Nachdem es in der Union wegen der Entscheidung von Jens Spahn (CDU) für eine Leihmutterschaft rumort, kommt das CDU-Präsidium am Montag um elf zu seiner nächsten regulären Sitzung zusammen und dürfte sich dann auch mit dem Fraktionschef befassen. Das hatte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) bereits zuvor angekündigt.Er sehe nicht, dass an der geltenden Rechtslage „Änderungen vorgenommen werden sollen“, sagte Merz am Freitag bei einer Pressekonferenz in Brühl. „Und alles Weitere werden wir in der nächsten Sitzung des Präsidiums der CDU Deutschlands besprechen.“ Ihm sei bewusst, dass das Thema „in seiner ganzen Dimension menschlich, juristisch, gesellschaftlich, ethisch“ sehr viele Menschen aus diesem aktuellen Anlass bewege, fuhr der Kanzler fort.An der Präsidiumssitzung werde Spahn nach Angaben einer Fraktionssprecherin auch teilnehmen, die in der Regel von Parteichef Merz geleitet wird. Spahn ist seit dem Parteitag im Februar nicht mehr Mitglied in dem Gremium – er nimmt an den Sitzungen in der Regel aber trotzdem als Fraktionschef teil.Spahn und sein Ehemann Daniel Funke hatten am Mittwoch bekannt gegeben, dass sie Eltern geworden sind. Eine Leihmutter in den USA brachte das Baby zur Welt. Spahn äußert sich erstmals Spahn selbst äußerte sich nach Rücktrittsforderungen – auch aus seiner eigenen Partei – am Freitag erstmals selbst: Im Podcast „Ronzheimer“ sagte er: „Am Ende kann ja nur die Fraktion darüber entscheiden, wie es weitergeht.“Am Ende kann ja nur die Fraktion darüber entscheiden, wie es weitergeht.Jens Spahn (CDU)Im Podcast sagte Spahn, er habe lange mit sich gerungen, was das Thema Leihmutterschaft angeht. „Aber eben über dieses Ringen und sich mit dem Thema beschäftigen, haben wir uns für diesen Weg entschieden.“ Spahn betonte, dass sein Vorgehen legal gewesen sei.Gleichzeitig räumte der Fraktionschef ein, dass die Leihmutter in den USA bereits schwanger gewesen sei, als das Thema Leihmutterschaft auf dem CDU-Parteitag im Februar besprochen wurde. Die Partei hatte sich damals gegen eine Legalisierung in Deutschland ausgesprochen, Spahn hatte sich in der Vergangenheit ebenfalls ablehnend zum Thema geäußert. „Das ärgert mich im Nachhinein auch, wenn Leute sagen: ‚Warum hat er da nicht was gesagt?‘“, sagte er. „Ich hätte es tun sollen im Nachhinein.“ Rücktrittsforderung von Mitglied des Bundesvortands Spahns Entscheidung hatte breite Kritik hervorgerufen, auch in der eigenen Partei. Der Chef des CDU-Landesverbands von Mecklenburg-Vorpommern, Daniel Peters, forderte Spahns Rücktritt. „Jens Spahn ist als Vorsitzender der Unionsfraktion nicht mehr tragbar und muss zurücktreten“, sagte Peters am Freitag der „Bild“-Zeitung.„Mit einer Leihmutterschaft in den USA hat Spahn sich in voller Absicht über in Deutschland geltendes Recht hinweggesetzt“, sagte der CDU-Landeschef weiter. „Zudem nimmt er für sich in Anspruch, als Privatperson ganz anders handeln zu können, als er als CDU-Mandatsträger abstimmt. Das geht überhaupt nicht.“ Neben dem Landesvorsitz und dem Amt als Fraktionschef im Schweriner Landtag ist Peters Mitglied im Bundesvorstand der CDU.Spahn sagte im Podcast, er kenne es „als Christ“, dass „das eine die reine Lehre ist und das andere das echte Leben. Und dass das manchmal kein Schwarz und Weiß hat und keine einfachen Entscheidungen.