Gemeinschaft light: Wir wünschen Zugehörigkeit, bis jemand an unsere Wohnungstür klopftNachbarschaft wird am liebsten per Whatsapp gepflegt und zum Arbeiten zieht es viele in den Coworking-Space statt ins Büro: Die Menschen sehnen sich nach einem Miteinander ohne Verpflichtung. Doch funktioniert eine Gemeinschaft, die zum Konsumgut wird?19.07.2026, 05.30 Uhr8 LeseminutenNachbarschaft scheint heutzutage dann am schönsten, wenn man möglichst nichts dazu beitragen muss.Maskot / GettyManche Wörter sind schon vor den Reden zum 1. August so weich gekaut, dass sie jeden Geschmack verloren haben und man ihnen eine semantische Auszeit gönnen möchte. «Gemeinsinn» gehört dazu, auch «Zusammenhalt» oder «sozialer Kitt». Für diese Begriffe kann man immer plädieren, niemand wird je etwas dagegen einwenden. Wir reden uns Gemeinschaft schön, während sie uns gleichzeitig in den Händen zerrinnt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.So wie an einem dieser wunderbar lauen Abende Anfang Juli. Kaum hatte die Hitze die Stadt aus ihrem Würgegriff entlassen, wurde die Nachbarschaft zu einer einzigen langen Tafel. Eiswürfel klirrten in den Gläsern, leises Lachen hallte von den Hauswänden, die Stimmung am Tisch war so unverschämt leicht wie die Kleider an den Körpern der Zufallsgemeinschaft. Bis sich spät am Abend eine Molltonart in den Sommernachtstraum einschlich. Am Tisch versuchte man ihn zunächst zu ignorieren wie eine lästige Fliege: «Wo bleibt eigentlich die ältere Frau im zweiten Stock?», fragte eine Nachbarin mit Blick auf die geschlossenen Fensterläden. «Ich habe sie schon lange nicht mehr gesehen», bemerkte die Organisatorin des Umtrunks und schenkte beflissen nach: «Sie hat die Haus-Whatsapp auch bekommen, offenbar ist sie lieber allein.» Sie lebe seit einer geraumen Weile ganz zurückgezogen, wusste eine andere, man sehe sie kaum mehr ein- und ausgehen. Worauf der Mieter, der am längsten im Haus wohnt, sein Glas auf den Tisch stellte und sagte: «Jemand sollte mal hochgehen und klingeln.»Verbundenheit ohne VerbindlichkeitDer Vorschlag war so naheliegend wie folgenschwer: Nicht nur weil das laute Schweigen am Tisch die Bullerbü-Stimmung im Gemeinschaftsgarten trübte, sondern auch weil manch eine und einer am Tisch wohl dasselbe gedacht hatte, ohne es auszusprechen. Jedenfalls verwandelte sich Nachbarschaft plötzlich von etwas, das man geniessen konnte, in etwas, um das man sich kümmern sollte. Was, wenn es der Frau im zweiten Stock nicht gutginge? Wollten wir das wirklich so genau wissen? Würde sie dann nicht Unterstützung erwarten? Hilfe gar? Es könnte allerdings auch sein, dass die Abschottung selbst gewählt ist und sie einfach ihre Ruhe will. Wäre das Klingeln dann nicht ein Eingriff in die Privatsphäre? Übergriffig gar, wie jemand am Tisch zu bedenken gab?Übergriffig – mit diesem Adjektiv war der verbale Schutzschild des herrschenden Zeitgeists gezückt und der Abend zu Ende: Man trank aus, räumte die Gläser weg und verabschiedete sich, ohne im zweiten Stock zu klingeln. Die eigene Befindlichkeit, das Unbehagen an dem, was man dort antreffen könnte, tarnte man mit dem ultimativen Akt des Schutzes der Privatsphäre.Der Abend war ein Paradebeispiel für das Gemeinschaftsparadox, das in der modernen Gesellschaft weit verbreitet ist: Zwar zelebriert man gern die Idee einer lebendigen urbanen Nachbarschaft, die wärmt, auffängt und das Gefühl von Zugehörigkeit schenkt. Doch sobald diese Gemeinschaft eine konkrete, potenziell unangenehme Handlung verlangt, weicht man zurück. Jede Form ungefragter Fürsorge wird als Grenzverletzung interpretiert. Jede soziale Pflicht als Bedrohung der sorgsam kuratierten mentalen Hygiene.Der Konflikt zwischen dem Wunsch nach Verbundenheit und dem Widerwillen gegen feste Verbindlichkeit lässt sich nicht nur anekdotisch erzählen, sondern empirisch untermauern: Zwar gibt in der Schweiz, deren politische und gesellschaftliche Identität auf dem Milizsystem beruht, jeder zweite Einwohner an, sich freiwillig in der Nachbarschaft oder in einem Verein zu engagieren. Das ist laut den neusten internationalen Statistiken nach Norwegen die höchste Rate Europas. Doch vorab die Bereitschaft, sich langfristig und verbindlich für ein Amt zu verpflichten, geht laut dem Freiwilligenmonitor 2025 zurück. Die Autoren orten denn auch nicht