Auf dem Balkon schlafen? Klingt eigentlich romantisch, zumal wenn sich die Open-Air-Nächtigung in Frankreich zuträgt, unter funkelnden Sternen zum Grillen-Konzert. Gegrillt fühlte sich in diesem Fall allerdings der Radrennfahrer Tobias Halland Johannessen, nicht ganz freiwillig noch dazu – und hier endet die Romantik auch schon. Der Norweger weilt dieser Tage bei der Tour de France, liegt auf Gesamtrang 14 – und verbreitete unlängst einen Videoclip vom Hotelbalkon, samt zweier verfrachteter Betten. Keine Klimaanlage bei dieser Hitze, so die Botschaft des 26-Jährigen, oder wie er selbst es ausdrückte: „Improvisieren, anpassen, meistern. Das Innere des Hotels: zweifelhaft, das Äußere: wirklich nett.“InstagramDie SZ-Redaktion hat diesen Artikel mit einem Inhalt von Instagram angereichertUm Ihre Daten zu schützen, wurde er nicht ohne Ihre Zustimmung geladen.Ich bin damit einverstanden, dass mir Inhalte von Instagram angezeigt werden. Damit werden personenbezogene Daten an den Betreiber des Portals zur Nutzungsanalyse übermittelt. Mehr Informationen und eine Widerrufsmöglichkeit finden Sie unter sz.de/datenschutz.Vom viel zitierten Leben wie Gott in Frankreich haben Teilnehmer der Tour de France nie viel mitbekommen. Genuss steht traditionell ganz unten auf der Liste der Tour-Organisatoren, schließlich gilt es einen Ruf zu verteidigen, den der härtesten Radrundfahrt der Welt. Und so passt diese Balkon-Posse gut ins Gesamtbild: Die Zwillingsbrüder und Zimmergenossen Tobias und Anders Halland Johannessen übernachten unter freiem Himmel zwischen Insektengesurre? C'est comme ci c'est comme ça. Die Härte der Tour de France endet eben längst nicht mit dem Verlassen des Sattels.Am Donnerstag machten sich die Tour-Peletonisten auf den Weg von Nevers nach Chalon-sur-Saône, die zwölfte Etappe sieht 179 flache Kilometer vor, ehe es zum nächsten Check-in ins nächste Hotel geht. Die Unterkünfte der Fahrer und Betreuer werden den 23 Teilnehmerteams von der Tour-Organisation zugewiesen – und in dieser Hinsicht war aus dem Fahrerlager zuletzt auffällig umfängliche Unzufriedenheit zu vernehmen. Nicht nur die Johannessen-Brüder vom Team Uno-X Mobility taten dies kund, auch die Equipes Alpecin-Premier Tech und Picnic-PostNL hinterlegten Beschwerden über mangelnde Qualität und vor allem: fehlende Klimaanlagen.MeinungRadsport:Die Planer der Tour de France müssen auf die Hitze reagierenDie extreme Hitze dieser Tage war seit Anbeginn der 113. Auflage der Tour ein Reizthema. Berichten zufolge hatte da auch die Mannschaft des Gesamtführenden Tadej Pogacar ein Thema. Demnach übernachtete Team UAE in einem wenig klimatisierten Hotel, behalf sich allerdings mit einem speziellen Kühlungssystem eines Teamsponsors, das wie ein Matratzenbezug über das Bett gespannt wird und nächtliche Kühlung ermöglicht. Keine Beschwerde also von Pogacar und Co. Dafür wurden andere deutlich.Im Hotelzimmer habe es „leicht nach Verwesung“ gerochen, so der dänische Fahrer Magnus Cort Nielsen„Ich wurde zwar nicht von Spinnen gebissen, aber angenehm war es ganz sicher nicht“, teilte Sportdirektor Christoph Roodhooft vom Team Alpecin im Gespräch mit dem belgischen Sender Sporza mit. Er erwarte „einen gewissen Mindeststandard an Qualität, Sauberkeit und Lage“. Der Däne Magnus Cort Nielsen, Teamkollege der Johannessen-Zwillinge, veröffentlichte eine vernichtende Rezension des Hotels, wo sein Team am montäglichen Ruhetag untergebracht war. Es habe dort „leicht nach Verwesung“ gerochen, die „Unterkunft war schmutzig, hatte keine Klimaanlage und kein Wlan. Sie war stark abgenutzt, und viele Dinge waren kaputt, wie zum Beispiel der Toilettenpapierhalter und der Duschkopf“. Immerhin: „Wir hatten den Luxus von trockenem Toilettenpapier.“ Fazit: „Einen von sieben Sternen.“Dass die Tour-Equipes nicht von einem Vier-Sterne-Hotel zum nächsten übersiedeln können, liegt in der Natur der Sache. Logistisch gibt es kaum ein komplizierteres Unterfangen, als alljährlich eine 21 Etappen andauernde Radrundfahrt zu konzipieren. Die Planung einer sogenannten Grand Tours (wie auch des Giro d'Italia oder der spanischen Vuelta), deren Strecken ja mit jeder Auflage neu entworfen werden, gleicht einer logistischen Meisterleistung. Die Tour-Organisation ASO bucht zudem sämtliche Teamhotels und stellt sie bereit. Mannschaften indes sind verpflichtet, in den zugewiesenen Unterkünften zu nächtigen, auch der Fairness halber, um Nachteile für Belegschaften mit kleinerem Budget zu verhindern.Weil sich die Beschwerden zuletzt häuften, ergriff nun auch der Direktor der Tour de France, Christian Prudhomme, das Wort. Die ASO buche für jede Etappe 1850 Hotelbetten und habe daher oft Schwierigkeiten, ausreichend gute Hotels für die Teams zu finden, so Prudhomme. Insbesondere in abgelegenen Gebieten Frankreichs wie dem Zentralmassiv, wo das Peloton zuletzt unterwegs war. Im Gespräch mit dem französischen Radiosender ICI erklärte Prudhomme, dass „alle Teams gleichbehandelt“ würden. Für die Zuweisung behelfe sich die ASO einem sorgfältigen Berechnungssystem. „Am Ende der Tour werden alle Teams die gleiche Anzahl an Hotelsternen haben.“Die Johannessen-Zwillinge jedenfalls saßen am Donnerstag wieder im Sattel. 174 der 184 in Barcelona gestarteten Rennradprofis sind noch dabei auf dem Weg durch die französische Hotelerie-Landkarte. Es werden noch so manche Auberges auf sie zukommen, die man gerne wieder verlässt. Doch die Erfahrenen wissen: Im Zweifel hängen die Sterne nicht an der Herbergsfassade, sondern an der Himmelsdecke eines Balkons.