“ Er akzeptiere, dass die große Mehrheit seiner Partei und seiner Fraktion anders auf das Thema blicke als er. Gleichzeitig wolle er nun den Weg, den er in den vergangenen zehn Jahren bei der Abwägung zur Bewertung von Leihmutterschaft gegangen sei, in die Debatte einbringen.Trotz seiner geänderten Haltung akzeptiere er aber den Mehrheitsbeschluss seiner Partei und werde als Parlamentarier auch in Zukunft keiner Änderung der Rechtslage zustimmen. „Ich kann nicht von meiner Fraktion Fraktionsdisziplin verlangen und dann nicht danach handeln“, sagte er. Kritik von vielen Seiten Nicht nur Peters, auch die Landesvorsitzende der Frauen Union Mecklenburg-Vorpommern, Chris Günther, forderte den Parteikollegen zum Rücktritt auf, „um weiteren Schaden von der Union abzuwenden und die Glaubwürdigkeit unseres familien- und gesellschaftspolitischen Kompasses vollständig zu wahren“. In einer Stellungnahme teilte sie weiter mit: „Politische Führung bedeutet Vorbildfunktion. Wenn dieser Anspruch nicht mehr mit den eigenen Lebensentscheidungen in Einklang zu bringen ist, müssen die notwendigen Konsequenzen gezogen werden.“Jens Spahn ist als Vorsitzender der Unionsfraktion nicht mehr tragbar und muss zurücktreten.Daniel Peters, Chef des CDU-Landesverbands von Mecklenburg-VorpommernDie Thüringer Landesvorsitzende der Frauen Union, Marion Rosin, sagte der Funke-Mediengruppe, Leihmutterschaft sei in Deutschland aus guten ethischen Gründen verboten. Wenn die Glaubwürdigkeit eines Spitzenpolitikers verloren gehe, „ist Rücktritt eine Frage der Konsequenz“, sagte sie den Funke-Medien.Auch der CDU-Stadtverband Brilon fordert Spahn in einem offenen Brief zum Rücktritt auf. Brilon liegt im Hochsauerlandkreis, was wiederum der Wahlkreis von Kanzler Friedrich Merz ist. Der Stadtverband betonte ausdrücklich, dass es „nicht um die persönliche Lebensführung oder die sexuelle Orientierung eines Menschen“ gehe. Im Mittelpunkt stehe vielmehr die politische Glaubwürdigkeit des CDU-Politikers.Man halte das notwendige Vertrauen in ihn als Vorsitzenden der Bundestagsfraktion für nachhaltig beschädigt, heißt es in dem Schreiben, das auf der Internetseite des Stadtverbands veröffentlicht wurde. „Im Interesse der Glaubwürdigkeit unserer Partei sowie des Vertrauens unserer Mitglieder und Wähler fordern wir Jens Spahn auf, die politischen Konsequenzen zu ziehen und von seinem Amt als Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion zurückzutreten.“In dem Brief wird auf die Rechtslage in Deutschland und die Position der CDU verwiesen. Spahns Entscheidung stehe „in einem offensichtlichen Spannungsverhältnis“ zu den Grundüberzeugungen, für die die CDU seit Jahrzehnten eintrete. Weiter heißt es: „Wer als einer der höchsten Repräsentanten unserer Partei bewusst auf Möglichkeiten im Ausland zurückgreift, die den Wertentscheidungen des deutschen Rechts widersprechen, sendet ein fatales Signal.“Empfohlener redaktioneller Inhalt An dieser Stelle finden Sie einen von unseren Redakteuren ausgewählten, externen Inhalt, der den Artikel für Sie mit zusätzlichen Informationen anreichert. Sie können sich hier den externen Inhalt mit einem Klick anzeigen lassen oder wieder ausblenden. Externen Inhalt anzeigen Ich bin damit einverstanden, dass mir der externe Inhalt angezeigt wird. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr Informationen dazu erhalten Sie in den Datenschutz-Einstellungen. Diese finden Sie ganz unten auf unserer Seite im Footer, sodass Sie Ihre Einstellungen jederzeit verwalten oder widerrufen können. Der frühere CDU-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Bosbach bezeichnete Spahns Entscheidung als „politisch hochproblematisch“. Im Deutschlandfunk sagte er: „Wir als Politiker, wir machen die Regeln und wir verlangen von oder erwarten von 84 Millionen Menschen, dass sie sich an diese Regeln halten. Wenn auch nur der Eindruck entsteht, generell ja, aber für mich persönlich gilt das nicht, dann ist das fatal.