Jens Spahn hat ein untrügliches Gespür für den richtigen Moment. Am Samstag trat er als Vorsitzender der Unionsfraktion zurück, per Brief an die Abgeordneten, mit einer Begründung, die so menschlich ist, dass jede Kritik daran sofort herzlos wirkt: Das persönliche Glück, mit seinem Mann eine Familie zu gründen, sei mit dem Amt nicht vereinbar. Der Vater geht, der Politiker bleibt in Deckung. Ein eleganter Rückzug für jemanden, gegen den seit Monaten schwere Vorwürfe erhoben werden und mehrere Kampagnen laufen.

Die Empörung der Union bleibt dabei echt und sie ist auch berechtigt. Ein CDU-Parteitag, der im Februar das Verbot der Leihmutterschaft bekräftigt – und ein Fraktionschef, der zu diesem Zeitpunkt längst weiß, dass er selbst per Leihmutter in den USA Vater wird. Das können Abgeordnete ihrem Vorsitzenden nicht durchgehen lassen. Und es widerspricht eben auch fundamentalen Überzeugungen großer Teile der Partei und noch größerer Teile der Wählerschaft.

Spahn musste wissen: Rücktritt war unvermeidlich

Niemand muss unterstellen, Spahn habe diese Krise inszeniert. Aber ein Mann, der seine Partei so gut kennt wie kaum ein Zweiter, wusste, was die Leihmutterschaft in der Union bedeutet. Er wusste, dass ein Verbleib an der Fraktionsspitze nach Bekanntwerden unmöglich sein würde. Vielleicht wollte er seinen Posten sowieso aufgeben, aber es sollte nicht nach Niederalge aussehen. Vielleicht will er sich für die Zukunft in Sicherheit bringen. In jedem Fall hat er es darauf ankommen lassen. Wer sehenden Auges in den unauflösbaren Konflikt geht, hat den Ausgang einkalkuliert und was für ein Ausgang: eine Entschuldigung, gegen die niemand polemisieren kann, ohne sich selbst zu beschädigen, und eine Rückkehroption noch dazu.