unbedingt eine Krise der Freiwilligenarbeit, sondern einen fundamentalen Wandel: So werde der Wunsch nach zeitlicher Flexibilität bei allen Altersgruppen grösser, vorab bei den Jüngeren hülfen zwar viele gerne einmal spontan bei der Organisation eines Festes mit oder spendeten für Flutopfer, scheuten aber langfristige und verbindliche Engagements in Gremien.Genau dort, wo aus Spass Verpflichtung wird, kollabiert das System: Für rund 40 Prozent der Schweizer Sportvereine ist der Mangel an ehrenamtlichen Führungskräften mittlerweile existenzbedrohend. Es fehlt nicht an Mitgliedern, sondern am Kassier, an Turnier-Chauffeuren, an der Vereinspräsidentin oder dem Aktuar. Das Vereinsleben wird geschätzt, solange es bloss konsumiert werden kann.Nachbarschaft als KonsumgutDie logische Konsequenz daraus ist die «Mitgliedschaft light». Der Schweizerische Turnverband (STV) wird sie Anfang 2027 zum ersten Mal anbieten und hofft, damit eine Antwort auf den gesellschaftlichen Wandel des Engagements gefunden zu haben. Die neue Mitgliedschaft richtet sich an Hobbysportler, die Vereinsstrukturen unterstützen möchten, aber nicht an Wettkämpfen teilnehmen und keine Verpflichtungen eingehen wollen.Ab und zu ein zweckloses Treffen unter Nachbarn geht gerade noch so knapp, aber bitte nicht mehr!Digital Vision / Maskot / GettyAls «Nachbarschaft light» könnte man auch das präferierte Zusammenleben von Schweizerinnen und Schweizern in ihren Häusern, Strassen und Quartieren bezeichnen: Rund zwei Drittel der Bewohner setzen auf Abstand und Diskretion. Laut der ersten grossen Nachbarschaftsstudie des Gottlieb-Duttweiler-Institutes vom August 2022 möchten sie weder gestört werden noch zur Last fallen. Geteilt wird das Minimum. Eine Waschmaschine kauft man sich trotz gemeinschaftlicher Waschküche selbst. Alles, was über einen Gruss oder ein wohlwollendes Nicken hinausgehe, so schreiben die Autoren, werde als lästig empfunden. Im Notfall helfe man sich zwar durchaus und ab und zu schätze man auch ein zweckloses Treffen. Aber an der Tür klingle man nur, wenn es wirklich nicht anders gehe. Nur gerade 14 Prozent der Bevölkerung wollen die Beziehungen im Haus aktiv pflegen und wünschen sich ein freundschaftliches Verhältnis.Wir Schweizerinnen und Schweizer sitzen also gern um ein Lagerfeuer, solange wir das Holz dafür nicht hacken müssen und schnell verschwinden können, wenn der unangenehme Rauch in unsere Richtung zieht. Gerade so, als seien Verpflichtungen und Unannehmlichkeiten Fehler oder Schwachstellen einer Gemeinschaft. Dabei sind sie der Eintrittspreis. Support und Autonomieverlust, Heimatgefühl und Verbindlichkeit sind Kehrseiten derselben Medaille.Hat die individualisierte und digitalisierte Gesellschaft schlicht vergessen, dass es das eine ohne das andere nicht gibt?Der Mann, der diese Frage am besten beantworten kann, weil er sie sich in seinem Buch «Krise der Imagination» selber gestellt hat, heisst Roland Reichenbach und ist Professor am Erziehungswissenschaftlichen Institut der Universität Zürich. Er sagt: «Seit mit der Aufklärung die Idee eines autonomen, selbstbestimmten Lebens aufgekommen ist, prägt der Widerstreit zweier Tugenden das moderne Dasein – auf der einen Seite ist da unser Streben nach Autonomie, auf der anderen die Einsicht unserer fundamentalen Abhängigkeit von Mitmenschen.» Es gelte, eine Balance zu finden. Doch heute tue man oft so, als existierten die Menschen als isolierte Atome. So klopfe man nicht an die Tür der Nachbarin, weil sie vielleicht Hilfe brauche oder ungehalten reagiere, und maskiere diesen Selbstschutz als Rücksichtnahme. Oder man betreibe eine Identitätspolitik, die nur noch die Differenz betone. «Das Pochen auf das eigene Recht trennt immer. Der Gemeinsinn hingegen transzendiert das Recht. Er fragt nicht nur nach Paragrafen oder Konventionen, sondern danach, was wir miteinander zu tun haben, was uns allen Unterschieden zum Trotz verbindet.»Der sechste Sinn verkümmertReichenbach ist kein Mann, der schwarzmalt. Er bezeichnet sich selber als «fröhlichen Pessimisten» und will keine soziologische Verfallsgeschichte erzählen. So begrüsst er die Vorteile einer individualistischen Gesellschaft, die sich von kirchlichen und familiären Konventionen gelöst hat und die Unabhängigkeit des Einzelnen hochhält. Gleichzeitig ist er überzeugt, dass