“Noch schlimmer werde es, wenn der Eindruck entstehe, „man muss nur genug Geld haben, dann kann man in den USA über eine Agentur per Leihmutterschaft sich ein Kind besorgen“. Die Politik habe in den vergangenen Jahren ohnehin gewaltig an Vertrauen in der Bevölkerung verloren, sagte der frühere stellvertretende Unionsfraktionschef.Familien-Staatssekretär Michael Brand (CDU) übte in einem Gastbeitrag für die „Fuldaer Zeitung“ scharfe Kritik: „Was Jens Spahn hier getan hat, ist eine echte Zumutung und unglaubwürdig, das muss man so klar sagen.“ Die Union lehne Leihmutterschaft ab, „weil sie bekanntlich große Gefahren für die Leihmütter bringt, oft bis hin zur körperlichen Ausbeutung für die Wünsche reicher Auftraggeber“, schreibt der hessische Bundestagsabgeordnete.Die rheinland-pfälzische CDU-Bundestagsabgeordnete Ellen Demuth, schrieb in einer internen Chat-Nachricht an ihren Kreisverband, die „Politico“ vorliegt: „Ich fühle mich durch die Haltung unseres Vorsitzenden als Mitglied der christlich-konservativen Bundestagsfraktion nicht mehr repräsentiert.“ Ein Kind sei „kein Haustier oder ein Spielzeug, das man sich nach Belieben kaufen kann“.Demuth kritisierte die „eine Doppelmoral, die ich für unerträglich halte und die unserer Partei weiteren Schaden zufügt“. Zudem hätten Spahn und sein Ehemann „den Shitstorm aus meiner Sicht sehenden Auges provoziert“.Für mich persönlich wäre es nicht der richtige Weg.Stefan Evers, Spitzenkandidat der Berliner CDU für die Wahl zum AbgeordnetenhausDer Spitzenkandidat der Berliner CDU für die Wahl zum Abgeordnetenhaus, Stefan Evers, äußerte sich am Donnerstagabend am Rande der Queeren Wahlarena zur Berliner Abgeordnetenhauswahl, die von Tagesspiegel, CSD Berlin und LSVD veranstaltet wurde, zur Debatte zurückhaltend. Er sagte aber zum Thema Leihmutterschaft: „Für mich persönlich wäre es nicht der richtige Weg.“ Der Berliner CDU-Spitzenkandidat Stefan Evers © Tagesspiegel/Nassim Rad Er sehe das ethische Spannungsfeld, in dem sich dieses Thema und die Frage nach der Legalisierung der Leihmutterschaft bewegten. „Es gibt jetzt eine schwierige politische Debatte“, fügte er gegenüber dem Tagesspiegel hinzu. Das Thema Leihmutterschaft sei eines, „bei dem es echt schwer ist, Position zu beziehen“, sagte der CDU-Spitzenkandidat. „Ich sage ganz ehrlich: Ich glaube, wir Männer sind die Falschen, um diese Frage zu beantworten.“ Kubicki wirft Spahn „Doppelmoral“ vor Kritik am Verhalten des Unionsfraktionschefs wurde auch aus anderen Parteien laut. Der FDP-Bundesvorsitzende Wolfgang Kubicki schrieb auf der Plattform X, er gönne Jens Spahn und Hendrik Streeck jedes private Glück. „Was ich ihnen jedoch nicht durchgehen lasse, ist die Doppelmoral.“ Der CDU-Politiker Streeck ist dieses Jahr ebenfalls Vater eines Kindes geworden, das eine Leihmutter in den USA zur Welt brachte.„Ich erwarte von beiden ein klares politisches Bekenntnis, sich für die Schaffung entsprechender rechtlicher Grundlagen für eine nicht kommerzielle Leihmutterschaft auch in Deutschland einzusetzen – oder andernfalls von ihren Ämtern zurückzutreten“, schrieb Kubicki weiter.Empfohlener redaktioneller Inhalt An dieser Stelle finden Sie einen von unseren Redakteuren ausgewählten, externen Inhalt, der den Artikel für Sie mit zusätzlichen Informationen anreichert. Sie können sich hier den externen Inhalt mit einem Klick anzeigen lassen oder wieder ausblenden. Externen Inhalt anzeigen Ich bin damit einverstanden, dass mir der externe Inhalt angezeigt wird. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr Informationen dazu erhalten Sie in den Datenschutz-Einstellungen. Diese finden Sie ganz unten auf unserer Seite im Footer, sodass Sie Ihre Einstellungen jederzeit verwalten oder widerrufen können. Kubickis Parteifreundin Marie-Agnes Strack-Zimmermann kritisierte den CDUler auf X als „Heuchler“. „Jens Spahn ist als Politiker und CDU/CSU-Fraktionsvorsitzender untragbar“, schrieb die FDP-Politikerin. Einen ähnlichen Ton schlug Bettina Jarasch an, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus. Sie bezeichnete Spahns Verhalten im Gespräch mit dem Tagesspiegel als „bigott und heuchlerisch“. Die Grünen-Politikerin Bettina Jarasch © Tagesspiegel/Nassim Rad Er nimmt sich Rechte und Privilegien, die Menschen hier nicht haben.Bettina Jarasch, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus, über Jens SpahnEs passe nicht zusammen, eine Leihmutter aus dem Ausland zu bezahlen „und gleichzeitig hier polemisch gegen Leihmutterschaft Politik zu machen“, sagte die Grünen-Politikerin am Rande der Queeren Wahlarena zur Abgeordnetenhauswahl. „Er nimmt sich quasi Rechte und Privilegien, die Menschen hier nicht haben.“Der gesundheitspolitische Sprecher der Grünen-Fraktion, Janosch Dahmen, warf dem früheren Bundesgesundheitsminister vor dem Hintergrund des Verbots von Leihmutterschaften in Deutschland Doppelstandards vor. „Wer Regeln politisch propagiert, sollte nachvollziehbar erklären, warum sie für ihn selbst offenbar nicht gelten sollen“, sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Jens Spahn leitet grundsätzlich aus seinem Privatleben keine politischen Forderungen ab.Aus dem Umfeld des UnionsfraktionschefsAus dem Umfeld des Unionsfraktionschefs hieß es, für die USA-Entscheidung sei auch die rechtliche und wirtschaftliche Situation der Leihmutter ausschlaggebend gewesen. „Leihmutter kann dort nur werden, wer finanziell unabhängig ist, bereits eigene Kinder und ein geordnetes Familienleben hat.“ Spahns frühere Positionierung zu dem Thema Spahn war von 2018 bis 2021 Bundesgesundheitsminister – in seinen Zuständigkeitsbereich fiel damit das Embryonenschutzgesetz, in dem das Verbot von Leihmutterschaften geregelt ist. 2020 antwortete das Haus auf eine Kleine Anfrage der FDP-Fraktion, dass eine Änderung in der damals laufenden Legislaturperiode nicht geplant sei – und erklärte, die Ratio der Regelung liege „primär in der Wahrung des Kindeswohls“. Im Jahr 2015 hatte das Magazin „GQ“ Spahn, damals gesundheitspolitischer Sprecher der Unionsfraktion, mit den Worten zitiert: „Als schwuler Mann und Christ kann ich mich persönlich nur sehr schwer mit der Idee eines gemieteten Mutterbauchs anfreunden. Zu akzeptieren, dass ich nicht auf natürlichem Weg Vater werde, verlangt ein großes Maß an Demut. Ob ich das aufbringen kann, weiß ich nicht.“ (Tsp/dpa/AFP)Korrektur: In einer vorangegangenen Agenturmeldung hieß es, dass Spahn nicht an der Präsidiumssitzung teilnehmen wird. Das hat die dpa korrigiert und wir haben es im Text angepasst.
Vertrauen in Spahn „nachhaltig beschädigt“: Rücktrittsforderungen aus der Union werden lauter – CDU-Präsidium trifft sich am Montag
Die Union ist gegen Leihmutterschaften. Dass ihr Frontmann im Bundestag einen anderen Weg gegangen ist, provoziert Kritik. Vereinzelt gibt es Rücktrittsforderungen – auch aus dem Wahlkreis von Kanzler Merz.
















