Montag ist Ruhetag. So wie früher beim Friseur. Bei der Tour de France bedeutet das allerdings nicht, dass der Laden geschlossen ist. Die Fahrer steigen aufs Rad, die Mechaniker arbeiten an den Rädern, die Masseure an den Fahrern, die Köche am Essen und die Pressesprecher daran, Journalisten abzuwimmeln.Immerhin führt der Weg am Abend zurück in dasselbe Hotelzimmer. Ein seltener Luxus bei einer Rundfahrt, die ihre Teilnehmer sonst täglich neu einquartiert. Heute Autobahnausfahrt, morgen Kurort. Heute Schloss, morgen Campanile. Die rasende Fahrt durch Frankreich kennt viele Zimmerkategorien.Der Traum von einem guten BettJan Ullrich hat im Podcast mit Rick Zabel erzählt, dass er vor den Ruhetagen stets hoffte, sein Team möge eines der besseren Hotels erwischen. Ein bescheidener Wunsch für einen Mann, der die Tour gewinnen wollte. Andere träumen nur von Gelb. Ullrich träumte auch von einem guten Bett.Welches Hotel eine Mannschaft bekommt, entscheidet sie nicht selbst. Die Tour-Organisation A.S.O. verteilt die Unterkünfte. Sie hat für den ganzen Tross schon Monate zuvor 1850 Betten für jeden Tag geblockt, nicht nur in Paris oder Bordeaux, sondern auch dort, wo Frankreich besonders schön und die Auswahl an klimatisierten Fünfsternehotels übersichtlich ist. In den Pyrenäen zum Beispiel oder im Zentralmassiv.Eine sehr französische Vorstellung von GleichheitAm Ende der Rundfahrt, verspricht Tour-Direktor Christian Prudhomme, hätten alle Teams ungefähr dieselbe Zahl an Hotelsternen gesammelt. Das ist eine sehr französische Vorstellung von Gleichheit. Jeder kommt mal dran. Die einen wohnen im Schloss, die anderen bei den Spinnweben. Auch Jan Ullrich hat in den Pyrenäen mal draußen im Garten auf einer Matratze geschlafen.Beim ersten Ruhetag dieser Tour traf es diesmal mehrere Teams im Zentralmassiv. Fahrer von Uno-X und Alpecin-Premier Tech logierten in Zimmern ohne Klimaanlage, dafür mit Insekten, Schimmel an den Wänden und einem Geruch, den der norwegische Profi Magnus Cort vorsichtig als „leichte Fäulnisnote“ beschrieb.Cort, der die Hotels während seiner Rennen auf Instagram zu bewerten pflegt, vergab immerhin einen von sieben Sternen. Zwei Jahre zuvor hatte er schon einmal im selben Haus gewohnt. Damals sei es so feucht gewesen, dass das Wasser an den Wänden heruntergelaufen sei. Diesmal sei immerhin das Toilettenpapier trocken. Das sei ein klarer Fortschritt. Deshalb einen Stern. Die dänischen Zwillingsbrüder Anders und Tobias Johannessen trugen ihre Betten auf den Balkon. Dort, berichtete Tobias, habe es weniger Insekten gegeben als im Zimmer. Silvan Dillier vom Team Alpecin tat es ihnen gleich und schlief unter freiem Himmel.Tadej Pogačars Mannschaft war ebenfalls in einem Hotel ohne ausreichende Klimatisierung untergebracht. Das Team hatte vorgesorgt. Die Fahrer schliefen auf Matratzenauflagen mit Kühlfunktion, waren quasi auf Eis gelegt. Das Tour-Team, das was auf sich hält und genügend Geld aus den Emiraten zur Verfügung hat, reist eben nicht mehr nur mit Fahrrädern, Köchen, Ärzten, Physiotherapeuten und einem Datenzentrum durch Frankreich. Es hat vorsichtshalber auch ein Schlafzimmer im Gepäck.Die großen Teams umgehen das Hotel-LottoWas die A.S.O. als Chancengleichheit deklariert, sorgt bei den Teams zunehmend für Unverständnis. Die Zeiten, in denen man Schimmel und