der «sensus privatus» den Menschen zwar helfe, sich zu emanzipieren und sich temporär von der Gemeinschaft zu distanzieren, letztlich aber eine Illusion sei: «Privatsinn ist radikal zu Ende gedacht Eigensinn – und Eigensinn im extremen Mass ist eigentlich Unsinn. Kein Mensch ist souverän; wir sind alle fundamental abhängig von anderen. Jede Form des Zusammenlebens aber braucht den Gemeinsinn, den ‹sensus communis›, der fragt: Wie sieht die Welt aus der Perspektive des anderen aus?»Das Problem ortet Reichenbach denn auch nicht in einem Mangel an Gemeinschaftswillen, sondern in der allgegenwärtigen Vermeidung von Friktion in der digitalisierten und polarisierten Gesellschaft. Ohne Reibung, ohne Konfrontation mit anderen Perspektiven, Denkweisen und Weltbildern, fehle dem Menschen die Imaginationskraft, um Gemeinsinn zu entwickeln.Nicht umsonst gilt der Gemeinsinn schon seit den alten Griechen als sechster Sinn. Für die politische Philosophin Hannah Arendt fügt dieser die subjektiven Empfindungen der anderen Sinne, also das Gehörte, Gesehene, Gefühlte, Gerochene und Geschmeckte, erst in eine geteilte Realität ein und sorgt dafür, dass wir uns mit anderen über eine gemeinsame Welt verständigen können. Trainiert der Mensch den Gemeinsinn nicht wie einen Muskel, verkümmert er.Früher brauchte man diesen Muskel täglich, ja man konnte dem Training gar nicht ausweichen. Wer auf kleinem Raum in Grossfamilien aufwuchs, wurde mit Gemeinsinn imprägniert. Rücksicht und Nachsicht waren so selbstverständlich wie Reibung. Doch heute kann, wer in einem Einzelhaushalt lebt – und das tun 1,3 Millionen Schweizerinnen und Schweizer –, problemlos durch den Tag kommen, ohne mit einer einzigen Menschenseele analog in Kontakt zu treten. Den Kaffee holt man sich morgens am Starbucks-Automaten im Kiosk, das Ticket löst man mit der SBB-App, und im Zug sitzt ­ausserhalb der Stosszeiten jeder am liebsten allein in einem Viererabteil. Mit Kopfhörern auf den Ohren. Der App-Alltag ist individuell, flexibel, unverbindlich. Emotionen und Konfrontationen begegnet man höchstens in Form eines Emojis. Fremde Weltbilder hat der Algorithmus längst aussortiert.Demokratie als DienstleistungMit dem analogen Kontakt verschwindet aber sozusagen das Fitnessstudio für die Schärfung des Gemeinsinns. Man loggt sich ein, konsumiert und loggt sich wieder aus: in die Lebensmittelgeschäfte, die selbstverständlich ins Haus liefern, an die Universitäten, die Präsenzpflicht abgeschafft haben, an die Arbeit, wo das Home-Office fast überall selbstverständlich ist. Nur: Wie sollen etwa Studierende, so fragt sich Reichenbach, ohne hitzige Debatten in Seminaren, ohne gemeinsames Bier danach über ihren Tellerrand blicken lernen? Wie sollen sie Gemeinsinn und Möglichkeitssinn entwickeln? «Die Allgegenwart von Bildschirmen ist ein Frontalangriff auf unsere inneren Bilder. Wir müssen das Analoge mit aller Kraft verteidigen. Um den Alltag zu überleben, braucht man einzig Realitätssinn. Aber um politisch zu denken, braucht es den Möglichkeitssinn. Heute fehlt uns diese visionäre Kraft.»Und so verhalten wir uns auch als Staatsbürger als seien wir Kunden an einem Buffet, wie «Die Zeit» kürzlich monierte. Der aktive Bürger habe sich zum Konsumenten von Politik entwickelt. Als solcher delegiert er die Verantwortung für alles, was schiefläuft, nach oben. Die Dorfgemeinschaft etwa gehört zum Schweizer Selbstbild wie die Kuh zur Landschaft. Man schätzt, pflegt und verteidigt sie. Doch trotz aller Liebe bekunden kleine Gemeinden immer grössere Mühe, den Gemeinderat, geschweige denn das Präsidium zu besetzen. In der Stadt soll die Regierung gefälligst die Wohnungsnot lösen, aber bitte, ohne dass man an den eigenen Rendite- oder Quadratmeteransprüchen rütteln müsste. Kollektiv klagt man über die aktuellen Hitzewellen, tut sich aber privat schwer mit Einschränkungen und Verzicht im Namen des Klimas. Denn: Was kann man alleine schon ausrichten?Natürlich, die Welt rettet niemand im Alleingang. Aber Gemeinsinn bedeutet auch, die eigene Ohnmacht nicht als wohlfeile Ausrede für alles zu missbrauchen. Demokratie und Gemeinschaft gehören zu den Dingen, die man sich nie wird in den Warenkorb laden können. Man muss sie leben, gestalten – und manchmal auch einfach aushalten.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel