Das Urteil des höchsten Gerichts der USA bringt das Ende der Milliardenzahlungen für Glyphosat-Klagen in Sicht. Damit wird die Aufspaltung des DAX-Konzerns wahrscheinlich, die erheblichen Wert für die Aktionäre schaffen könnte.Arne Gottschalck, «The Market NZZ»18.07.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenDas Logo des Pharmakonzerns Bayer im Chemiepark Leverkusen.Christoph Hardt / ImagoDies ist ein Artikel aus dem digitalen Finanzmagazin «The Market NZZ».Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Eine Entscheidung des Supreme Court der USA katapultierte am 25. Juni den Aktienkurs von Bayer um 19 Prozent in die Höhe, bis auf 47 Euro. Das oberste Bundesgericht hatte Tausenden Klagen gegen Bayer die Grundlage entzogen. Es ging um Schadenersatz in Milliardenhöhe wegen angeblich unzureichender Krebswarnhinweise auf den Verpackungen von Unkrautvernichtern. Das Urteil ist bahnbrechend, und daraus erwachsen zwei Fragen. Die offenkundige ist die, ob das operative Geschäft von Bayer aus Anlegersicht nun wieder einen Blick wert ist. Die noch spannendere Frage indes betrifft die Struktur des Konzerns.Der Bayer-DreiklangDas Leverkusener Unternehmen ist auf drei Feldern aktiv. Das Pharmasegment liefert Medikamente gegen schwere Erkrankungen wie Krebs. Bei Consumer Health geht es eher um frei verkäufliche Präparate. Crop Science wiederum bedient die Landwirtschaft, mit Saatgut oder Pflanzenschutzmitteln wie Roundup, das auf dem Wirkstoff Glyphosat beruht. 2018 hatte Bayer den Roundup-Hersteller Monsanto übernommen und in die Crop-Science-Sparte integriert.Roundup lastete in den vergangenen Jahren bleischwer auf Bayer. Viele Nutzer hatten eine Krebserkrankung auf die Verwendung dieses Mittels zurückgeführt und juristische Ansprüche geltend gemacht. Rund 65 000 Klagen sind dazu aufgelaufen. Um sie juristisch zu bekämpfen, braucht es gute Argumente. Der Gerichtsentscheid hat sie geliefert. «Ein Meilenstein für Bayer», sagt Markus Manns, Pharmaexperte und Portfoliomanager bei Union Investment. Tatsächlich gibt es keine höhere Instanz, bei der Rechtsmittel gegen das Urteil eingelegt werden könnten.Um aber auch anders begründete Klagen und langwierige Prozesse zu vermeiden, strebt der Konzern die finale Genehmigung eines grossen Sammelvergleichs über bis zu 7,25 Milliarden Dollar an. Am 19. August soll eine Anhörung dazu stattfinden. Stimmt das Gericht zu, ist der Vergleich rechtskräftig.Angesichts dieser Aussichten dürften Investoren nun auch wieder auf die Fundamentaldaten schauen, schreiben die Oddo-Analysten Stephan Wulf und Michael Schäfer in einer Studie.Erweitern Sie Ihr NZZ-Abonnement um «The Market NZZ»Als NZZ-Kunde erhalten Sie «The Market NZZ» für 29.60 Euro statt 37 Euro im Monat. Testen Sie jetzt das flexible Angebot. Monatlich kündbar.Zum rabattierten Angebot für NZZ-AbonnentenGrosse Trends, aber nur kleine SchritteBayer könnte von der wachsenden und alternden Bevölkerung profitieren, die mehr Lebensmittel und Medizin benötigt. Allerdings gelingt dies seit Jahren nicht.Mehr noch: Keines der drei Segmente überzeugte in letzter Zeit.Der Gewinn sank zwischen 2022 und 2025 stetig: Selbst ohne die Anrechnung der juristischen Lasten fiel der Ebitda vor Sondereinflüssen von 13,5 auf 9,7 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Novartis, im Pharmasektor ein Bayer-Konkurrent, steigerte den Gewinn im selben Zeitraum von 12,2 auf 20,6 Milliarden Euro. Der Gewinn von Corteva Agriscience, spezialisiert auf Saatgut und Pflanzenschutzmittel, wuchs zwischen 2022 und 2025 immerhin von 2,9 auf 3,3 Milliarden Euro. Das zeigt, dass die Märkte durchaus Chancen bieten, Bayer sie anders als mancher Konkurrent aber nicht nutzte.Im Pharmasegment liegt die Ursache für diese Entwicklung unter anderem darin, dass für Blockbuster-Medikamente die Patente schrittweise auslaufen und damit neue Konkurrenten aufkommen. Das gilt für Xarelto (verhindert die Blutgerinnung) genau wie für Eylea (behandelt Augenkrankheiten). Beide gehören zu den umsatzstärksten