schlaflose Nächte achselzuckend als Teil des Mythos Tour hinnahm, sind vorbei. Die Fahrervereinigung CPA fordert verbindliche Mindeststandards für die Unterkünfte. Wenn die eine Mannschaft vor einer schweren Etappe bei 38 Grad Raumtemperatur nicht schlafen könne, weil sie im Hotel-Lotto gerade eine Niete gezogen habe, und die Konkurrenz aus dem Luxushotel anreise, habe das mit Chancengleichheit nichts zu tun. Und selbst wenn zwei Teams im selben miserablen Standard übernachten, funktioniert die „Chancengleichheit“ nicht.Die großen Teams umgehen das Hotel-Lotto, indem sie Lkw-Ladungen voller mobiler Klimaanlagen und Hightech-Kühlmatratzen mitbringen. Sie schlafen zwar womöglich in gleich schlechten Zimmern wie die Konkurrenz – aber unter völlig anderen Bedingungen. Die Idee einiger Mannschaften, das Problem grundsätzlich dadurch zu lösen, dass man die Profis in den mehr oder weniger luxuriösen, klimatisierten Teambussen übernachten lässt, lehnte die Tour-Leitung ab. Das Argument wiederum: Chancengleichheit. Man wolle ein finanzielles Wettrüsten verhindern, bei dem die finanzstärksten Teams ihren Fahrern rollende Luxus-Suiten hinstellen, während kleinere Mannschaften sich dies nicht leisten können.Wie eine Nachricht aus dem SchlaraffenlandZurück zum Ruhetag. Da darf das Peloton länger schlafen. Pogačar schilderte im vergangenen Jahr den Ablauf eines solchen Tages: Frühstück, eine lockere Ausfahrt mit Kaffeepause, Mittagessen, Friseur, ein Nickerchen, Massage und schon wieder Abendessen. Das Besondere ist das Mittagessen. Das kennen die Rennfahrer an den 21 Renntagen ja nicht. Zumindest nicht in fester Form. Früher, sagt Rick Zabel, hätten Teamleitung und Ernährungsberater am Vorabend des Ruhetages schon mal ein Auge zugedrückt und den Koch ein Tiramisu auf den Tisch stellen lassen. Heute, in Zeiten der App-gesteuerten Kalorienkontrolle, hört sich das an wie eine Nachricht aus dem Schlaraffenland.Ganz ohne Rad geht es auch am Ruhetag nicht. Die Profis fahren meist eine ruhige Runde, anderthalb Stunden, damit die Beine nicht auf falsche Gedanken kommen. Nicht dass sie meinen, das war’s, die Quälerei ist zu Ende. Dazu kommen Interviews, medizinische Behandlungen, Mannschaftssitzungen und die Planung der kommenden Etappen.Für die Mechaniker ist „Ruhetag“ eine besonders hübsche Wortschöpfung. Sie reinigen, prüfen, reparieren und schrauben. An diesem Dienstag folgt das Einzelzeitfahren von Évian-les-Bains nach Thonon-les-Bains. Das sind nur 26 Kilometer entlang des Genfer Sees, was sich nach Einrollen anhört, aber genau das Gegenteil ist. Eine knallharte Belastung, eine halbe Stunde an der Grenze des Erträglichen.Während die Fahrer am Montag zum Kaffee rollen, werden an den Bussen Aerolaufräder sortiert und Zeitfahrräder vermessen. Jedes einzelne muss auf den Millimeter genau auf den Fahrer eingestellt werden. Von den Mechanikern wird an diesem Ruhetag Präzisionsarbeit erwartet. Auch Masseure, Pfleger und Köche haben nicht frei. Die Wäsche muss gewaschen, das Essen vorbereitet, die Fahrer müssen durchgeknetet werden. Der Tour-Tross hält einen Tag lang an. Zur Ruhe kommt er deshalb nicht. Die Fahrer aber genießen ihn. Sie dürfen abends ausnahmsweise ins selbe Zimmer zurückkehren, in dem sie morgens aufgewacht sind. Vorausgesetzt, das Bett steht noch im Zimmer und nicht auf dem Balkon.