Buchhandlungen des Widerstands: wie Adrienne Monnier und Sylvia Beach gegen die deutsche Besetzung kämpftenJames Joyce, André Gide, Ernest Hemingway: Sie verkehrten in den Buchhandlungen der Rue de l’Odéon in Paris. Uwe Neumahr erzählt von Literatur und Exil im Paris des Zweiten Weltkriegs.Cord Aschenbrenner20.07.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenJames Joyce im Gespräch mit Sylvia Beach, der Inhaberin der Buchhandlung «Shakespeare and Company», und Adrienne Monnier.Gisèle Freund / Time & Life Images / GettyÜber Buchhandlungen wird selten geschrieben. Der Romanist und Bestsellerautor Uwe Neumahr hat es getan und erzählt die Geschichte zweier Pariser Buchhandlungen vom Ende des Ersten Weltkriegs bis in die vierziger Jahre – Buchhandlungen, die man ohne journalistische Übertreibung als legendär bezeichnen kann.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Sie lagen seit 1921 einander gegenüber, in der Rue de l’Odéon im 6. Arrondissement auf dem linken Seineufer. Im Haus Nummer 7 hatte die Französin Adrienne Monnier 1915 «La Maison des Amis des Livres», «Das Haus der Bücherfreunde», gegründet. Sechs Jahre später eröffnete Sylvia Beach, eine in Paris lebende Amerikanerin aus Baltimore, ihr Geschäft mit dem zugkräftigen Namen «Shakespeare and Company» im Haus Nummer 12.Beide wurden rasch zum Treffpunkt einer eigenen Literaturszene. Einmal der französischen, was heisst: der in Paris lebenden Schriftsteller, die bei den noblen «Amis des Livres» verkehrten. Und der in Paris lebenden amerikanischen Intellektuellen, die sich bei «Shakespeare and Company» tummelten.Hemingway, der in Paris zum Schriftsteller wurde, war einer der Stammkunden der Buchhandlung von Sylvia Beach und auch ihr persönlicher Freund. Eigentlich hatte sie in New York eine französische Buchhandlung gründen wollen. Aus Geldmangel wurde es dann eine Buchhandlung für amerikanische Expats in der französischen Hauptstadt, lange bevor die ersten Exilanten kamen.Salon der AvantgardeParis war Sylvia Beach, der Tochter eines weltläufigen presbyterianischen Reverends, seit einem längeren Aufenthalt in ihrer Jugend vertraut. Mitten im Ersten Weltkrieg war sie nach Europa zurückgekehrt, hatte in Serbien für das Rote Kreuz gearbeitet und dann beschlossen, ihren langgehegten Traum einer Buchhandlung zu verwirklichen. Einen Traum mit durchaus festem Fundament, denn in Paris lebten nach dem Krieg 20 000 bis 25 000 Angloamerikaner.Dreitausend Dollar von Beachs Mutter zur weiteren Stabilisierung des Erträumten taten das Übrige. Adrienne Monnier und Sylvia Beach kannten sich seit 1917, in diesem Jahr wurde der Keim zur späteren «Odéonie» gelegt – so, liebevoll und ein wenig spöttisch, wurde diese Zusammenballung von Literatur und Kultur in einer Strasse später von Eingeweihten genannt.Die beiden Frauen verband nicht nur die Leidenschaft für die Literatur und die Kultur Frankreichs, sondern bald auch die Liebe zueinander. Monnier, deren leicht gravitätische Erscheinung die amerikanische Journalistin Janet Flanner mit der einer Äbtissin verglich, interessierte sich vor allem für zeitgenössische französische Literatur. Die Bücher, die bei ihr zu kaufen waren, las sie erst einmal selbst. Sie mussten bestenfalls soeben erschienen sein und ihren Ansprüchen genügen.Schon bald nach der Eröffnung der Buchhandlung gab es die ersten Lesungen von Guillaume Apollinaire, Louis Aragon, André Breton und Paul Valéry. André Gide und Paul Claudel, einst Freunde, dann verkracht, verkehrten in Adrienne Monniers Geschäft, wenn auch nicht zur gleichen Zeit. Mehr und mehr wurde ihr Haus zum literarischen Salon, in dem sich literarische und kulturelle Avantgarde und längst etablierte Schriftsteller trafen und austauschten.Verlorene GenerationTrotz ihrem rasch wachsenden Ruhm, beflügelt auch durch «Le Navire d’Argent», die von ihr gegründete Literaturzeitschrift, verlor Monnier nicht die Bodenhaftung. Ihre Buchhandlung war auch eine Leihbücherei, die es nicht so betuchten Kunden ermöglichte, Bücher vor dem möglichen Kauf zu lesen. Auf der anderen Strassenseite ging bei Sylvia Beach die Lost Generation ein und aus: die jungen amerikanischen Schriftsteller, die zum Teil im Krieg gewesen waren und sich in ihren Pariser Jahren frühen Ruhm erschrieben: F. Scott Fitzgerald, Sherwood Anderson, T. S. Eliot, Ezra Pound, John Dos Passos.Sylvia Beach betrieb nicht nur ihre Buchhandlung, sondern verlegte auch Bücher. Eine verlegerische Grosstat machte sie 1922 weltberühmt: die Veröffentlichung von James Joyces Roman «Ulysses». Nach der elften Auflage des umstrittenen, vor allem für amerikanische Leser moralisch höchst zweifelhaften Buchs entfremdeten sich Beach und Joyce Anfang der 1930er Jahre voneinander. Die kleine Verlagsbuchhandlung war dem nun weltberühmten Iren nicht mehr gut genug.Uwe Neumahr malt ein farbiges Bild der Pariser Zwischenkriegszeit und der Zirkel um die beiden Buchhändlerinnen. Er erzählt einfühlsam und mit Sympathie für die beiden Frauen, deren Beziehung zum Kummer Sylvia Beachs 1936 endete. Adrienne Monnier hatte sich in die später weltberühmte Fotografin Gisèle Freund verliebt, eine in Paris im Exil lebende deutsche Jüdin.Ihr Schicksal und das weiterer deutscher Flüchtlinge, wie Walter Benjamin, Siegfried Kracauer und Arthur Koestler, bildet den Hintergrund von Neumahrs eindrücklicher Schilderung der Jahre der deutschen Besetzung. Sylvia Beach verschleppten die Deutschen 1942 in ein Internierungslager, Adrienne Monnier unterstützte die Résistance und half ihren verfolgten deutschen Freunden.Beide Buchhandlungen überstanden unter Mühen den Krieg. Ein uniformierter amerikanischer Kriegsberichterstatter namens Ernest Hemingway, der sie nicht vergessen hatte, befreite die Besitzerinnen im August 1944 mehr oder weniger persönlich von den Deutschen. Literatur, Krieg, Flucht und die Liebe zweier unbeugsamer Frauen – in guten Buchhandlungen steckt eine Welt, das zeigt Uwe Neumahr eindrücklich.Uwe Neumahr: Die Buchhandlung der Exilanten. Paris 1940: Zuflucht und Widerstand. Verlag C. H. Beck, München 2026. 320 S., Fr. 39.90.Passend zum Artikel