Die Hamas nimmt den Westen ins Visier – und plante wohl einen zweiten 7. Oktober in EuropaLange gingen Experten davon aus, dass die Hamas bloss eine Gefahr für Israel darstellt. Jüngste Ermittlungen von Athen bis Berlin zeigen jedoch, dass die Islamisten ihren Terror offenbar auch nach Europa bringen wollen.20.07.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenIm Gazastreifen ist die Hamas inzwischen geschwächt.Abdel Kareem Hana / APLange gingen Experten davon aus, dass die Hamas keine Anschläge in Europa plane. Das war offenbar völlig falsch. Anfang Juni, um fünf Uhr morgens, verhaftete eine griechische Spezialeinheit im Touristenort Agios Nikolaos auf Kreta einen 37-jährigen Ägypter palästinensischer Herkunft, der seit kurzem in einem Luxushotel als Elektriker arbeitete. Einige griechische Medien nennen ihn Motasem. In seiner Athener Wohnung fand die griechische Polizei Chemikalien, eine Präzisionswaage und weitere Spezialausrüstung zur Herstellung von Bomben.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Auf die Spur Motasems kamen die Griechen dank einem Hinweis der zypriotischen Polizei. Diese hatte zwei Wochen zuvor in der Nähe von Larnaka zwei Palästinenser verhaftet, die mit Motasem in Kontakt standen. Seither wurde er permanent beschattet. Die Operation trug den Namen «Odin».Die griechisch-zypriotische Zelle plante wahrscheinlich einen Anschlag auf ein israelisches Kreuzfahrtschiff, das regelmässig in Griechenland anlegt und dabei immer wieder Ziel antiisraelischer Proteste wird. Während einer Anlegung ein Jahr zuvor war Motasem gemeinsam mit vier weiteren Palästinensern schon einmal von der Polizei kontrolliert, aber nicht verhaftet worden. Diesen Juni sollte das Schiff abermals Kreta besuchen.Der Fall zeigt, wie planvoll die Hamas inzwischen auf europäischem Boden agiert. Griechenland bot den Terroristen mehrere strategische Vorteile. Mit dem Kreuzfahrtschiff gab es ein bekanntes und aufgrund der Proteste polarisierendes Ziel. Zudem verfügt der Flughafen von Larnaka über eine direkte Flugverbindung nach Beirut, wo viele Hamas-Funktionäre sitzen. Eine Reise dauert gerade einmal 40 Minuten. Einem Mitglied der griechisch-zypriotischen Zelle, einem 38-jährigen Mathematiker, war es ausserdem gelungen, aus dem türkisch besetzten Nordteil der Insel illegal nach Zypern einzureisen.Die Männer schienen bestens vorbereitet gewesen zu sein. Ihr Handwerk lernten sie offenbar in Malaysia. Dorthin waren Motasem und ein weiterer Palästinenser 2025 via Zürich, Katar und Indonesien geflogen, um zu lernen, wie man Bomben baut. Die bisherigen Ermittlungsergebnisse offenbaren eine Form der Organisation in Europa, die Experten der Terrororganisation lange nicht zutrauten.Festnahmen in mehreren europäischen LändernDie Anschlagspläne in Griechenland fügen sich in ein immer bedrohlicheres Gesamtbild ein. Die Zelle um Motasem dürfte nur die Spitze des Eisbergs sein. In den vergangenen Monaten wurden an mehreren Orten in Europa mutmassliche Mitglieder der islamistischen Terrororganisation festgenommen. Eines fällt dabei besonders auf: Die Spuren führen immer wieder nach Deutschland.Laut griechischen Medien hat auch Motasem längere Zeit in Deutschland gelebt. Dass er im Sommer 2023 in Griechenland eingereist war und dort politisches Asyl erhalten hatte, stellte dabei offenbar kein Problem dar. Doch er ist bei weitem nicht das einzige mutmassliche Hamas-Mitglied mit Verbindungen in die Bundesrepublik.Die Bundesanwaltschaft, Deutschlands oberste Strafverfolgungsbehörde, hat seit Oktober letzten Jahres insgesamt neun Männer festnehmen lassen, teilweise in Deutschland, aber auch in Zusammenarbeit mit europäischen Behörden im Ausland: Die Festnahmen reichen von einem dänischen Staatsbürger nahe Kopenhagen im Mai dieses Jahres über Zugriffe an den Flughäfen Berlin-Brandenburg und Larnaka bis hin zu solchen in London, Wien und Berlin.Ein zweiter 7. Oktober in EuropaDer Generalbundesanwalt Jens Rommel geht davon aus, dass die Männer einen Anschlag auf jüdische oder israelische Einrichtungen in Europa planten. Bei ihren Ermittlungen fanden die deutschen Behörden ein vorgefertigtes Bekennervideo. Die Pläne waren offenbar schon so weit gediehen, dass bereits ein konkretes Datum feststand: der zweite Jahrestag des Überfalls der Hamas auf Israel, also der 7. Oktober 2025.Folgt man den Erkenntnissen der Bundesanwaltschaft, ergibt sich das Bild eines Netzwerks, dem es über Monate hinweg gelang, Waffen nahezu geräuschlos quer durch Europa zu verschieben. Im Sommer 2025 sollen auf diesem Wege etwa fünf Pistolen des Typs Glock von Dänemark über Berlin nach Wien gelangt sein. Der dänische Staatsbürger Yousif C. übergab die Waffen in der deutschen Hauptstadt an einen deutschen Mittelsmann, der sie wiederum an den eigens aus Grossbritannien angereisten Mohammed A. weiterreichte. Dieser transportierte die Fracht schliesslich in ein Versteck nach Wien, wo die österreichische Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst das Depot im November letzten Jahres aushob. Insgesamt soll das Netzwerk mindestens 13 Pistolen, ein Sturmgewehr des Typs AK-47 und über 900 Schuss Munition durch Skandinavien, Deutschland und Österreich geschleust haben.Es ist allerdings nicht das erste Mal, dass die Hamas die Bundesrepublik als logistische Drehscheibe nutzt. Erst im Frühjahr wurden in Berlin vier Mitglieder zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Der Prozess offenbarte, dass die Terrororganisation bereits seit geraumer Zeit Waffenverstecke in Europa anlegt – schon lange vor dem 7. Oktober.Schon 2019 begann die Hamas mit der VorbereitungIm Dezember 2023 grub die bulgarische Polizei in einem Wäldchen in der Nähe der Stadt Plowdiw einen Koffer aus. Darin fand sie Waffen und Munition. Die deutschen Behörden waren durch Fotos auf dem Handy des Libanesen Ibrahim el-Rassatmi auf das Versteck gekommen. Er war Teil der vierköpfigen Hamas-Terrorzelle in Berlin, die kürzlich verurteilt wurde.Den Befehl zur Einrichtung von Waffenlagern soll er von der libanesischen Hamas bereits im April 2019 erhalten haben. Weitere Lager wurden auch in Dänemark und Polen angelegt. Die Behörden vermuten aber, dass in der deutsch-polnischen Grenzregion noch weitere existieren.Im Februar 2023, acht Monate vor dem 7. Oktober, erhielt die deutsche Hamas-Zelle aus Libanon den Auftrag, die Waffen nach Deutschland zu schaffen und dort einen Anschlag gegen jüdische, israelische oder amerikanische Ziele vorzubereiten. Laut den Ermittlern kundschafteten sie die amerikanische Militärbasis Ramstein, die israelische Botschaft in Berlin und das Tempelhofer Feld, einen Park in der Hauptstadt, aus.Gute Kontakte zur Führung in LibanonDie Suche nach den