Medikamenten des Hauses.Crop Science leidet vor allem unter den juristischen Belastungen, aber auch unter Wettbewerbsdruck durch Generika bei Pflanzenschutzmitteln.Consumer Health wiederum krankt daran, dass es in Relation zu den anderen Segmenten klein ist und nicht in ihrem Umfang skalieren kann.Profitabilität und Rentabilität leidenDas lastet auf der Profitabilität. Die Ebitda-Marge vor Sondereinflüssen ist von 2022 bis 2025 von 27 auf 21 Prozent gesunken. Die Rendite auf das investierte Kapital (Roic) ist sogar ins Negative gekippt.Zum Vergleich: Der Pharmakonkurrent Novartis lieferte 2025 einen Roic von nahezu 19 Prozent, Corteva an die 5 Prozent. Entsprechend hinkte Bayer der Konkurrenz an der Börse lange hinterher.Gesenkte Kosten und neue UmsatztreiberDas Management fokussiere auf ein «strenges Kostensenkungsprogramm», sagt Silvan Betschart, Chief Investment Management bei Reichmuth & Co. Privatbankiers. Der CEO Bill Anderson will Hierarchien abbauen und Entscheidungsprozesse beschleunigen. Damit sollten bis Ende 2026 rund 2 Milliarden Euro eingespart werden, hiess es am Kapitalmarkttag 2024. Ein erklärtes Ziel ist der Schuldenabbau. Tatsächlich sind die Nettofinanzschulden seit 2023 gesunken.Beim Free Cashflow (FCF) lässt die Trendwende auf sich warten.Beim Umsatz geht es leicht voran, für 2026 erwartet Bayer eine Entwicklung zwischen 0 und 3 Prozent. Der Ebitda vor Sondereinflüssen soll über 9 Milliarden Euro liegen. Operativ habe Bayer schon vor einigen Quartalen die Kehrtwende vollzogen, urteilt Betschart von Reichmuth & Co.: «Die Zeit der regelmässigen Gewinnwarnungen scheint vorbei zu sein.»Neue Umsatzbringer sind absehbar. Bei Crop Science könnte es das Hochleistungssaatgut Preceon sein. Der Mais soll mehr Ertrag liefern, aber auch resilienter gegen Schädlinge, Wind und Wetter sein.Im Pharmasegment ist die Pipeline gefüllt mit dem Xarelto-Nachfolger Asundexian oder Elinzanetant (gegen Wechseljahresbeschwerden). Das Krebsmedikament Nubeqa wiederum könnte auch bei zusätzlichen Indikationen zur Anwendung kommen.Der Ruf nach der Aufspaltung wird lauterNach dem Urteil gerät aber auch eine Frage wieder in den Fokus der Anleger: die nach der Aufspaltung des DAX-Konzerns.Die Analysten Virginie Boucher-Ferte, Tristan Lamotte und Rajiv Dalal von der Deutschen Bank haben in einer Studie vom 2. Juli geschrieben, eine Aufspaltung (Break-up) des Konzernportfolios sei nicht eine Frage des Ob, sondern des Wann und Wie. Von einer «freundschaftlichen Trennung am Horizont» schreibt Berenberg. Und der Oddo-BHF-Analyst Stephan Wulf kann sich vorstellen, dass Spin-offs nun wieder auf den Tisch kommen, von Crop Science oder von Consumer Health. Er hält ein Closing 2028 für denkbar. Einfacher wäre die Abspaltung bei Consumer Health, weil die Sparte keine Altlasten trägt. Die Deutsche-Bank-Analysten schätzen den erwartbaren Erlös für Consumer Health auf 18 bis 19 Milliarden Euro.Die Deutsche-Bank-Analysten nennen konkrete Gründe, warum die Aufspaltung des Konzerns die Bewertung steigern würde. So könnten manche Grossanleger dann in das Pharmageschäft investieren, denen dies aufgrund von Nachhaltigkeitsvorschriften bis jetzt unmöglich ist, weil diese oft Agrar-Gentechnik und Pestizide verbieten. Derzeit sei ausserdem die Hälfte der mit Bayer befassten Analysten vor allem mit der Chemiebranche betraut und besitze oft keine Expertise für den Gesundheitsbereich: «Das Pharmaportfolio wird unterschätzt.»Bei ihrer Bewertung der Sparten kommen die Deutsche-Bank-Analysten auf 61 Milliarden Euro für Crop Science, 47 Milliarden Euro für die Pharmasparte und 19 Milliarden Euro für Consumer Health. Abzüglich der kostenzehrenden Verwaltung (Other) ergibt das eine Bewertung von 121 Milliarden Euro. Nochmals abzüglich der Nettoschulden und anderer Verbindlichkeiten entspricht das einem Wert des Eigenkapitals von 83 Milliarden Euro. An der Börse ist der Konzern dagegen nur 48 Milliarden Euro wert. Die Sum-of-the-Parts-Bewertung ergibt einen fairen Aktienkurs von 84 Euro, also ein