Nachbarn sind im Grenzbereich des Seins angesiedelte Wesen, die an und für sich niemand braucht.

Als die Erde noch wüst war, war er nicht da: der grillende Nachbar

Eine absehbare Folge der weltweiten Veränderungen von nahezu allem ist, dass wir mehr Nachbarn haben werden. Also Menschen, deren Nähe sich eher aus den Umständen ergibt, als dass man sie sich ausgesucht hätte. Und zwar überall: im Haus, auf der Straße, im Supermarkt, beim Internisten oder im Fahrstuhl, der aus technischen Gründen ein so nicht geplantes längeres Spontanpäuschen für seine fünfzehn engtanzähnlich mit den Weichteilen bereits aneinander festbackenden Insassen einlegt, und zwar exakt zwischen der sechsten und der siebenten Etage, so dass man auch bei gewaltsam geöffneter Fahrstuhltür weder in die eine Etage nach oben noch in die andere nach unten dem Kennenlernerlebnis entkriechen kann.

Der Nachbar, so stünde es, wenn es ihn noch gäbe, im Brockhaus (Band Li bis Nö), ist ein „Lästling im Nahbereich“. Das ist knapp, doch nur scheinbar präzise, weil es den Sachverhalt unzulässig verkürzt. Denn wieso nur im „Nahbereich“?

Potenziell ist jeder ein Lästling, der sich innerhalb eines Umkreises von, sagen wir, einer Tagesreise, aufhält. Die „Tagesreise“ ist in diesem Zusammenhang ein sehr schönes Maß, weil es nicht auf die Entfernungskilometer abstellt, die je nach benutztem Verkehrsmittel unterschiedlich schnell zu überwinden wären, sondern auf die hier allein maßgebliche noch zu erwartende Dauer der belästigungsfreien Zeit. Morgens aufstehen und wissen, frühestens am Abend könnte jemand Störendes am Horizont erscheinen – das ist eine Vorwarnzeit, die ihren Namen verdient.