Waffendepots gestaltete sich aber schwieriger als gedacht. Mehrmals reisten die Hamas-Mitglieder über die deutsch-polnische Grenze, ausgerüstet mit Rucksäcken, Schaufeln, Stiefeln und Stöcken, und mussten dann erfolglos zurückreisen. Das fiel den deutschen Behörden auf, die schliesslich Mitte Dezember 2023 zugriffen.Die Hamas-Anschlagspläne wurden offenbar von Libanon aus geleitet. Mitglieder der Berliner Zelle reisten nach Libanon, um dort Khalil al-Kharraz, einen ranghohen Kommandanten der Kassam-Brigaden, des militärischen Flügels der Hamas, zu treffen. Kharraz wurde 2023 von der israelischen Armee getötet. Die Beerdigung von Kharraz in Rashidiya, einem mehrheitlich von Palästinensern bewohnten Vorort der libanesischen Stadt Tyros, erwies sich als Goldgrube für die Sicherheitsdienste. Auf den Aufnahmen der Feierlichkeiten sind auch mehrere Mitglieder der Berliner Hamas-Zelle zu sehen.Die Hamas bestreitet bis jetzt jede Verbindung zu den Männern, die in den vergangenen Monaten in Europa festgenommen wurden. Die Vorwürfe seien ein Versuch, «den Ruf der Bewegung zu beschmutzen», liess die Organisation in einer Stellungnahme verlauten. Man beschränke den «Kampf gegen die zionistische Besetzung» ausschliesslich auf Palästina.Israels Unterstützer in Europa im VisierFür den Terrorismusexperten Hans-Jakob Schindler vom Counter Extremism Project, einer Organisation mit Sitz in New York und Berlin, ist diese Darstellung wenig glaubwürdig. Zu eng seien die personellen Verflechtungen zur Führung der Hamas.Laut Medienberichten soll es sich bei dem in London festgenommenen Mann um den Sohn des ranghohen Hamas-Funktionärs Bassem Naim handeln. Naim war im Gazastreifen für Gesundheit sowie Jugend und Sport zuständig. Kürzlich entkam er in Doha knapp einem Angriff Israels.Aus Sicht Schindlers deuten die Aktivitäten vor dem 7. Oktober 2023 darauf hin, dass die Hamas Europa schon länger als ein potenzielles Ziel gesehen habe. Mit dem Verlauf des Krieges im Gazastreifen habe dieses Netzwerk jedoch eine neue Bedeutung erfahren. Die Hamas ist durch den Krieg gegen Israel massiv geschwächt worden. Die Führungsriege ist personell ausgedünnt. Hinzu kommt, dass der Hauptsponsor Iran mit einer schweren Wirtschaftskrise kämpft und die Hamas nicht mehr wie früher finanziell unterstützen kann.Die Hamas könnte darauf mit einer neuen Strategie reagieren. «Die Schwäche der Hamas ist kein per se gutes Signal für Europa», sagt Schindler. Terrororganisationen benötigten Öffentlichkeit, um ihre politischen Ziele zu verbreiten. Sie müssten ihre Relevanz beweisen – insbesondere dann, wenn sie wie die Hamas in ihrer Heimat mit Problemen konfrontiert seien.Das zynische Kalkül könnte lauten: Während man sich inzwischen an die Gewalt im Nahen Osten gewöhnt hat, würde ein Anschlag in einer europäischen Metropole oder ein Angriff auf ein Kreuzfahrtschiff im Mittelmeer Schlagzeilen garantieren. Staaten wie Deutschland oder Österreich, die als Unterstützer Israels gelten, könnten durch Terror im eigenen Land politisch unter Druck gesetzt werden.Die Spuren von Athen über Berlin bis nach Wien zeigen deutlich, dass Europa für die Hamas mehr ist als ein Rückzugsraum zum Spendensammeln. Der Kontinent muss sich darauf einstellen, dass die Terrororganisation bereit ist, den Nahostkonflikt auch auf europäischem Boden auszutragen.Passend zum Artikel