rechnerisches Aufwertungspotenzial von 75 Prozent zum derzeitigen Aktienkurs bei 47 Euro.Auch Investoren sehen eine Abspaltung am Horizont heraufdämmern. «Nach dem Gewinn vor dem Supreme Court und angesichts einer möglichen Einigung mit den Klägern hat Bayer die strategische Flexibilität, das Monsanto-Geschäft mittelfristig in den USA an die Börse zu bringen», sagt der Union-Investment-Fondsmanager Manns.Tatsächlich habe auch Bayer zu dem Eindruck beigetragen, Abspaltungen nicht ablehnend gegenüberzustehen, so Martin Wirth, Gründer des Vermögensverwalters Frankfurt Performance Management (FPM). Immerhin habe das Unternehmen mit Ruveon eine eigene Gesellschaft gegründet, in die das Glyphosat-Geschäft eingebracht werden solle. Ausserdem hat es eine neue Gesellschaft gegründet, in die das Verhütungsgeschäft mit reversiblen Langzeit-Kontrazeptiva eingebracht wird. Apollo Global Management investiert dort 3 Milliarden Euro. Bayer selbst will die vollständige operative Kontrolle über das Geschäft behalten.Der Fondsmanager Wirth geht davon aus, dass die bisherigen drei Sparten unabhängig voneinander wahrscheinlich effizienter wirtschaften würden als derzeit im Konglomerat.Das Management scheut keine harten SchnitteDer CEO Anderson gilt als Manager, der alte Zöpfe nicht neu frisiert, sondern abschneidet. Bei Roche zum Beispiel, deren Pharmasektor er zwischen 2019 und 2022 vorstand, hat er hierarchische Strukturen geschliffen. Auch als Genentech-CEO straffte er die Organisation.Eine weitere Personalie liesse sich ebenfalls in diese Richtung lesen: Nachdem der Finanzchef Wolfgang Nickl Ende Mai in den Ruhestand getreten ist, hat Judith Hartmann seine Position übernommen. Sie war zuvor Operating Partner beim Private-Equity-Haus Sandbrook Capital. Ihre Erfahrungen im branchentypischen Dealmaking dürften bei Abspaltungen und Verkäufen hilfreich sein.BASF könnte eine Vorlage für die Fokussierung liefern. Der DAX-Konzern will 2027 einen Teil des Geschäfts mit Pflanzenschutzmitteln und Saatgut an die Börse bringen. Obwohl der Börsenaspirant nur gut ein Sechstel des Umsatzes liefert, soll der Wert des Spin-off bei mehr als 20 Milliarden Euro liegen. BASF insgesamt hat einen Börsenwert von gut 43 Milliarden Euro.Ist Bayer angesichts der Herausforderungen fair bewertet?Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), berechnet anhand des für die kommenden zwölf Monate erwarteten Gewinns, liegt über dem langjährigen Schnitt.Der Gewinn von Bayer ist seit 2023 eingebrochen. Allerdings erwarten die bei Bloomberg erfassten Analysten eine Trendwende: Ab 2026 soll der Jahresüberschuss wieder die Marke von 4 Milliarden Euro übertreffen, die er noch 2022 und auch bis 2019 schon überboten hatte. Zu dem für 2026 erwarteten Gewinn beträgt das KGV nur noch knapp 11.Niedrig bewertet ist Bayer im Vergleich mit der Konkurrenz. Vordergründig gibt es gute Gründe dafür. Immerhin wächst Bayer langsamer. Auch die Relation zwischen Nettoschulden und Gewinn (Ebitda) ist 2025 schlechter: Die Nettoverschuldung stieg 2025 wegen des Gewinneinbruchs stark, auf den 9,6-fachen Ebitda. Die Deutsche Bank rechnet für 2026 mit einem Rückgang der Verschuldungskennziffer auf das 3,3-Fache des Ebitda. Die Bewertung spiegelt insgesamt vor allem noch die schwierige Vergangenheit, ohne die positiven Anzeichen aufzunehmen.Dank dem Urteil in den USA ist Bayer wieder auf dem Schirm der Anleger aufgetaucht. Das Management hat den Turnaround eingeleitet und erhält nun die Chance, das operative Geschäft zu stärken. Schon das macht das Unternehmen interessant. Dazu kommt die Möglichkeit einer Aufspaltung des Konzerns, die verborgenen Wert aufdecken könnte. Bayer ist damit für krisenfeste Anleger mit Geduld einen Blick wert.
Bayer nach dem Glyphosat-Debakel: abspalten statt abschreiben
Das Urteil des höchsten Gerichts der USA bringt das Ende der Milliardenzahlungen für Glyphosat-Klagen in Sicht. Damit wird die Aufspaltung des DAX-Konzerns wahrscheinlich, die erheblichen Wert für die Aktionäre schaffen könnte.






