Der Kampf um den Kühlschrank: wer vom Boom der Vitaminwasser wirklich profitiertAroma-Sirups, Protein-Eistees und Limonaden für den gesunden Darm: Getränkehersteller erfinden einen Trend nach dem anderen. Doch mit jeder neuen Idee wächst auch die Macht der Detailhändler.19.07.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenQual der Wahl: Die Getränkeindustrie wirft immer neue Produkte auf den Markt.Hans-Jörg Walter / NZZaSPuristen haben es gerade nicht leicht. Die Konsumgüterindustrie hat Gefallen daran gefunden, allem etwas hinzuzufügen. Schokolade mit Matcha. Caramel mit Salz. Mayonnaise mit Paprika. Auch dem Wasser werden heute allerlei Aromen beigemischt. Mal schmeckt es nach Gurke, mal nach Kaktus oder, warum auch immer, nach salzigem Apfel.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Im Getränkeregal der Supermärkte steht gefühlt jede Woche eine neue Sorte. Gleich daneben wartet die nächste Evolutionsstufe: die funktionalen Wasser. Sie liefern Vitamine für das Immunsystem, Elektrolyte nach dem Sport oder Darmkulturen für die Verdauung.Noch sind diese Wässerchen ein Nischenmarkt. Doch sie wachsen schneller als jede andere Getränkekategorie. Während die klassischen Softdrinks wie Coca-Cola oder Fanta seit längerem an Absatz verlieren, haben aromatisierte Wasser laut einer Marktanalyse von Swissdrink im vergangenen Jahr um mehr als 8 Prozent zugelegt.Das Wachstum folgt dem Zeitgeist, der einen gesunden Lebensstil ins Zentrum stellt. Doch hinter den vielen neuen Flaschen und Dosen spielt sich noch ein ganz anderer Wettbewerb ab.Die Hersteller denken sich immer schneller neue Getränke aus, um ja keinen Trend zu verpassen. Doch je mehr Produkte sie auf den Markt bringen, desto härter wird der Kampf um den Platz im Supermarkt.Focuswater bringt Wachstum für RivellaWer verstehen will, weshalb Wasser heute nach Kaktus schmeckt oder beim Muskelaufbau helfen soll, ruft am besten Silvan Brauen an. Seit fünfzehn Jahren arbeitet er bei Rivella, dem inoffiziellen Schweizer Nationalgetränk, seit drei Jahren ist er Co-Geschäftsführer.Früher, sagt Brauen, sei der Markt übersichtlich gewesen: hier die Erfrischungsgetränke, dort die Fruchtsäfte, daneben das Mineralwasser. Heute lösen sich die alten Kategorien auf. Wasser wird mit Vitaminen angereichert, Fruchtsaft mit Koffein versetzt. «Funktionalität ist das magische Wort», sagt Brauen. Kein Getränk soll heute nur ein Getränk sein.Rivella baut in diesem Bereich mit Focuswater aus. Seit Rivella die Marke im Jahr 2019 übernommen hat, steigen die Verkäufe jedes Jahr im zweistelligen Prozentbereich. In Rothrist investierte das Unternehmen jüngst 16 Millionen Franken in eine eigene Abfüllanlage.Im Supermarkt konkurriert Focuswater mit Vitaminwell aus Schweden, Vitaminwater von Coca-Cola, dem High-Protein-Wasser von Emmi und einer Vielzahl kleiner Marken, die kommen und wieder verschwinden. Gemeinsam haben die meisten Produkte ihre Zutatenliste: Wasser, Vitamine, Aromastoffe und – je nach Sorte – Zucker oder Süssungsmittel.Dass sie gesünder wirken sollen als klassische Softdrinks, gehört zur Marketingstrategie. Dass sie es nicht immer sind, zur Realität.Rivella Gelb war ein FlopWie schnelllebig der Getränkemarkt geworden ist, zeigt die Geschichte von Rivella selbst. Als das Unternehmen im Jahr 1999 die Klassiker Rot (mit Zucker) und Blau (mit Süssstoff) um eine grüne Version (mit Grüntee-Extrakt) ergänzte, war das landesweit ein Ereignis. Danach blieb es lange ruhig. Erst 2008 folgte eine weitere Sorte: Rivella Gelb auf Sojabasis. Doch der Markt war damals nicht bereit dafür. Das Getränk floppte.Als Rivella Gelb vor zwei Jahren erneut lanciert wurde, sah es anders aus. Nun traf das Getränk auf Konsumenten, die für neue Rezepturen offener geworden sind. Rivella hat das verstanden. Allein in den vergangenen zehn Jahren brachte das Unternehmen acht weitere Geschmacksrichtungen auf den Markt – darunter ein zuckerfreies Rivella mit Pfirsichgeschmack in der Aludose, das als Limited Edition gedacht ist. «Wir haben uns von der Idee gelöst, dass Innovationen für immer bleiben müssen», sagt der Geschäftsführer Brauen.Doch warum dieser Drang zu immer neuen Getränken? Brauen verweist auf die Kundschaft. Die regelmässigen Käufer von Rivella Rot und Blau würden älter. «Und den Jungen muss man heute nicht mehr mit den alten Skihüttengeschichten kommen.» Wer im Gespräch bleiben wolle, müsse laufend Neues bieten. «Sonst bist du raus.»Getränke aus dem Migros fotografiert im Juli 2026