollt», so Lang. Die Marke sei nach einer Phase hoher Marketingausgaben bewusst auf ein nachhaltigeres Umsatzniveau zurückgeführt worden. Bei Calida und Aubade habe das Management den rückläufigen Verkauf dagegen in einem schwierigen Marktumfeld bewusst in Kauf genommen, um die Profitabilität zu verbessern und Rabatte zu reduzieren. Tatsächlich stieg die Ebit-Marge 2025 deutlich.Für Lang ist der Turnaround damit aber erst eingeleitet. Er lobt zwar die Modernisierung der Filialen und die Weiterentwicklung der Marken. Gleichzeitig bezweifelt er, dass die bisherigen Investitionen ausreichen. Ohne wieder anziehenden Umsatz hält Lang auch die mittelfristigen Margenziele für ambitioniert. Besonders kritisch beurteilt er zudem die Anreizsysteme: «Noch schwerer wiegt aus unserer Sicht, dass die variable Vergütung des Managements offenbar keinerlei Anreize setzt, die Umsätze zumindest zu stabilisieren.»Auf Warnzeichen achtenDie aus Anlegersicht entscheidende Frage lautet somit nicht, ob, sondern warum ein Unternehmen kleiner wird. Umsatzrückgänge durch Marktanteilsverluste, Preisdruck oder technologischer Disruptionen wie bei Rieter, Komax und Bystronic sind auch aus Sicht von The Market klare Warnzeichen. Anleger müssen sich auf lange Turnaround-Phasen einstellen. Der Fall von Calida wiederum zeigt, dass ein sinkender Umsatz nicht zwangsläufig Ausdruck eines schwachen Geschäftsmodells sein muss, wie Vontobel-Analyst Lang festhält. Gleichzeitig mache das Beispiel aber deutlich, dass eine Strategie, die primär auf Margenverbesserungen setzt, ohne erneutes Wachstum an Grenzen stösst.Den Portfoliomanagern Lechthaler und Bottinelli wiederum gefallen neben Komax Unternehmen besser, die sich ganz bewusst fokussieren. Als Beispiele nennen sie Georg Fischer, Dätwyler und Ypsomed, die ihr Profil durch den Verkauf von Unternehmensteilen in der jüngeren Vergangenheit geschärft hätten. Ein kleineres Beispiel sei zudem die CPH Group mit der Ausgliederung des strukturell rückläufigen Papiergeschäfts. Der Fokus auf Chemie und Verpackung habe hier Potenzial für nachhaltiges Wachstum geschaffen. CPH möchte beide Geschäftsfelder, unter anderem wegen der noch kleinen Grösse, weiter ausbauen.